Mit dieser App ist der Bestseller-Roman ein Klacks

Wie jeder (halbwegs) kreative Mensch habe auch ich die Idee im Hinterkopf, irgendwann mal einen Roman zu schreiben. Oder ein Drehbuch. Oder zumindest ein kleines Hörspiel oder ein Kinderbuch.

Das Dumme ist nur, dass es leider nicht damit getan ist, ein paar gerade Sätze aufs Papier oder den Bildschirm zu bringen. Es reicht auch nicht, dass man es schafft, eine Situation stimmungsvoll zu beschreiben oder sich einen knackigen Dialog auszudenken.

Nein, leider nicht. Das sind zwar die Disziplinen, die handwerklich aktive Schreiber wie ich einigermassen hinbekommen. Aber die reichen leider noch nicht einmal für eine Kurzgeschichte. Denn nebst dem Schreiben muss man sich einen Plot ausdenken, Figuren erschaffen und die passenden Orte für die Handlung wählen.

Und je nach angestrebter Dichte und Komplexität, muss man nicht nur eine, sondern sogar mehrere Realitätsebenen schaffen:

Hier wird man sich über sein Personal im Klaren.

Unverzichtbar ist die offensichtliche Handlungsebene. Auf die sattelt man, wenn man ausreichend ehrgeizig ist, die psychologische Ebene obendrauf. Und wenn das nicht reicht, befrachtet man sein Werk auch mit einer gesellschaftlichen Ebene und liefert eine Allegorie ab. Versteht sich von selbst, dass alle diese Ebenen stimmig sein sollten, ineinandergreifen müssen und für den Leser Sinn zu ergeben haben.

Das ist dann leider genauso anspruchsvoll, wie es klingt. Und je nach Milieu und Umfeld kommt noch ein gigantischer Rechercheaufwand obendrauf: Wie würde ein Polizeiinspektor in dieser oder jener Situation formal vorgehen? Welche Verhörtechniken wendet er an? Wie sind die Hierarchien, wo redet ihm sein Chef rein? Das kann man sich alles ausdenken – aber vielleicht möchte man ja, dass die Geschichte authentisch wirkt und eingeweihte Leser nicht mit einem mitleidigen Schnauben den Buchdeckel zuklappen.

Wie knifflig das womöglich ist, führt einem die Story Planner-App vor Augen, die es für 9 Franken fürs iPhone und iPad und für 18 Franken für den Mac gibt.

Aus den einzelnen Szenen entsteht eine Geschichte.

Sie stellt fünf Bereiche zur Verfügung:

  • Bei Projekt erfasst man Titel, Prämisse, das Thema, Genre und eine kurze Zusammenfassung. Das sind die Felder, mit denen man auch den Verlag überzeugen würde, das Buch zu verlegen.
  • Bei Charaktere entwickelt man seine Figuren. Man trägt Name, Funktion in der Handlung, das Alter und eine physische Beschreibung ein. Plus ein äusseres und ein inneres Ziel. Das äussere Ziel lautet im Beispielprojekt «The Master Cat» für den König, seine Tochter an einen reichen Mann zu verheiraten. Das innere Ziel ist, den finanziellen Ruin des Königreichs abzuwenden.
  • In der Rubrik Orte werden die Handlungsorte eingetragen. Bei einem Film wäre sie die Vorgabe für den Location Scout. Man gibt dem Ort einen Namen, wählt innen oder aussen und erfasst eine Beschreibung.
  • Bei Plot umreisst man die Handlung. Man darf mehrere Plots haben, die man als Haupt-, Neben- und Parallelplot beschreibt. Und man kann seinen Plot mit einer Farbe markieren. So sieht man dann bei den Szenen, welchem Plot diese hauptsächlich dient.
  • Schliesslich die Szenen: Hier sieht man, nach Akten gegliedert, den Ablauf der Geschichte. Im Buch wären das die Kapitel oder unter Umständen auch Kapitelteile. Jede Szene hat einen Titel, eine Erzählperspektive und eine Liste der handelnden Personen und der verwendeten Handlungsorte. Es gibt eine Handlungsrichtung (Aktion, Reaktion, Einstellung), eine Angabe zur Spannung (Einführung, Beschreibung, Erregendes Moment, Konflikt, Überraschungsmoment, Ansteigende Handlung, Höhepunkt, Krise, Fallende Handlung, Enthüllung und Auflösung). Man weist die Szene einem Plot zu, wählt Datum und Zeit für den Start und das Ende und beschreibt, was passiert.

