Sieben Stunden Günther Jauch – am Stück

Im Podcast «Alles gesagt?» kann der Gast so lange sprechen, bis ihm nichts mehr einfällt oder vor Müdig­keit die Augen zuklappen. Ist das ein geniales Format – oder eines, das belegt, dass man nur wenigen Leuten bis zum Ende zuhören will?

Macht kürzere Podcasts, habe ich vor zehn Jahren gefordert. Damals waren die Laber-Formate en vogue, die auch vier oder fünf Stunden dauern konnten. Die Prämisse war, alles bis zum bitteren Ende auszudiskutieren – oder bis zu dem Punkt, wo das Bier oder die Konzentration endgültig alle war.

Nun bin ich es mir gewohnt, dass man nicht auf mich hört. Auch «Die Zeit» hat weder meine Expertise eingeholt noch (was noch einfacher gewesen wäre), meinen Blogpost gelesen. «Die Zeit» hat nämlich ein Format im Angebot, bei dem das, was ich als Not sehe, zur formgebenden Tugend erklärt wird. Will sagen: In diesem Podcast dauert ein Gespräch so lange, bis der Gast es für beendet erklärt. Dafür wird am Anfang eine Art Safeword vereinbart. Sobald das geäussert wird, kommt ohne eine weitere Floskel oder eine Verabschiedung der Abspann, und die Sache ist zu Ende.

Bevor ich mir die allererste Folge angehört habe, war ich hin- und hergerissen: „Sieben Stunden Günther Jauch – am Stück“ weiterlesen

Der Polit-Podcast für alle, die deutsch können

Der Podcast «Servus. Grüezi. Hallo.» von «Die Zeit» ist eine unter­halt­same und lehrreiche Drei­fach-Refle­xion der politi­schen Aktuali­täten­lage in Deut­schland, Öster­reich und der Schweiz – und er müsste vom Schweizer Radio SRF schamlos ab­ge­kupfert werden.

Den Podcast Servus. Grüezi. Hallo. (RSS, iTunes, Spotify) steht schon seit längerer Zeit auf meiner Rezensionsliste. Der Abwechslung wegen habe ich ihn vor mir hergeschoben. Denn letztes Jahr habe ich vier Podcasts aus dem gleichen Haus vorgestellt; und auch wenn die alle differierende Themen und unterschiedliche Tonalitäten haben, so sollen hier im Blog auch Vielfalt bei den Anbietern herrschen.

Also, dieser Podcast stammt von drei Redakteuren der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und hat die Unterzeile «der transalpine Politikpodcast». Lenz Jacobsen aus Deutschland, Florian Gasser aus Österreich und Matthias Daum aus der Schweiz unterhalten sich über globale und nationale politische Ereignisse.

Was diese Konstellation spannend macht, sind zwei Dinge: „Der Polit-Podcast für alle, die deutsch können“ weiterlesen

Zwei Klempner für Amerikas Seelennotstand

Nach Verbrechen, der Bibel und Sex nun auch noch die USA – ich bespreche «OK, America?» von «Die Zeit» und analysiere, warum es ausgerechnet einer Wochenzeitung gelungen ist, eine stringente Podcast-Strategie auf die Beine zu stellen.

Ich kann nicht versprechen, dass ich hier im Blog alle Podcasts von «Die Zeit» besprechen werde. Ich habe zwar hier «Zeit Verbrechen», hier «Woher weisst du das?», in dem es um Sex geht, vorgestellt. Und hier «Unter Pfarrerstöchtern» zur Bibel.

Aber es gibt bei «Die Zeit» noch eine ganze Menge mehr zu hören. Auf dieser Seite habe ich  ein Dutzend Serien gezählt. Plus drei, die im Moment auf Eis liegen. Zu den pausierenden Produktionen gehört ausgerechnet der Digitalpodcast mit dem klingenden Namen Wird das was? – was in dem Fall selbstreferenziell gemeint sein könnte.

Ob das noch was wird?

Zugegeben: Tech-Podcasts gibt es mehr als genug, auch in meinem Podcatcher. Ich bin mir übrigens meiner Schuld bewusst, selbst zu diesem Missstand beizutragen, indem wir auch beim Nerdfunk dieses übernutzte Feld beackern. „Zwei Klempner für Amerikas Seelennotstand“ weiterlesen

Ein Podcast über ein poetisches Geschichtsbuch

Da ich mich bei der Religion schon aufführe wie ein Veganer, der sich reflexartig von den Fleischfressern distanziert, habe ich mir selbst eine Therapie verortet: Ich höre mir jetzt den Podcast «Unter Pfarrerstöchtern» an.

