Zwei weitere Serialtäter

«Serial» ist der Podcast, der uns allen vor Ohren geführt hat, dass Podcasts sich nicht in mehr oder minder geistvollen Laberrunden erschöpfen müssen. Sondern auch als ernsthafte journalistische Disziplin funktionieren – als Longform, quasi. «Serial» hat wie schon früher berichtet Nachahmungstäter auf den Plan gerufen. Und nebst den direkten Kopisten – wobei ich das Wort jetzt nicht so negativ meine, wie es klingt – gibt es auch diverse Produktionen, die sich in Stil und Form an dem grossen Vorbild orientieren.

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Wie gesellschaftliche Zustände zementiert werden, gerade wenn sie überwunden scheinen. (Bild: «4-2» von Cameron Nordholm/Flickr.com, CC BY 2.0)

Letzte Woche sind mir gleich zwei solcher Podcasts begegnet. Sie unterscheiden sich von «Serial», indem sie nicht im eigentlichen Sinn eine Geschichte über mehrere Episoden erzählen. Sie ähneln «Serial» aber, indem sie Musik pointiert einsetzen: Simple, eingängige Melodien, die als erzählerisches Stilmittel funktioniert, fast so wie die Musik im Film. Und sie sind collageartig konstruiert, indem zwischen die Erzählpassagen Soundbites und längere O-Töne eingeflochten sind, ohne dass deren Herkunft und Relevanz immer gleich aufgelöst wird, wie man das im traditionellen Journalismus tun müsste.

Revisionist History. Der kanadische Journalist Malcolm Gladwell rollt in diesem Podcast kleine und grosse historische Ereignisse auf und interpretiert sie neu; «The Guardian» hat darüber berichtet. „Zwei weitere Serialtäter“ weiterlesen

Schaut euch mal Kevins Videoblog an!

Kevin Rechsteiner, mit dem ich das Vergnügen habe, auf Radio Stadtfilter das Digitalmagazin zu bestreiten, ist ein Hansdampf in allen Gassen: Er ist Webexperte, Konzertfotograf, Mitbetreiber eines Kinos, Paartherapeut, Kaffeefan und kaffeemässiger Dokumentarfilmer. Und neuerdings strebt er offenbar auch eine Karriere als Fahrender an. Jedenfalls beschäftigt er sich unter dem Schlagwort «Minimalismus auf Rädern» mit der Möglichkeit, mobil und ohne grosse Platzansprüche zu wohnen. Und sicherlich hat er noch ein paar Facetten, von denen ich noch nicht einmal etwas ahne.

Wie auch immer: Ich finde Leute spannend, die auf vielen Hochzeiten tanzen. Mir geht es auch so, dass ich mich nicht nur auf ein Ding konzentrieren mag – allein, weil das Leben mehr zu bieten hat als eine einzige Leidenschaft. Was nun Kevin angeht, betreibt der neuerdings Video-Tagebuch, das er «Kevlog» nennt und in dem er sich so viele Dinge ausprobiert, dass ich bei jeder Produktion für die Digitalen Patentrezepte überlege, ob ich die Sache nicht doch spontaner und experimenteller angehen soll. (Was ich nicht tue, weil mein Format ein journalistisches sein soll, das kompakt und auf den Punkt informiert. Gegenargument: Passt dort nicht.)
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Wie ihr eure soziopodische Neigung bedient

Die Inhaltsangabe (Neudeutsch: «tagline») des Soziopod ist nun nicht gerade geeignet, Euphorie auszulösen: «Audiophilotechnosoziokulturellepädagnostische Diskurse» würden sie anbieten, versprechen Doktor Köbel aka Dr. Nils Köbel und Herr Breitenbach aka Patrick Breitenbach.


Einzelne Folgen des Podcasts gibt es auch als Video, z.B. hier.

Das Adjektiv muss man erst einmal geparst kriegen. Falls das geschafft ist, kommen manche Leute vielleicht auf die Idee, das Wort «Pädagnostik» bei Wikipedia erfolglos nachzuschlagen. Ofmg, denkt man sich und fühlt sich zu dumm für diese Veranstaltung. Weil nun aber Holgi neulich den Podcast nachdrücklich empfohlen hat und ich mich bei Holgi nie zu dumm fühle (was nun keine Beleidigung ist, auch wenn es so klingen könnte), habe ich mir die Folge Die offene Gesellschaft und ihre Freunde in Hamburg angehört.
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Ein weiterer ungeklärter Mord

