Die grösste Hürde einer Zeitreise ist die Zeit

The Dakota – hier kommt Si Morley in der Vergangenheit an.

Time and again (Wikipedia, Amazon Affiliate), zu Deutsch Das andere Ufer der Zeit (Wikipedia, Amazon Affiliate) ist eine der schönsten Zeitreise-Geschichten, die ich je gelesen habe – und in diesem Blog gibt es einige davon. Sie stammt von Jack Finney, der nicht zu den Granden des Genres gehört, aber doch einige bekannte Werke verfasst hat. Das bekannteste ist sicherlich «Die Körperfresser kommen» (W, A), das als «Body Snatchers» (W, IMDB, A) verfilmt worden ist.

Die Gesichte ist unspektakulär – gerade im Vergleich zu den spektakulären Plots von Brett Battles (Wir sind die Anomalie), bei denen die ganze Weltgeschichte umgekrempelt wird. Hier passiert nichts dergleichen1. Es gibt einen kleinen Kriminalfall und den Anflug einer Liebesgeschichte. Aber was dieses Buch auszeichnet, ist, dass es einen erleben lässt, wie sich eine Zeitreise anfühlen muss. „Die grösste Hürde einer Zeitreise ist die Zeit“ weiterlesen

Paradox ist, dass dieser Film überhaupt gedreht worden ist

Diese Zeitreise ging nach hinten los. (Und das ist jetzt nicht temporal gemeint.)

Es gibt diverse Filme mit dem Titel «Paradox». Nämlich diesen, diesen oder auch diesen. Oder diesen. Ich haben neulich einen Film mit dem Titel «Paradox» auf Netflix geschaut. Aber leider keiner der vorher genannten. Sondern diesen hier: Geschrieben und inszeniert1 von Michael Hurst. Die Story:

Da kriegt man ja schon vom Zusehen Kopfschmerzen! Jim, das personifizerte Paradoxon. (Screenshot: Imdb.com)

Ein Forscherteam hat eine Zeitmaschine erfunden. Sie soll getestet werden, indem einer der Forscher eine Stunde in die Zukunft geschickt wird und dann zurückkommt, um von seinen Erfahrungen zu berichten. Als Jim (Adam Huss) dort ankommt, sind alle tot, einem seiner Kollegen fehlt sogar der Kopf. Er kehrt zurück, um seine Kollegen zu warnen. Doch weil ausserhalb des Labors der Strom ausgefallen ist, funktionieren die Lifte nicht und es gibt kein Entkommen.
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Wir sind die Anomalie

Wo ich es doch letzthin von der 1990er-Fernsehserie Sliders hatte, kam mir der Roman Rewinder gerade recht. Die Geschichte funktioniert ganz ähnlich – und irgendwo habe ich sogar gelesen, der Autor Brett Battles hätte an «Sliders» mitgeschrieben – allerdings finde ich diese Quelle nicht mehr, sodass ich mir das vielleicht auch nur eingebildet habe. Eine Verfilmung von «Rewinder» kann man sich jedenfalls sehr gut mit dem «Sliders»-Hauptdarsteller Jerry O’Connell vorstellen. (Naja, wenigstens in einem Paralleluniversum, wo der Mann sein Aussehen aus «Sliders» konservieren konnte. Denn Denny Younger, die Hauptfigur in «Rewinder» steckt noch in seinen Teenager-Jahren, während der «Sliders»-Schauspieler in der hiesigen Realität auch schon 42 Jahre auf dem Buckel hat.)

Wie wärs herausgekommen, wenn er den Unabhängigkeitskrieg nicht angeführt hätte? (George Washington, von John Trumbull, 1780, Wikipedia.org)

Also, hier vorab das Fazit ganz ohne Spoilers, gefolgt von einer inhaltlichen Zusammenfassung mit Spoilern – wie ihr das von diesem Blog gewohnt seit:

«Rewinder» ist eine unterhaltsame und streckenweise spannende Zeitreise-Geschichte. Sie geht von der Prämisse aus, dass die Realität, wie wir sie wahrnehmen, nicht der ursprüngliche, gewollte Zeitstrahl darstellt – sondern die Abweichung: So, wie das düstere, von Biff Tannen regierte 1985 in Back to the Future II. Denny Younger, der Ich-Erzähler im Buch, hat nämlich bei seinen Missionen als zeitreisender Historiker einen kleinen Fehler begangen, der unseren Zeitstrahl erst geschaffen hat. Eine Idee, die seit 1989 – als «Back to the Future II» in die Kinos kam – irgendwie auf der Hand liegt. Denn sie ermöglicht spannende Konflikte: Als Leser fühlt man sich der bekannten Realität nämlich verpflichtet: Man empfindet sie als Heimat. Und man muss daran zweifeln, im eigentlich richtigen und ursprünglichen Zeitstrahl überhaupt existent zu sein.
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Jesus und die Katze von Schrödinger

