Das Nexus 7, gemessen am iPad Mini

Nachdem mir in letzter Zeit ständig Leute die Ohren voll geschwärmt haben, wie toll dieses Nexus 7-Tablet von Asus doch sei, habe ich klein beigegeben und Google auf Knien um ein Testgerät angefleht.

Das ist heute eingetroffen und wurde sofort einer ersten Begutachtung unterzogen. Und ich muss sagen – auch im Vergleich mit dem iPad mini, mit dem ich neulich herumspielen durfte, schlägt sich das Android-Tablet ausgezeichnet. Für einen ausgiebigen Vergleich ist es zwar noch zu früh, aber einige Beobachtungen sollen hier festgehalten werden, so lange sie noch frisch sind.

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Links: Der Startscreen, der dank Widgets den ersten Informationshunger stillt.
Rechts: Die via Amazon-Cloud-Player aufs Gerät geholte Musik.

Das Tablet von Asus mit Android 4.1 wirkt im Vergleich zum iPad Mini schwerer. Sieht man in den Spezifikationen nach, dann sind es zwar nur 32 Gramm (340 Gramm beim Nexus 7, 308 Gramm beim iPad), aber aus dem Bauch heraus hätte ich den Unterschied für deutlich grösser gehalten. Wahrscheinlich hat Apple das Teil mit psychogenen Substanzen imprägniert, die das Gewichtsempfinden lähmen. Oder so ähnlich. Das Design ist beim iPad schlichter und schöner – dem Jony Ive macht niemand etwas vor. Die Rückkamera könnte man beim Nexus 7 vermissen. Ich halte sie bei Tablets nicht für so wichtig, da diese Gerätekategorie fürs Fotografieren zu unhandlich ist und man die Kamera vor allem für die Google Hangouts brauchen wird. Beim Display schneidet das Nexus 7 etwas besser ab (7 Zoll mit 1280×800 Pixeln Auflösung vs. 7,9 Zoll mit 1024×768 Pixeln beim iPad Mini), doch es fällt vor allem auf, das keines von beiden die Retina-Auflösung zu bieten hat. An die habe ich mich jedoch seit zwei iPhone-Generationen gewöhnt. Dieses Retina gehört wie die gewichtsempfindungsdämpfende Oberflächenimprägnierung in den Bereich der hochgradig suchterzeugenden Merkmale – hat man einmal davon gekostet, will man nicht mehr ohne.

Ein Prost auf das Nexus 7 mit Jim Beam
Das Einrichten des Tablet funktioniert via Google-Konto kurz und schmerzlos. Android 4 alias Jelly Bean (um die Reihe der Suchtmittel fortzusetzen, hätte man es auch Jim Beam nennen können) macht einen runden, reifen Eindruck. Es reagiert flüssiger, als ich das von früheren Android-Erfahrungen gewöhnt bin. Die Orientierung fällt leicht und die Widgets finde ich immer wieder toll, wenn ich sie sehe. Microsoft hat dieses Konzept bei den Kacheln von Windows Phone und Windows 8 zu Ende gedacht und die modernste und die konsistenteste Oberfläche. Apple fasst in dem Bereich die rote Laterne – ohne Widgets und Live Tiles wirkt der iOS-Homescreen reichlich angestaubt.

Ich schätze an Android ausserdem die aussagekräftigen Informationen zum Daten-, Speicher- und Energieverbrauch und darf erfreut feststellen, dass man nun endlich auch Screenshots machen kann. Dazu betätigt man für zwei Sekunden den Einschaltknopf und die Leiser-Taste. Gespannt bin ich auch auf Google Now. Dieser Dienst soll Siri in die Schranken verweisen, indem er nicht nur auf Zuruf agiert, sondern auch von sich aus auf Termine, besondere Verkehrssituationen und ähnliche Dinge hinweisen. Ich bin gespannt, ob ich das im Alltag als nützlich oder als Bevormundung erlebe.

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Die Statistiken zum Energie- und zum Datenverbrauch. Wieso hat das iPhone sowas nicht?

Eine Kamera ohne App?
Seltsam finde ich, dass es keine Kamera-App zu geben scheint. Das ist ein echtes Manko, auch wenn der Play-Store natürlich weiterhilft. Mir fehlt ausserdem der physische Home-Button. Der ist bei den iOS-Geräten bekannterweise eine hakelige Angelegenheit. Aber er hat den Vorteil, dass man ihn, egal wie man das Gerät hält, mit dem Daumen ertasten kann. Eine kleine Macke ist beim Test auch aufgetreten: Die Töne verstummten aus unerfindlichem Grund, obwohl die Lautstärke aufgedreht und Mute deaktiviert war. Das Neustart die Klangausgabe wieder zum Leben erweckt.

Bleibt die entscheidende Frage – die nach den Apps. Ich habe mir im Play-Store erst einmal die unverzichtbaren Anwendungen geholt (Kindle, Amazon MP3, Twitter, Facebook, Instagram, Google Plus, KeePassDroid, Dropbox und DoubleTwist) und bin bezüglich des Angebots ganz zufrieden. Man konnte neulich lesen, dass Google mit Apple gleichgezogen hat und es nun für beide Plattformen rund rund 700’000 Apps zu beziehen gibt. Bezüglich Qualität hat Apple aber nach wie vor die Nase vorn: Die iOS-Apps sind im Schnitt ausgereifter, funktionsreicher und meist auch schöner.

Die iOS-Defizite werden augenfällig
Dafür ist der Datenaustausch zwischen den Apps im Schnitt viel einfacher. Die Musik, die ich mit dem Amazon MP3 aus meiner Cloud Player-Ablage heruntergeladen habe, taucht ohne weiteres Zutun in der Musik-App auf (die heisst wie der Store «Play», was ich verwirrlich finde). Wenn ich in der Dropbox-App auf meine Keepass-Passwort-Datei tippe, wird die sofort in KeePassDroid geöffnet. Das ist einfacher als bei iOS. Dort muss eine App Dropbox unterstützen, damit man seine Passwörter auf diesem Weg synchronisieren kann. Mir leuchtet ein, dass die Abschottung, wie Apple sie betreibt, der Sicherheit zuträglich ist. Dennoch wird augenfällig, dass es bei iOS ein Defizit gibt, was die Interoperabilität zwischen den Apps anbelangt.

Fazit: Mit dem iPad Mini hat Apple noch einmal einen Coup gelandet, wie es scheint. Bei der nächsten Produktgeneration wird man sich mehr einfallen lassen müssen als ein veränderter Formfaktor.

Und da wäre auch noch der Preis: Das Nexus 7 ist ab 279 Franken zu haben, das iPad Mini kostet mit 379 Franken einen satten Hunderter mehr (jeweils mit 16 GB Speicher).

Autor: Matthias

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