Lustigerweise kann man bei den Orten und Figuren auch ein Foto hinzufügen. Das hilft sicher, wenn man sich an einem Vorbild orientiert oder genügend Talent hat, eine kleine Skizze anzufertigen.

Mich würde brennend interessieren, wie viele Autoren dieser oder einer ähnlichen App arbeiten – und welche sich das alles im Kopf zurechtlegen. Wenn man ein Werk in der Grössenordnung von A Song of Ice and Fire plant, dann tut man sicher gut daran, sich zumindest einen Zettelkasten zu den Figuren anzulegen.

Wie gut die App funktioniert, kann ich leider nicht beurteilen, da ich sie noch nicht zum Schreiben eines Romans verwendet habe. Die Funktionsweise ist aber absolut einleuchtend. Falls es jemals so weit kommen sollte, dass ich ein eigenes Romanprojekt in Angriff nehmen werde (in dem es um Zeitreisen und/oder Multiversen geht), dann werde ich sicher diese oder eine ähnliche App benutzen.

Die Szene wird in der fiktiven Handlung verortet.

Denn sie ist offensichtlich eine Hilfe, die Informationen über die Figuren zu gliedern und sich zum Beispiel über den zeitlichen Ablauf der Geschichte im Klaren zu werden. Das ist, gerade bei spannungsgetriebenen Handlungen wie Thrillern oder Krimis ein entscheidender Faktor – und sollte man auf die Idee verfallen, die Geschichte nicht linear erzählen zu wollen (um Leser wie mich zu quälen), dann ist es umso wichtiger, den Verlauf klar und deutlich vor Augen zu haben.

Klappt das auch mit komplexen Geschichten, mit parallelen Erzählsträngen, vielen Figuren und sprunghaften Handlungselementen? Diese Beurteilung kann mein Blogpost hier leider nicht leisten. Ich habe aber den Verdacht, dass die App noch ein bisschen mehr tun könnte, um frischgebackenen Autoren bei ihrem Erstlingswerk zu helfen. Ich fände eine Visualisierung des Handlungsablaufs sinnvoll:

Eine Art Zeitstrahl für den Plot, bei dem man sieht, wie die Szenen in Verbindung stehen. Etwas Ähnliches wäre auch für die Charaktere sinnvoll: Man würde auf einer chronologischen Achse sehen, wo sich die Figuren begegnen und was dabei passiert. Wie jeder Krimileser weiss, ist es mitunter von entscheidender Bedeutung, wann sich zwei Figuren zum ersten Mal begegnet sind – und ob sich X und Y nun persönlich kennen oder nicht.

Auch ist mir nicht klar, warum die App keine Querverweise zwischen den einzelnen Datensätze macht. Bei jeder Figur sollte aufgelistet werden, in welcher Szene sie mitwirkt und an welchen Orten sie auftaucht. Desgleichen bei den Orten: Hier will man wissen, welche Szenen an diesem Ort spielen.

Ein bisschen etwas sieht man davon über die Statistik: Hier sieht man, wie lange die fiktive Handlung dauert, in wie vielen Szenen eine Figur auftaucht und welches die wichtigen Orte sind. Trotzdem verspielt die App in Sachen Analyse- und Visualisierungsmöglichkeiten ihr Potenzial. Aber ich hoffe auf ein Update…

Man kann in Story Planner mehrere Projekte anlegen und verwalten – für die Leute, die während der Arbeit am Erstling schon die Fortsetzung ins Auge fassen. Die App bietet in den jeweiligen Rubriken die Möglichkeit, die Daten als Rich Text, unformatierter Text, PDF und Docx zu exportieren oder zu drucken. Auch sagt der Hersteller, dass die App mit dem Drehbuch-Editor Final Draft und dem Autoren-Outlining-Programm Scrivener zusammenarbeitet. Die wären ihrerseits einmal einen Test wert.

Beitragsbild: Früher ging es doch auch ohne (Hector Laborde/Unsplash, Unsplash-Lizenz).

Autor: Matthias

Computerjournalist, Familienvater, Radiomensch und Podcaster, Nerd, Blogger und Skeptiker. Überzegungstäter, was das Bloggen angeht – und Verfechter eines freien, offenen Internets, in dem nicht alle interessanten Inhalte in den Datensilos von ein paar grossen Internetkonernen verschwinden. Wenn euch das Blog hier gefällt, dürft ihr mir gerne ein Bier oder einen Tee spendieren: paypal.me/schuessler

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