Ein Buch ist wie die Schrödingers Kiste, in der die Katze hockt, von der man ihre Vitalzeichen nicht kennt. Die Katze versinnbildlicht das ganze Panoptikum an Figuren und Ereignissen, das ein Autor vor dem Leser errichtet. Ob diese Katze fröhlich lebt oder tot in der Ecke liegt, erfährt man nur, wenn man das Buch aufschlägt und mit Lesen beginnt. Bevor man das tut, kann jedes Buch das tollste Buch der Welt sein. Eines, auf das man sein ganzes lesende Leben gewartet hat. Sobald man den ersten Satz gelesen hat, ist diese Möglichkeit bei vielen Büchern definitiv vom Tisch. Und bei den unerfreulicheren Büchern entfremdet man sich mit jedem weiteren Abschnitt vom Autor und seinem literarischen Angebot.

Der Vorgänger des Buchs, «Das Jesus-Video» wurde solide verfilmt. Trotzdem wendet man sich besser dem literarischen Original zu. (Bild: Presseportal.de)

Das Buch Der Jesus-Deal (Amazon-Affiliate) ist ein Buch, dessen Titel einen vermuten lässt, dass die Katze nicht nur tot ist, sondern obendrein verwest und fürchterlich stinkt. Ein «Deal» von oder mit dem Heiland himself muss fast zwangsläufig in einem boulevardesk derart überzogenen Plot enden, dass man nicht nur die Katze verflucht, sondern die ganze Kiste auf den Mond schiessen möchte.

Nun hat dieses Buch aber nicht irgend einer geschrieben, sondern der von mir hochverehrte Andreas Eschbach. Er hat mehrfach bewiesen, dass er auch abgefahrene Wendungen glaubhaft vermittelt. Seine fantastischen Geschichten sind immer hervorragend recherchiert und glaubhaft in der Realität verankert. „Jesus und die Katze von Schrödinger“ weiterlesen

Früher, als es noch Zeitreisen gab

Ein Schiff, das sich vor Hunderten Augenzeugen in Luft auflöst. Zeitreisende Matrosen und zwei (?) Vertuschungsmorde (?) – diese Theorie hat alles, was eine gute Verschwörung auszeichnet. Sogar einen sehr prominenten Drahtzieher, der die technische Expertise liefert. Und es gibt noch etwas: Einen vermutlich wahren Kern, der alles erklären könnte.
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Temporales Treibgut

Unstuck in Time: Slaughterhouse-Five vs. The Time Traveler’s Wife.

In diesem Blog geht es in lockerer Folge ums Zeitreisen. Da war es unvermeidlich, irgendwann auf Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug von Kurt Vonnegut zu stossen (Englisch: Slaughterhouse-Five): Der Soldat Billy Pilgrim erlebt sein Leben nicht linear, so wie wir gewöhnlichen Menschen. Er ist nicht mehr in der Zeit verankert (he is unstuck in time), sondern hüpft durch die Jahrzehnte und erlebt Momente in Kriegsgefangenschaft im Schlachthof 5 in Dresden, dann wieder in fortgeschrittenem Alter in seinem Heim, wo ihn seine Tochter drangsaliert – dann wieder auf dem Planeten der Tralfamadorianer, die ihn in einem Zoo ausstellen und zum Sex mit der schönen, blutjungen Schauspielerin Montana Wildhack zwingen.

Schuld an Billys Zustand sind diese Tralfamadorianer. Sie nehmen die Zeit nicht als verstreichendes Kontinuum wahr, sondern leben in allen Momenten gleichzeitig, beziehungsweise, sie können jeden Moment ihres Lebens jederzeit erleben. Die Ausserirdischen wissen daher bereits, wie das Weltall zu Ende gehen wird. Und sie grämen sich nicht über den Tod. Denn er ändert nichts daran, dass viele Momente weiterexistieren, in denen der Tote quietschlebendig ist.
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Paradoxon par excellence

Eine gute Zeitreise-Geschichte muss paradoxe Konstellationen heraufbeschwören – davon bin ich überzeugt. Mein Kritikpunkt an Dean Koontz’ Geschichte «Lightning» war, dass er sich mit einem erzählerischen Trick um allzu widersprüchliche Momente herumgedrückt hat.

