Wenn Zaubernerds Kinder kriegen

«Vexed Generation» ist der sechste Teil von Scott Meyers bezaubernder «Magic 2.0»-Reihe. Und, meiner bescheidenen Meinung nach, der zweitbeste.

Die Magic 2.0-Reihe von Scott Meyer ist um einen Teil reicher. Die sechste Folge heisst Vexed Generation und ist seit wenigen Wochen erhältlich. Und da ich bisher alle Folgen besprochen habe (1, 2, 3, 4 und 5), gibt es keinen Grund, damit nun aufzuhören. Zumal die neueste Folge zu den besseren gehört. (Ich würde sie an dritter Stelle, nach drei und eins ansiedeln.)

Da es nun wenig Sinn hat, mit der sechsten Folge einer solchen Reihe einzusteigen, hier die Empfehlung, doch bitte einen Blick auf Off to be the wizard zu werfen, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind.

A). Man muss mit einer schrägen Story-Idee etwas anfangen können, wenn man sich auf Scott Meyer einlassen will. Denn in Magic 2.0 werden Nerds zu Zauberern. Meyer hat sich offensichtlich von Arthur C. Clarke inspirieren lassen. Der grosse britische Sciencefiction-Autor hat bekanntlich Folgendes gesagt:

Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.

«Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden» ist das dritte der Clarkeschen Gesetze. Und darum sind diese Nerds hier der Magie mächtig. Sie haben nämlich alle herausgefunden, dass die Wirklichkeit von einer grossen Datenbank gesteuert wird. Diese Datei enthält quasi die Parameter der Wirklichkeit. Sie ist per Texteditor les- und veränderbar. Und wenn man das tut, verändert man die Realität: Sich selbst,die Gegenstände um einen herum, Raum und Zeit.

Wer simuliert hier eigentlich was?

Das ist erstens eine gute Erklärung für übernatürliche Kräfte – auch wenn natürlich eine Frage unbeantwortet bleibt. „Wenn Zaubernerds Kinder kriegen“ weiterlesen

Ein ungelesenes und zwei gelesene Bücher

«The Big Sheep» von Robert Kroese ist eine wunderbare Philip Marlowe-Parodie im Sciencefiction-Gewand. Und mit «Out of Spite, Out of Mind» liefert Scott Meyers den etwas schrägen fünften Teil seiner «Magic 2.0»-Reihe ab.

The Left Hand of Darkness von Ursula K. Le Guin

Nach 128 Büchern, die ich fast alle fertig gehört habe, musste ich das allererste Audible-Buch ungehört zurückgeben. Es handelt sich um The Left Hand of Darkness (Amazon Affiliate) von Ursula K. Le Guin (Deutsch: Die linke Hand der Dunkelheit). Ich hatte mich auf das Buch gefreut, aber der Sprecher ist leider unterirdisch: George Guidall ist zwar einer der fleissigsten Erzähler mit mehr als 1200 Hörbüchern (Wikipedia), der in diesem Titel aber so undeutlich spricht, dass man sich fragt, ob er einen schlechten Tag hatte oder es für ein gutes Stilmittel hielt, während den Aufnahmen die Zahnprothese zu entfernen.

Kaum zu unterscheidende Namen

Das Dumme ist ausserdem, dass in der Vorschau die Frau zu hören ist (Ursula K. Le Guin selbst?), die das Vorwort spricht – und nicht diese mümmelnde Darbietung, die auch anderen nicht gefallen hat. Da aber schon im ersten Kapitel Worte wie Gethen, Stabile on Ollul, Genly Ai, Diurnal und Odharhahad vorkommen, habe ich gleich die Waffen gestreckt. Ein solches Vokabular passt nicht zu einer Lesung, bei der man kaum die normalen englischen Worte voneinander unterscheiden kann.

Der Rückgabeprozess ist übrigens unkompliziert und das Buch bleibt in der Bibliothek, sodass man es weiterhören könnte. Wenn man denn wollen würde.