«Serial» hat seinerzeit in der Podcast-Welt Wellen geworfen (siehe hier und hier). Die Podcast-Reihe, die eine Geschichte in mehreren, kontinuierlich recherchierten Folgen erzählt, ist im Moment in der zweiten Staffel. Es geht in dieser zweiten Staffel um das scheinbar unerklärliche Verschwinden des US-Sergeants Bowe Bergdahl, der unter dubiosen Umständen in die Gefangenschaft der Taliban geriet und fünf Jahre in Afghanistan und Pakistan ausharren musste. Die neueste Folge (5 O’Clock Shadow) hat mich an meine Rekrutenzeit erinnert, obwohl ich zugegeben nie in Afghanistan war. Aber dieses Disziplingetue in Situationen, wo es absolut sinnlos ist – da wäre ich auch davongelaufen.

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Warum nur?

Ende letzten Jahres hat der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) dieses Format aufgegriffen und in seiner neunteiligen Recherche «Wer hat Burak erschossen?» versucht, dem bislang ungeklärten Mord am türkischstämmigen Jugendlichen Burak Bektaş auf den Grund zu kommen. Burak wurde 2012 auf offener Strasse erschossen, wobei auch zwei seiner Freunde verletzt wurden. Ein Motiv für die Tat hat die Polizei bislang nicht entdecken können. Ebensowenig wie einen Tatverdächtigen oder überzeugende Anhaltspunkte. Auch die Süddeutsche hat im letzten Jahr über den Fall berichtet. „Ein weiterer ungeklärter Mord“ weiterlesen

Macht hinne!

Methodisch inkorrekt ist ein Podcast, der mir in letzter Zeit immer mal wieder begegnet ist. Er wurde in diversen anderen Podcasts erwähnt und neulich hat ihn auch mein Mitstreiter maege in der Folge Boom shakalaka des Digitalmagazins erwähnt. Es handelt sich um einen Wissenschaftspodcast, der «interessante aktuelle Forschung, Experimente und den Alltag» behandelt. Ein Thema, das mich sehr interessiert, dem ich hohe Relevanz beimesse und das sich fürs Podcaten bestens eignet. Ich höre zwar nicht regelmässig, aber doch ab und zu gerne Wissenschaft von Holger Klein und Florian Freistetter.

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Häh? (Bild: JD Hancock/Flickr.com, CC BY 2.0)

Grund genug für eine Besprechung. Ich habe mir die Folge 62 «Alles ist besser mit Alkohol» angehört und sie – weil ich sie hier besprechen wollte – auch zu Ende gehört. Es war aber schon nach einer halben Stunde klar, dass Nicolas Wöhrl, Reinhard Remfort und ich nicht harmonieren. „Macht hinne!“ weiterlesen

Wissenschaft mit Einschlagskraft

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Damals hinterm… (Bild: Project Apollo Archive/Flickr.com)

Der Omega-Tau-Podcast, bereits hier und hier erwähnt, ist es wert, einmal ein bisschen ausführlicher besprochen zu werden. Nora Ludewig und Markus Völter produzieren ihn (Edit: Siehe Kommentare). Letzterer spricht – in Schwäbisch und in schwäbisch gefärbtem Englisch und es geht um technische und wissenschaftliche Themen. Das Spektrum ist breit gefasst. Es reicht von Internetthemen über die Weltraumfahrt und Aviatik bis hin zu natur- und sozialwissenschaftlichen Fragen. Davon interessiert mich nicht alles gleichermassen, sodass dieser Podcast zu denen gehört, bei denen ich nicht jede Folge herunterlade, sondern anhand der Shownotes auswähle. Ich nehme an, dass die variable Flughöhe dieses Podcasts zum Konzept gehört. Damit meine ich, dass manche Themenbereiche weit gefasst sind und allgemeinverträglich behandelt werden. Andere sind sehr spezifisch und werden ad nauseam vertieft, sodass nur Insider es so genau wissen wollen. Und auch der Umstand, dass englische und deutsche Episoden im gleichen Feed erscheinen, deutet nicht darauf hin, dass Völter auf eine maximale «Durchörbarkeit» abzielt. „Wissenschaft mit Einschlagskraft“ weiterlesen

Hörspiel 2.0

Neulich habe ich mich vergoogelt und bin beim Hörspiel «39» von WDR3 gelandet. Das verspricht zweierlei: Zum ersten will es interaktiv sein. Und zum zweiten ein «3-D Hörspiel für Kopfhörer».

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Flache Bilder zu dreidimensionalem Klang.

