Corel? Die gibt es noch?

Neulich bin ich durch Zufall auf einer Webseite gelandet, wo CorelDraw 2017 feilgeboten wurde. Spontaner Verblüffungsmoment: «Die gibt es noch?»

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Nach 22 Jahren und x Versionen immer noch vertraut.

Ich habe seinerzeit, 1995 muss es gewesen sein und wahrscheinlich mit der Windows 95-Euphorie zu tun gehabt haben, CorelDraw 6.0 erstanden. Falls mich die Erinnerung nicht täuscht, habe ich dafür 360 Franken hingelegt. Das war ein dickes Paket mit der Vektorgrafiksoftware Draw, dem Bildbearbeitungsprogramm CorelPaint und den typischen Dreingaben, für die Corel so berüchtigt ist: Also Schriften en masse und Tonnen von ClipArts. Der Kauf hatte stattgefunden, als mein Computer noch nicht am Internet hing. Darum hielt man diese Sammlungen damals für besitzenswert, weil man nicht einfach mal kurz online gehen und sich eine Schrift oder ein passendes Foto besorgen konnte.

Was ich mit dieser Software so getrieben habe, ist mir im Detail nicht mehr präsent. Abgesehen von einer Sache: Den grossartigen Clickomania-Hintergrund habe ich in CorelDream 3D selbst gerendert.

CorelDraw ist so ein Fall. Die Software war so günstig, dass auch ein armer Student wie ich sie sich leisten konnte – und ich war überzeugt, einen grossartigen Deal gemacht zu haben. Man bekam nämlich massig Zeug für sein Geld: Ein halbes oder ganzes Dutzend Programme mit einer enormen Funktionsvielfalt, plus sagenhafte Mengen an Zugaben, namentlich die erwähnten Fonts und Cliparts.

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Aussen hui, innen buggy: Das war CorelDraw 6.

Trotzdem dieses CorelDraw 6 ein schauderhaftes Produkt. Corel hat es gleichzeitig mit Windows 95 auf den Markt gebracht und zwar in einem unfertigen Zustand. Ich glaube, ich habe die Software nie mit dem Beenden-Befehl beendet. Sie hat sich, egal für wie kurz man sie benötigt hat, immer selbst per Absturz terminiert. Und wie gesagt: Damals herrschte das Vor-Internet-Zeitalter. Software wurde nicht mal schnell automatisch aktualisiert. Man blieb auf den Fehlern seiner Software hocken.

Ich habe im «InfoWorld» vom 14. Oktober 1996 den Artikel «Corel faces buggy software backlash» zum Thema gefunden:

ALTHOUGH MANY USERS Say the latest release of its CorelDraw flagship is the company’s most stable in a long time, Corel Corp.’s reputation for shipping buggy software may be catching up to the company.
“[CorelDraw 6.0 is) a pretty stable first release,” said Daniel Will-Harris, a Marin, Calif.-based desktop publishing author and CorelDraw beta tester. “The new version is more robust than any of their previous versions.”
Nevertheless, some users are suggesting that the company is playing semantic games with its definition of a bug-fix version.
And the company still faces a class action lawsuit filed last june that states the company “inadequately tested and prematurely released” the upgrade as well as three previous versions of the design and illustration package.
The suit was filed in Pennsylvania state court by CorelDraw user Jeffrey Fishbein of Selinsgrove, Pa., and amended last week to include Version 6.0, said Fishbein’s attorney Steven Angstreich, of Levy, Angst reich, Finney, Baldante, Mann & Burkett, P.C., in Philadelphia.
Corel representatives said earlier this month that CorelDraw 6.0 is stable enough to put off a maintenance release until next month, attributing the improved stability to a new program of paid beta testers.
But some CorelDraw beta testers said this timetable hides the fact that the company released a major bug-fix version within days of shipping the upgrade and disguised it as the final release.
A Corel representative acknowledged the company first shipped a release candidate of CorelDraw
labeled CorelDraw 6.00.112.
The company immediately discovered a showstopper bug that crashed the program when two different fonts were used in a single text stream, and released a fix a few days later labeled CorelDraw 6.00.118.
The first build of the program is no longer in manufacturing but an undetermined number of copies made it to retail outlets, the company confirmed. Users can upgrade to the latest build for free by calling a toll-free number, but they may be put on a waiting list.
Last week some beta testers said Corel should have known better.
“6.00.112 should never have gone out the door,” said Ed Waldorph, a Corel-paid beta tester and owner of R.A.M. Graphics, in San Francisco. “I absolutely, unequivocally told them this release was not ready.”
Waldorph was not the only one.
“Many of us told them ‘Do not ship [build6.00.112),’” said another paid CorelDraw beta tester who asked to not be named. “They don’t care; the date rolls around and they ship it. The [.112 to .118) is the quickest bug release to date.”
Other users said that, despite the improvements to its quality-control process, Corel’s release schedules are still too driven by marketing criterion, in this case, a desire to coordinate the 32-bit application’s release with that of Windows 95.
“Version 6.0 is better than Version 5.0 or 4.0, but it had a number of problems known by Corel,” said a volunteer CorelDraw beta tester who asked to not be named. “The main decision for releasing is the date. When Corel says they wait for the green light from beta testers, it’s simply a lie.”
Corel, based in Ottawa, can be reached at (800) 772-6735.