Wer ist hier das Schaf? (Screenshot The Big Sleep)

The Big Sheep von Robert Kroese

Ein echter Tipp ist hingegen The Big Sheep von Robert Kroese (Amazon Affiliate). Der Titel ist natürlich eine Anspielung an The Big Sleep von Raymond Chandler, dem Erfinder des prototypischen hardboiled Detective Philip Maloney Marlowe. Das Schaf ist wirklich gross – und wenn es am Anfang so aussieht, als ob es bloss einer etwas launigen Idee des Autors entsprungen wäre, um seiner Geschichte einen verrückten Auftakt zu verpassen, so täuscht das. Das Schaf ist ein wichtiges Puzzlestein und wird gegen Ende für eine echte Überraschung gut sein.

In dieser Geschichte sind die hartgesottenen Detektive auch im Jahr 2039 noch nicht ausgestorben. „Ein ungelesenes und zwei gelesene Bücher“ weiterlesen

Ein bisschen flügellahme Drachen

«Fight and Flight» ist die vierte Folge aus Scott Meyers «Magic 2.0»-Buchreihe. Es ist die schwächste Folge, aber für Fans trotzdem empfehlenswert.

Drachen sind gefährlich. Meistens.

Scott Meyer war mit jeder einzelnen Folge seiner vernerdeten Buchreihe «Magic 2.0» Thema hier im Blog, nämlich 1, 2 und 3. Nun gibt es die vierte Folge namens Fight and Flight (Amazon Affiliate), die hier ebenfalls zu Ehren kommen soll.

Die Reihe basiert auf der Idee, dass Zauberei a thing ist, und dass es die Nerds sind, die zu Zauberern werden. Hogwarts, von wegen! Was es braucht, ist das Talent, auf «die Datei» zu stossen und ihre Funktionsweise zu erkennen. «Die Datei» ist eine Datenbank, und zwar «die Datenbank». Sie steuert die ganze Welt und alles, was in ihr und auf ihr kreucht und fleucht.

Die Welt zurechthacken

Das heisst: Als Nerd kann man sich die Welt so zurechtbiegen, wie man sie gerne hätte, indem man die Datenbank manipuliert. Weil über die Zeit ein paar Nerds die Datei entdeckt haben, entsteht eine Zauber-Community, die es sich im alten England in der ruhigsten Periode der Menschheitsgeschichte gut gehen lässt. Da sich aber nicht immer alle Zauberer/Nerds an die Spielregeln halten und auch mal Unfug mit der Datei anstellen, ist es dann eben nicht nur ruhig.

In der neuesten Folge geht es darum, dass die Zauberer gerne ihre Geschicklichkeit im Kampf verbessern möchten. „Ein bisschen flügellahme Drachen“ weiterlesen

Robocop zweipunktnull

Scott Meyer, scheint ein Workaholic zu sein. Nach dem erst Ende August besprochenen Weltraumschwank «Master of Formalities» hat er mit The Authorities schon wieder ein neues Buch in petto.

Dieser Mann hat mit dem Bad-Boy-Image deutlich weniger Mühe als Sinclair Rutherford in Scott Meyers neuem Buch. (Bild: ardmediathek.de)

Ich habe es unbesehen gekauft und mit viel Vergnügen gelesen. Meyer gehört inzwischen zu den Autoren, deren Werke ich unbesehen klicke. Denn auch wenn nicht alle Bücher den gleichen Nerd-Esprit versprühen, sind sie alle äusserst unterhaltsam. Das Meyersche Erfolgsrezept ist simpel. Er sorgt für ein frühes Bonding zwischen den Hauptfiguren und dem Leser: Wenn einem die Figuren sympathisch sind, dann würde man auch über erzählerische Schwächen hinwegschauen – so, wie man gern mit guten Freunden zusammen ist, selbst wenn die wieder nur die gleichen ollen Kamellen erzählen.
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Ein Weltraumschwank von shakespearschem Ausmass

Scott Meyer mit «Master of Formalities»: Nicht ganz so packend wie die tolle «Magic 2.0»-Serie, aber trotzdem eine Empfehlung für Leute, die humorvolle Sciencefiction-Geschichten mögen.

Scott Meyer ist der Urheber der Fantasy-Serie «Magic 2.0», die bisher drei Bücher umfasst, wovon jedes einzelne hier im Blog vorgestellt wurde (1, 2, 3).

