Die Sau im Dorf

Inzwischen könnte man 24 Stunden im Tag damit zubringen, seinen Status irgendwo zu veröffentlichen, sich in sozialen Netzwerken zu tummeln, der Welt mitzuteilen, wo man ist, was man isst, was man kauft, sieht und von anderen hält. GoWalla, Google Latitude, Foursquare sind GPS-Spielzeuge. Blippy ist die Konsumterror-Community. Als aufgeschlossener bzw. nichts verpassen wollender Webzweinuller macht man das alles mit, meldet sich überall an und reitet auf jeder Sau durchs Dorf, die gerade durchgetrieben wird.
Da fallen einem verschiedene Dinge auf.
Erstens wäre es fürchterlich praktisch, wenn man sich endlich überall mit einem allgemeingültigen Login anmelden könnte. Open-ID ist das Stichwort dazu. Bei manchen Diensten übernimmt auch Facebook die Rolle des Türöffners. Aber will man Facebook diese Rolle wirklich anvertrauen? Zumal Facebook ab Juli 2010 fünf Dollar pro Monat kostet. Oder auch nicht. Dass der Dienst kostenpflichtig wird, ist nicht offiziell bestätigt und könnte auch eine Falschmeldung sein (editiert 24.1. – siehe Kommentare). Apropos: Ich bin gespannt, wie sich das auf die Nutzerzahlen auswirken wird. Viele werden es wohl mit Andrea Bocelli halten und die Zeit für reif, Goodbye zu sagen. Ich halte es für stossend, wenn ein ursprünglich kostenloser Dienst plötzlich Geld will. Das nehme ich Feiertagskalender.ch heute noch übel. Ein kostenloser Basisdienst mit Premiumfunktionen, für die man halt fünf Dollar bezahlt, hielte ich für einen akzeptablen Kompromiss.
Zweitens ist es grässlich, wie sehr die Nutzung dieser Dienste auf die iPhone-Batterie geht. Dreimal sich irgendwo mit GoWalla einchecken, und schon ist der Akku zur Hälfte leer. Facebook-Push einschalten und die Laufzeit verringert sich um zwei Drittel. Da sieht man mal, wie energieraubend es ist, ein soziales Wesen zu sein.
Drittens ist der Zeitbedarf für diesen Kram enorm. Bei mir bewähren sich die Dinge, die man nebenbei tun kann, während «toten» Zeiten, am Bahnhof, im Zug, beim Warten oder auf dem Sofa liegend, wenn man nichts Anspruchsvolles treibt (sprich: fernsieht).
Viertens: Und man sollte keine Skrupel haben, Diensten den Rücken zuzuwenden. Im Gegenteil; es braucht ein Ritual, um eine überwundene Mitgliedschaft bei einem sozalen Netz zu Grab zu tragen. Mein Kollege Roger Zedi hat neulich eine Möglichkeit beschrieben. suicidemachine.org ist mir etwas zu moralinsauer und mir fehlt der Friedhof, wo man seine toten Daten ab und an besuchen kann – und jeder sieht, was man hinter sich gelassen hat.

Autor: Matthias

Diese Website gibt es seit 1999. Gebloggt wird hier seit 2007.

2 Gedanken zu „Die Sau im Dorf“

  1. Stimmt; die Meldung wird immer mal wieder rumgereicht. Ich habe in einer neueren Meldung gelesen, Zuckerberg hätte das höchstselbst bestätigt. Es kann aber sehr gut sein, dass das auf der alten Falschmeldung beruht. Darum habe ich den Beitrag entsprechend angepasst. Vielen Dank für den Hinweis.

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