Eine Begegnung, wie sie ohne Zeitreise nicht möglich wäre…

Nun bin ich, so es der Zufall will, der Geschichte Entführung in die Zukunft (All You Zombies) von Robert A. Heinlein begegnet – und zwar in Form der australischen Verfilmung Predestination (Bluray bei Amazon).
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Den kalten Krieg zum Verschwinden gebracht

In meiner kleinen Reihe der Nerd-Literatur steht heute wieder einmal1 ein Zeitreise-Abenteuer an. Es geht um Lightning von Dean Koontz (hier der Affiliate-Link zu Amazon). Die deutsche Fassung heisst Der Schutzengel und ist bei Amazon hier zu haben.

Wo zeitgereist wird, da blitzt und donnert es.

Laura Shane ist die Hauptfigur der Geschichte. Schon bei ihrer Geburt ist sie in grosser Gefahr: Der Arzt, der sie entbinden sollte, ist nämlich Alkoholiker. Er hat schon ziemlich getankt, als ihn der Notruf aus der Klinik erreicht. Er wird wegen Komplikationen aufgeboten. Doch ein geheimnisvoller Fremder tritt auf den Plan und hält den volltrunkenen Arzt davon ab, dem Anruf Folge zu leisten. Er bringt ihn dazu, die Aufgabe an einen nüchternen Kollegen zu übertragen, worauf Laura ohne Schaden zu nehmen auf die Welt kommen kann. Ihre Mutter kann nicht gerettet werden.

Ein blonder Schutzengel mit deutschen Akzent

Nun begleiten wir Laura durch ihre Kindheit. Ihr Vater kümmert sich rührend um sie. Doch ihre Kindheit bleibt nicht lange so behütet. Zwar überleben Laura und ihr Vater, wiederum dank der Intervention des geheimnisvollen Fremden, den brutalen Überfall eines Drogensüchtigen. „Den kalten Krieg zum Verschwinden gebracht“ weiterlesen

Ein Blogpost, drei Hörbuchbesprechungen

Ich habe einen neuen Lieblingsautor. John Scalzi heisst er und hat sich dem Genre des Sciencefiction verschrieben. Dieses Genre hat mir vergleichsweise viele Enttäuschungen beschert. Es verspricht, einfach zu sein: Wenn man als Autor über ein bisschen Fantasie verfügt und dieser freien Lauf lässt, kann eigentlich nichts schief gehen. So würde man meinen. Doch Fantasie reicht nicht. Es braucht auch das Talent, the Human Condition in eine andere Umgebung und Epoche zu verpflanzen und trotzdem glaubwürdig und interessant zu sein. Denn auch wenn wir Nerds das erwarten würden: Eine nur von toller Technologie und exotischen Schauplätzen dominierte Geschichte trägt nicht.

So endet es immer. (Bild: memory-alpha.org)

Ich bin über Redshirts¹ (Amazon Affiliate)– die ausführliche Beschreibung enthält viele Spoiler und wurde darum in die Fussnoten verbannt – gestolpert. Es enthält ein bisschen Zeitreise und, wie der Titel verrät, viele schöne Anspielungen an «Star Trek». Es geht um die Rothemden, die schon in der Originalserie nur deswegen sterben müssen, damit der Zuschauer erkennt, wie gefährlich die Missionen von Kirk, Spock und Bones sind, und wie tapfer und geschickt sich die Hauptfiguren durch ihre Abenteuer kämpfen. „Ein Blogpost, drei Hörbuchbesprechungen“ weiterlesen

Spione und Zeitreisende

Nachdem die Spione die Schlagzeilen beherrschen und ich neulich Spass mit Mr. Bond hatte, wollte ich die Welt der fiktiven Agenten ausführlicher erkunden. Erstens mit Ken Follett und Eye of the Needle bzw. Die Nadel (Amazon Affiliate Englisch/Deutsch) – auch weil mir das Hörbuch neulich von Audible für einen Spottpreis hinterhergeworfen wurde. Zweitens mit Red Sparrow (Amazon Affiliate Englisch/Deutsch) von Jason Matthews.

Eye of the Needle, Das Jesus-Video, Red Sparrow (den optischen Anleihen des Covers an James Bond wird der Inhalt nicht gerecht), Ein König für Deutschland (von oben nach unten und links nach rechts).

Die Geschichte von Follett war nett gemacht, mit mehreren Stimmen für die Dialoge. Dennoch hat mich die Geschichte nicht so richtig gepackt. Es geht um die Geschehnisse vor dem D-Day im zweiten Weltkrieg. „Spione und Zeitreisende“ weiterlesen