Nun ist mit Master of Formalities ein neuer Titel von Scott Meyer erhältlich, der nicht im Universum von Martin, Philip, Gwen und Jimmy spielt, sondern einen neuen, aber ebenfalls serienträchtigen Handlungsstrang etabliert. Bevor ich auf die Handlung eingehe, hier das Fazit:

Wer sagt denn, dass Konflikte im Weltraum immer ernst und getragen vorgetragen werden müssen?

Scott Meyer ist im Bereich der Fantasy- und Sciencefiction-Literatur eine wohltuende Ausnahmeerscheinung: Er schreibt nämlich keine todernsten Geschichten, in denen es ums Überleben der Menschheit, um den Kampf gegen Ausserirdische oder Weltraumseuchen geht. Nein, er ist der Humorist in diesem Genre. Natürlich, Konflikte und Bedrohungen gibt es auch in seinen Geschichten – das ist schliesslich eine dramaturgische Notwendigkeit. Aber sein Metier sind nicht die düsteren, dystopischen Szenarien, sondern die heiteren und humorvollen. Das ist in der «Magie 2.0»-Reihe der Fall und bei «Master of Formalities» nicht anders.
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In einem schrecklichen Videospiel gefangen

Dieses Blog hat über Off to be the wizard und Spell or High Water berichtet: Das sind die ersten beiden Teile von Scott Meyers schrägem Nerdfest in Buchform, bei dem unsereins die Helden sind und standesgemässe Abenteuer erleben.

Fast wie Tolkien. Nur etwas whiskylastiger.

Nun ist der dritte Teil der Saga erschienen: An Unwelcome Quest (Auf Deutsch: Abenteuer lass nach). Er ist, verblüffend genug, der beste: Eine Geschichte aus einem Guss, die Spass macht und ein interessantes Szenario aufwirft: Wie wäre es, in einem Videospiel gefangen zu sein?
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Das Nerdinnen-Matriarchat

Erst im Sommer habe ich «Off to be the wizard» gelesen, besprochen und im Radio diskutiert, da reicht der Autor auch schon das Nachfolgewerk nach. Scott Meyer ist offensichtlich ein tifiger Schreiber. Er spinnt in Spell or High Water¹ (Deutsch: Auf Zauber komm raus) das Abenteuer von Martin, Philip, Gwen und Jimmy weiter.

Nerds im Mittelalter

Die Ausgangslage nach dem ersten Teil ist die: Im 12. Jahrhundert bildet sich im mittelalterlichen England bei den Kreidefelsen von Dover eine kleine Gemeinschaft von Computerfreaks, die aus der Gegenwart geflüchtet sind. Sie alle haben auf verschiedenen Servern eine geheimnisvolle Datei gefunden, die offensichtlich eine direkte Manipulation der Realität erlaubt. Wenn man in dieser Datei den eigenen Eintrag aufsucht und dort gewisse Parameter ändert, dann verändert sich damit augenblicklich das eigene Sein. So stattet man sich mit Unsterblichkeit aus, versorgt sich mit übernatürlichen Kräften und beschafft sich womöglich auch einen attraktiveren Kontostand.
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Zauberer sind Hacker der Realität

Science Fiction ist oft düster und schwer – doch «Off to be the wizard» («Plötzlich Zauberer») von Scott Meyer ist die grosse Ausnahme: charmant, lustig und leichtfüssig.

Off to be the wizard (Deutsch: Plötzlich Zauberer) von Scott Meyer ist eine charmante Geschichte mit hohem Nerdfaktor, die zwei in unserem Soziotop äusserst beliebte Felder geschickt zusammenführt. Sie liesse sich als Fantasy-Science-Fiction bezeichnen, und weil eine etwas ausführlichere Beschreibung zwangsläufig Spoiler enthält, hier schon vorab das Fazit: Wer klevere leichte Stories mit einem technoiden Touch mag – wie zum Beispiel Ready Player One von Ernest Cline – dem sei Off to be the wizard herzlich empfohlen.

Wie eines jener Adventures, die damals auf dem C64 liefen.

Die Geschichte, in der quirligen englischen Hörbuchfassung von Luke Daniels gelesen, erzählt von Martin, der als Hobbyhacker auf einem schlecht geschützten Server auf eine geheimnisvolle Datei stösst: „Zauberer sind Hacker der Realität“ weiterlesen