Was das erste Schlagwort bedeutet, wird schnell klar: Es gibt «39» auch als App für Android-Geräte und für iPhones und iPads. In der App gibt es verschwommen-psychedelische Bilder, in denen man sich mit Wischen und Zoomen von Szene zu Szene bewegt – und mitunter auch die Reihenfolge der Geschehnisse leicht variieren kann. Echte Interaktivität bietet die App allerdings nicht: Die Ereignisse verändern kann man nicht. Daher neige ich zur Empfehlung, «39» in der nicht-interaktiven Form zu geniessen. Bei der schliesst man die Augen, folgt der Geschichte, ohne auf dem Tablet wischen zu müssen. Und statt den schummrigen Bildern hat man sein Kopfkino.
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Farewell, Instacast. Hello Pocket Casts

Wie man letzte Woche lesen konnte, hat Vemedio, der Hersteller des populären Podcast-Clients Instacast, letzte Woche die Waffen gestreckt. Das ist sehr schade. Ich bin seit Jahren Instacast-Nutzer und habe die Software hier im Blog in hohen Tönen gelobt: Gepriesen sei Instacast!. Ich habe gerne für die App bezahlt, wobei ich das Cloud-Abo nicht gelöst hatte. Das brauchte ich nicht, da ich Podcasts ausschliesslich übers iPhone höre.

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Links die Ansicht «Podcasts», rechts die Übersicht mit den «Episode Filters».

So muss ich mir nun überlegen, auf was für eine App ich umsatteln werde. Man kann Instacast zwar vorerst weiter nutzen. Aber wie ich immer wieder predige: Eingestellte Anwendungen sollte man besser früher als später ablösen. Irgendwann kommt ein Betriebssystem-Update daher, das die Kompatibilität beeinträchtigt. Ausserdem will man (als Nerd) keine Apps nutzen, bei denen nichts vorwärts geht.

Mein Favorit ist Pocket Casts von ShiftyJelly. Wichtig sind für mich bei einem Podcast-Client: „Farewell, Instacast. Hello Pocket Casts“ weiterlesen

Marginalien der Geschichte

Nate DiMeo ist der Autor des Geschichts-Podcasts The Memory Palace. Das ist nicht der erste Podcast aus dem historischen Bereich, den ich hier erwähne – Hardcore History von Dan Carlin war in diesem Blog schon mehrfach ein Thema (hier etwa und hier).

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Fledermäuse als Waffen? (Bild: Djigiarov/Flickr.com)

Diese beiden Produktionen könnten nicht unterschiedlicher sein. Während Carlin sich den grossen Themen annimmt und sie in unglaublicher Akribie stundenlang ausbeint, kümmert sich DiMeo um die kleinen, scheinbar unwichtigen Anekdoten, die den Lauf der Dinge nicht nachhaltig verändert haben und darum auch nicht zum Allgemeinwissen zählen müssen. „Marginalien der Geschichte“ weiterlesen

Zum Jubeljahr gibt es Schelte

Podcasts feiern dieses Jahr ihren zehnjährigen Geburtstag1. Podcasts sind im Lauf von 2004 ins Bewusstsein vieler Leute getreten. Den meisten ging es wohl wie mir: Sie wurden auf das neue Medienformat aufmerksam, weil mit iTunes 4.9 plötzlich ein Programm auf ihrem Computer vorhanden war, mit dem man selbiges nutzen konnte. Ich war damals mit dem ersten iPod Shuffle unterwegs. Das war das lange Ding, das aussah, wie ein USB-Stick und auch genauso an den Computer angeschlossen wurde. Und der für Podcasts denkbar ungeeignet war. Ich bin mir nicht sicher, ob er sie überhaupt abspielte. Ich hatte darum einen Ausweich-Player. Ich glaube, von Creative – aber auf eine verbindliche Aussage versteife ich mich nicht.

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So hat sich das Apple mit den Podcasts ausgemalt. (Aus der ersten Version der iOS-Podcast-App von 2012.)

Ernsthaft ging es für mich 2006 mit den Podcasts los – Happy Shooting und This Week in Tech waren ab da Pflichtprogramm und im Herbst 2006 ging unser eigener Podcast an den Start, der Digitalk. Seit da hat sich mein Spektrum stark erweitert. Podcasts sind zu einem wichtigen Bestandteil meiner Informationsversorgung geworden. Und folgendes sage ich jetzt in der Hoffnung, dass mein Arbeitgeber nicht mitliest: „Zum Jubeljahr gibt es Schelte“ weiterlesen