Der Asymmetrie den Kampf angesagt

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«Saurons Auge»

Es gibt eine Handvoll Tricks, mit denen auch komplette Kunst-Noobs hübsche Ergebnisse erzielen. Der erste Trick ist das Durchpausen, das man bei Fresh Paint (Das Kind in mir will den Surface Pro zum Malen) oder Sketchbook (Lasst uns den Pinsel schwingen!) praktizieren kann. Der zweite Trick macht sich die Symmetrie zunutze. Die Idee dahinter ist simpel: Wir empfinden Bilder tendenziell als hübscher, wenn sie eine auf den ersten Blick erkennbare Struktur haben. Auf symmetrie.org wird doziert, dass die Symmetrie einen Blick für Gleichmass, Ebenmass, Schönheit, Form, Raum, Dekoration, Ausstattung, Architektur und vieles andere mehr eröffnet. Andererseits behauptet einer in den Ordnungsprinzipien des Bildaufbaus, die Asymmetrie sei genauso ein legitimes Gestaltungsmittel. Da verstehe einer die Künstler! Trotz eines so widersprüchlichen Regelbuchs von Subventionen leben, jaja…

Äh, wo war ich. Genau: Die App Spirality (2.10 Franken im Windows Store) erhebt die Ausmerzung jeglicher Asymmetrie zum absoluten Gestaltungsprinzip. Es gibt verschiedene Pinsel: Die Single Brush wird an einer vertikalen Achse gespiegelt. Mit ihr zeichnet man Säulenhaftes und Gedrechseltes.

Die Spread Brush funktioniert ähnlich, nur dass sie nicht einen einzigen Strich, sondern mit einer Bewegung der Maus oder des Stifts mehrere Striche aufs Mal zeichnet, die mal weiter auseinanderlaufen und mal enger zusammenrücken – und ebenfalls anhand der senkrechten Mittellinie gespiegelt wird. Im Menü zu diesem Werkzeug stellt man die Zahl der synchronen Linien zwischen 2 und 64 ein. Mit einer höheren Zahl erhält man mit zwei, drei Strichen eine Wellenlandschaft, inklusive Moirés, wo viele Fäden in unterschiedlichen Winkeln aufeinandertreffen.

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Einmal mit der «Spread Brush» quer über die Zeichenfläche gerauscht…

Die Spiegelung lässt sich übrigens beim Knopf Mirror Strokes auch ausschalten. Leider ist es nicht möglich, von der vertikalen auf eine horizontale oder eine gekippte Spiegelungsachse zu wechseln. Das scheint mir ein Versäumnis.

Das lustigste Instrument ist jedoch die Spiral Brush, die der App ihren Namen gegeben hat. Sie repliziert die gezeichnete Linie drehsymmetrisch: Ausgehend vom Mittelpunkt wird die Linie um eine bestimmte Gradanzahl versetzt repliziert. Mit der Einstellung 2 wird die Linie im 180-Grad-Intervall gedreht: Fährt man im linken oberen Quadranten hoch, dann fährt gleichzeitig eine Linie im rechten unteren Quadranten nach unten. Mit der Einstellung 3 erfolgt die Versetzung um 120 Grad, mit 4 um 90 Grad und … naja, halt einfach immer 360° geteilt durch das, was man gerade eingestellt hat.

Das allein sieht mit einer Anzahl ab etwa 20 Linien durchaus amüsant aus: Man erhält mit ein paar Bewegungen über den Mittelpunkt hinaus hübsche sternförmige Objekte, die wiederum an die Fadenbilder erinnern, die unsereins im Handwerksunterricht fabrizieren mussten: Man schlägt Nägel im Kreis herum in ein Brett und verbindet dann jeden Nagel mit einem Faden mit jedem anderen Nagel. Ergibt einen hübschen Staubfänger.

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«Stop the LSD!»

Der Clou ist nun, dass Spirality diesen Pinsel ebenfalls mit der (ausschaltbaren) Mirror strokes-Option verbindet. Da werden die gedrehten Striche auch noch gespiegelt: Zieht man nun mit der niedrigsten Einstellung von 2 eine Linie vom Mittelpunkt nach links oben, dann ergänzt die App drei weitere Linien in die anderen drei Ecken des Bildes, weil die beiden so entstehenden Linien noch über die Mittelachse gespiegelt werden.

Dieser Trick erhöht die Zahl der Linien und sorgt gleichzeitig für zusätzliche Harmonie. Der Witz bei der Sache ist somit, dass man in einem Rutsch sehr viele Linien malt, die wegen der strengen geometrischen Konstruktionsgesetze strukturiert und aufgeräumt wirken. Unser Hirn fährt eben auf Muster und Struktur ab.

Beim Arbeiten mit Spirality trägt nun so viele rosettenartige Elemente übereinander, bis es zu viel wird – man arbeitet als ganz nach dem Bauchgefühl und kann über den Rückgängig-Knopf Pinselstriche auch wieder ungeschehen machen. Man sollte natürlich die Farbe des Pinsels und die Dicke des Strichs verändern. Als Parameter beim Pinsel gibt es aber auch die Deckkraft (Opacity) und das Pinselmuster (Pattern). Und man kann die Füllfarbe zuschalten. Ist diese Option (erkennbar am kleinen Kessel) aktiv, dann wird die Fläche zwischen den Strichen ausgefüllt. Man kann auch für sie eine Deckkraft festlegen.

Nun sollte die Arbeitsweise so langsam klar werden: Man wechselt mit Farbe und Linienstärken ab. Sinnvoll scheint mir, erst einmal eine relativ flächige Grundstruktur aufzutragen. Die wird dann mit dünnen Linien verfeinert. Man kann sich auf einzelne Zonen in einem gewissen Abstand zum Zentrum konzentrieren. Und mittels Zoom kann man auch filigrane Strukturen einfügen.

Selbstverständlich kann man auch den Verfältigungsfaktor der Spiral Brush verändern. Zum Beispiel indem man ihn verdoppelt bzw. mit einer schönen Zahl multipliziert oder durch eine schöne Zahl dividiert. Man kann natürlich auch probieren, mit scheinbar willkürlichen Änderungen etwas Disharmonie ins Bild zu bringen – aber dann wird es schon wieder anspruchsvoll und vielleicht sogar künstlerisch…

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Die leere Zeichenfläche – mit ein paar Klicks ist sie auch schon voll.

Autor: Matthias

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