Das bestätigt alles, was ich damals bloss vermutet habe. Marketing-Sachzwänge waren wichtiger als die Softwarequalität. Und dieses Image schadet dem Unternehmen bis heute: Ich zucke instinktiv zurück, wenn ich mir vorstelle, mit einem Corel-Produkt ernsthaft arbeiten zu müssen. Ich spiele gerne damit herum, weil ein Corel-Programm eine Wundertüte an lustigen Funktionen ist und oft auch innovativ. Ich erinnere mich an Dinge wie den Live-Verlauf, wo man über eine Art Ankerpunkte direkt in der Grafik selbst Farben und Richtung definieren konnte – was gegenüber der Arbeit mit Dialogboxen eine enorme Verbesserung war. Doch geschenkt: Wenn es um Verlässlichkeit geht, dann mache ich einen grossen Bogen um diese kanadischen Softwareerzeugnisse.

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Das Pixelbearbeitungsprogramm PhotoPaint. Alte Liebe rostet doch.

Der Vorbehalte zum Trotz habe ich es mir nicht nehmen lassen, die Demoversion von CorelDraw 2017 anzusehen – ohne sie nun im Detail zu studieren. Das Verblüffende an der Sache: Sie stürzt nicht ständig ab.

… nein, Pardon, unfairer Seitenhieb. Das Verblüffende an der Sache ist, dass ich mich sofort zurechtgefunden habe. Die Benutzeroberfläche mit der vertikalen Farbpalette am rechten Rand, die Menüstruktur und die Symbolleisten – das ist alles sehr vertraut.

Nun kann man sich darüber streiten, ob das ein gutes oder, nach 22 Jahren, nicht doch eher ein schlechtes Zeichen ist und auf Stagnation hindeutet. Ich masse mir kein Urteil an, wie weit Corel heute noch auf der Höhe der Zeit ist. Ich denke, man könnte damit ernsthaft arbeiten, wenn man nicht auf Kompatibilität zur Adobe-Welt angewiesen ist. Allerdings, wenn man sich heute bewusst gegen Adobe entscheidet, würde ich mich erst bei der modernen Konkurrenz wie dem Affinity Designer umsehen.

Trotzdem: Schade, dass Corel es über die Jahrzehnte nicht geschafft hat, zu einem ernsthaften Adobe-Konkurrenten zu werden. Das würde Not tun und Corel hätte auch die Chance gehabt. Doch die wurde vertan, weil das Unternehmen schlecht gemanagt war und sich verzettelt hat – mit unpassenden Übernahmen wie WinZip und verfehlten Expansionsstrategien (zum Beispiel: Corel Linux). So bleibt für mich und für die allermeisten Bewohner der digitalen Welt Corel nur eine Randnotiz der Software-Geschichte.

Autor: Matthias

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