Naja, es geht so

Neulich ist mir der Chromecast zweiter Generation in die Finger geraten, den ich schätzungsweise vor etwa fünf Jahren für eine Rezension vorgesehen habe. Daraus ist nichts geworden, weil das Teil, so handlich wie es ist, verschütt gegangen ist. Man sieht: Zum Skillset des Gadgettesters gehört eine landläufig unterschätzte Fähigkeit, nämlich jene zur zweckmässigen Organisation der Testkandidaten. Und autsch, da fällt mir siedendheiss ein, dass ich ein Dreivierteljahr hinterherhinke, was das Zurückschicken der abgearbeiteten Testgeräte angeht. Es ist nicht so, dass ich mich der Rücksendung verweigern würde. Wie hier ausgeführt, gehört auch das zu den Pflichten eines Gadgettesters. Es ist bloss so, dass diese Arbeit in der Prioritätenliste gerne nach unten rutscht. Und wie es heutzutage so ist: Die Prioritätenliste ist zu lang, der Tag zu kurz.

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Google hat einen kunstbeflissenen Bildschirmschoner in petto.

Aber ich schweife ab. Der Chromecast, zweite Generation, erhältlich für um die 40 Franken (Amazon Affiliate). Er hängt nun am Schlafzimmerfernseher, der nebst dem HDMI-Eingang praktischerweise auch einen ungenutzten USB-Port hat, über den der Chromecast mit Strom versorgt wird. Man benötigt kein zusätzliches Netzteil, muss keine Steckdose freimachen und keine Kabel ziehen. Das ist gelungen. Wieso ist das eigentlich kein Standard? Geräte wie Fernseher, an die oft weitere Dinge angeschlossen werden, sollten auch die Stromversorgung dieser Geräte übernehmen – das würde den Kabelsalat angenehm verringern.

Ich schweife schon wieder ab. Der Chromecast wird via iPhone über die Google Home-App eingerichtet, die es natürlich auch für Android gibt. Die Inbetriebnahme ist unkompliziert und in wenigen Minuten erledigt. Dann braucht man am iPhone eine App, die den Chromecast unterstützt. Denn anders als der AppleTV, der Teil des Ökosystems1 seines Herstellers ist, muss der Chromecast mit kompletter Verachtung von Apple leben. Einzelne Apps haben Chromecast-Unterstützung eingebaut. Zum Beispiel, wen wundert es, die Youtube-App. Ebenso die Teleboy-App, mit der wir inzwischen fernsehen. Auch mit Zattoo soll das möglich sein, mit Wilmaa ebenfalls. Ausprobiert habe ich es aber nicht. Und Netflix ist mit dabei. Eine Notwendigkeit, weil der Chromecast sonst bei vielen Leuten, auch bei uns, aus Rang und Taktanden fallen würde.

Das ist denn auch der grösste Mangel des Chromecast. Ob man einen Inhalt auf seinen Fernseher bekommt oder nicht, hängt in Kombination mit einem Apple-Mobilgerät von den Umständen ab. Hat man Glück, dann klappt es. Wenn nicht, dann nicht. Man muss auf alle Fälle erst die Liste mit den kompatiblen Apps durchsehen, um entscheiden zu können, ob alles Notwendige vorhanden ist. Im Videobereich scheint mir nichts Entscheidendes zu fehlen, doch wie hier beklagt, gibt es bei den Audio-Apps entscheidende Lücken. Die Audible-App versteht aus unerfindlichen Gründen das Chromecast-Protokoll nach wie vor nicht. Das wäre für mich für einen Lautsprecher o.ä. ein K.O.-Kriterium. Es gibt zwar Mittel und Wege, die Limitation zu umgehen. Doch das ist mit echter Arbeit verbunden.

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Links die Google-Home-App zur Installation und Konfiguration, rechts die Chromecast-Streaming-App, die Fotos, Videos und ähnliche Dinge auf den Fernseher bringt.

Mit anderen Worten: Während man mit einem Apple-Gerät notfalls die Bildschirm-Synchronisation anwirft, muss man als Chromecast-Nutzer, je nach Streaming-Bedürfnissen, erfinderisch sein. Man kann ab Chrome-Browser Inhalte auf den Fernseher schicken, wobei Silverlight-, QuickTime- und VLC-Inhalte auf der Strecke bleiben. Somit ist das auch eher als Notlösung anzusehen.

Und was ist mit den Fotos und Videos, die man auf seinem Apple-Mobilgerät mit sich herumschleppt, und die man womöglich auch mal am Fernseher ansehen möchte – was mit dem AppleTV kein Problem ist/wäre? Dafür habe ich eine App Chromecast TV Streamer aufgestöbert, die nicht von Google selbst kommt. Mit der kann man Videos aus dem Browser an den Fernseher schicken, ebenso Fotos und Videos aus der Kamera-App, sowie unterstützte Dokumente. Und man kann ab Kamera ein Live-Bild auf den Fernseher schicken. Das funktioniert sogar ganz gut, auch wenn die Bildqualität nicht überragend ist. Wozu man das brauchen könnte, ist mir allerdings nicht so ganz klar.

Fazit: Ob einem Chromecast taugt, hängt von den Inhalten ab, die man auf den Fernseher bringen will. Für den Fernseher in unserem Wohnzimmer ist der AppleTV ohne Zweifel die bessere Wahl; Apps wie Infuse bieten einen viel eleganteren Weg, um Filme ab Computer auf den grossen Bildschirm zu bringen. Und ich bin beim Versuch gescheitert, den Ton meines Windows-PCs an den Chromecast zu schicken – was praktisch wäre, wenn man mit irgend einer App Musik hören möchte. Es gibt zwar ein entsprechendes Projekt auf Github – aber das hat bei mir nicht funktioniert, und ich wundere mich auch ein bisschen darüber, dass die Projektdatei fast 100 MB gross ist.

Fazit: Schade, dass diese Streaminglösungen nicht so einfach funktionieren wie ein analoges Audiokabel – da braucht man zwar auch manchmal absurde Adapter, aber es müsste möglich sein, jede Quelle mit jedem Ausgabegerät zu verbinden. Im digitalen Zeitalter ist das nicht der Fall. Aber im Schlafzimmer tut es der Chromecast schon.

Footnotes

  1. Den Begriff finde ich leicht fragwürdig, weil das ganze Tech-Business nun nicht wirklich ökologisch ist. Und weil das richtige Ökosystem auch nicht von einzelnen Herstellern kontrolliert wird und sich nicht gegen andere, konkurrenzierende Ökosysteme abschottet. Aber mangels brauchbarer Alternative verwende ich ihn hier halt zähneknirschend. ^top

Autor: Matthias

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