Neulich wollte meine Tochter (knapp 4⅔ Jahre alt) wissen, wie das mit Adam und Eva war. Sie hatte die Geschichte irgendwo aufgeschnappt und sie interessant gefunden – was sie ohne Zweifel auch ist.

Aha, dachte ich: Das sind also diese Situationen, in die man als Vater unvermittelt hineingerät: Eine komplett spontane Erklärung zu einem Thema ist gefragt, bei dem man sich vorab gerne ein paar Gedanken zurechtgelegt hätte. Ähnlich wie im letzten Sommer im Kinderzoo Rapperswil, als vor aller Augen der Elefantenbulle die Elefantenkuh bestieg.

Ich habe ihr die Geschichte erzählt, die, wie gesagt, interessant genug ist, um jederzeit erzählt zu werden. Und ich habe über mein anfängliches Zögern nachgedacht und bin zur Erkenntnis gelangt, dass das weder mit der Bibel etwas zu tun hat, noch mit Adam und Eva, sondern vielmehr mit mir selbst. Ich betrachte mich als Atheist, bzw. genauer, als Agnostiker.

Genauso schlimm wie die Veganer

Das hat ein zwiespältiges Verhältnis zu der Religion zur Folge: Leute wie ich haben das Bedürfnis, sogleich zu betonen, dass wir genauso wenig an die Geschichte von Adam und Eva glauben, wie an das fliegende Spaghettimonster. Es gibt diesen Impuls, uns abzugrenzen; ähnlich, wie das die Vegetarier und Veganer gegenüber den Fleischfressern tun. Man könnte schliesslich für einen Kreationisten gehalten werden; Gott bewahre!

Aber diesen Drang muss man kontrollieren können, fand ich. Und zwar nicht einfach so, sondern mit Souveränität und Gelassenheit.

Darum habe ich etwas getan, was ich schon länger vorhatte: „Ein Podcast über ein poetisches Geschichtsbuch“ weiterlesen

Bahnbrechende Erkenntnisse zu Sex-Podcasts

Ich dachte, der Sexpodcast sei tot. Doch siehe da, er ist ein Stehaufmännchen!

Ich habe gedacht, das Thema sei abgeschlossen. Im Beitrag Ein Prickeln in den Ohren? habe ich mich zu den Sex-Podcasts geäussert und ein Urteil gefällt, von dem ich glaubte, es sei abschliessend: in der Theorie grossartig, aber in Echt völlig unbrauchbar.

Nun habe ich zufälligerweise festgestellt, dass auch «Die Zeit» einen Sexpodcast im Angebot hat. Ist das normal? heisst er und wird von Zeit-Wissensredakteur Sven Stockrahm und Sexualtherapeutin und Ärztin Melanie Büttner betreut (RSS, Apple iTunes, Spotify, Deezer).

Damit war meine erklärte Absicht, mich um das Thema zu foutieren, hinfällig. „Bahnbrechende Erkenntnisse zu Sex-Podcasts“ weiterlesen

Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört

«Verbrechen» von «Die Zeit» gehört zu den führenden Podcasts zu wahren Verbrechen im deutschsprachigen Raum. Nicht zu Unrecht – weil die starken Erzählungen auch ohne formale Sperenzchen wirken.

Hier im Blog habe ich immer mal wieder Podcasts zu wahren Verbrechen vorgestellt, zum Beispiel hier zum Schweizer Jahrhundert-Postraub oder hier zur epischen Aufarbeitung des Verschwindens einer Frau aus dem US-Bundesstaat Utah. Aber natürlich hat alles mit der Besprechung von «Serial» begonnen: Das ist die Mutter aller True-Crime-Podcasts, die stilbildend für den modernen Podcast war.

Leichen, auf dem Silbertablett serviert.

Es ist somit unvermeidlich, auf den folgenden Podcast einzugehen. Es handelt sich in meiner Wahrnehmung um den wichtigsten Podcast aus dem deutschsprachigen Raum, in dem wahre Verbrechen aufgearbeitet werden.

Er heisst schlicht Verbrechen, stammt von der deutschen Wochenzeitung Die Zeit und existiert seit April 2018. Zu finden ist er bei iTunes und bei Spotify, den RSS-Feed gibt es hier.

Ich muss zugeben, dass ich erst etwas enttäuscht war. Ich hatte eine Produktion nach dem Vorbild von «Serial» erwartet, mit einer aufwändig inszenierten Erzählung, O-Tönen, Atmosphäre und Musik – und einer wilden Aufklärungsjagd, bei der man als Hörer annähernd live mit dabei ist.

Stattdessen erwartet einen eine Situation, wie man sie von Laberpodcasts her kennt: „Der Krimi-Podcast, den man zu Bildungszwecken hört“ weiterlesen