Willkommen in den Achtzigerjahren! Spotify hat gerade das Musikfernsehen erfunden! Vor einem Jahr schnödete ich über Spotify, als dort die Musikvideos wiederauferstanden: Endlich konnte ich die Clips anschauen, die ich vor vierzig Jahren auf MTV verpasst habe.
Heute zeigt sich, dass Spotify nicht bloss die alte Archivware neu in Umlauf bringen, sondern das Musikvideo auch im Hier und Jetzt wiederbeleben will. Am 17. Juni 2026 schrieb das Unternehmen in einer Pressemeldung:
Wir führen auf Spotify for Artists eine Videofunktion ein. Ab heute können Künstler, die an dieser Beta-Phase teilnehmen, Live-Auftritte, Studio-Sessions, Coverversionen und offizielle Musikvideos – die alle lizenzpflichtig sind und für die Charts infrage kommen – in voller Länge¹ auf Spotify hochladen.
Das klingt nach einer Möglichkeit für die Musikfans, ihren Idolen näherzukommen – zumindest denen, die keine geschleckten Marketingproduktionen vom Stapel lassen, sondern (einigermassen) authentische Einblicke zulassen. Das hätte meinem 16-jährigen Musikfan-Ich gefallen. Denn da ich nicht die Musik hörte, die im «Bravo» abgehandelt wurde, erfuhr ich, so ganz ohne Web, kaum irgendetwas über meine Lieblingskünstlerinnen und -künstler.
Spotifys Plattformlogik
Also, eine tolle Neuerung? Ich habe meine Zweifel. Die rühren daran, dass Spotify diese Videoinitiative (abgesehen von ein paar Floskeln) nicht mit einem Mehrwert für die Kundinnen und Kunden begründet und schon gar nicht von neuen künstlerischen Ausdrucksformen schwärmt, sondern sogleich auf Plattform-Metriken und den Umsatz einschwenkt:
Nach dem Streamen eines Videos in voller Länge auf Spotify streamen Hörer:innen diesen Song in den nächsten drei Wochen 64 Prozent häufiger als vergleichbare Fans, die nur die Audioversion gehört haben. Ausserdem ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn speichern, teilen oder zu einer Playlist hinzufügen, 1,4-mal so hoch. Und im selben Zeitraum streamen sie den Rest des Künstler:innen-Katalogs 57 Prozent mehr².
Spotify setzt das Videofeature in den Kontext eines harten Kampfs um Aufmerksamkeit. Denn wenn wir davon ausgehen, dass sich durch das Video die Verweildauer nicht markant erhöht, bedeutet diese Aussage zwingend, dass Künstlerinnen und Künstler sich dem Video nicht verweigern sollten, weil sie sonst an Marktanteil verlieren. Wenn ich meinen Lebensunterhalt mit Streamingeinkünften verdienen würde, dann würde ich das als Drohung verstehen.
Spotify gegen Apple, Amazon, Tidal – und gegen Youtube und Tiktok
Nun hat Spotify die Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht erfunden. Trotzdem frage ich mich, ob Spotify auf Video setzt, weil das ein echtes Bedürfnis ist – also etwas, das den Streamingdienst für die User aufwertet – oder ob es nur um strategische Überlegungen geht. Sprich: um ein Verkaufsargument gegenüber den Konkurrenten Apple Music, Tidal und Amazon Music.
Auch eine Tatsache: Mit Youtube und Tiktok ist der Trend zum Bewegtbild offensichtlich – den hat nicht Daniel Eck erfunden. Man kann sogar attestieren, dass die Schweden explizit nicht auf kurze Videos, sondern auf Live-Auftritte, Studio-Sessions und Coverversionen in «full-length».
Trotzdem befürchte ich einen Kollateralschaden: Künstlerinnen und Künstler, die hervorragende Musik machen, aber wenig Ressourcen in die Selbstvermarktung stecken können oder wollen, werden durch diese Entwicklung benachteiligt. Das sind die unabhängigen und alternativen Acts, aber nicht nur. Es gibt Leute, die sich nicht in den sozialen Medien und im Bewegtbild präsentieren möchten oder visuell nicht viel zu bieten haben (man denke an experimentellen Jazz oder elektronische Musik, die nur im Laptop lebt).
Die Diskriminierung der Kleinen und Unabhängigen
Spotify nimmt das nicht nur in Kauf, sondern befördert diese Diskriminierung aktiv. In der Pressemeldung heisst es:
Videos tragen dazu bei, das Hörerlebnis zu vertiefen, und signalisieren kulturelle Trends. Daher stellen wir Titel in personalisierten Empfehlungen häufiger mit Videos in den Vordergrund.
Mit anderen Worten: Videos werden auch algorithmisch belohnt. Natürlich stellt sich die Frage, ob das überhaupt der Grund ist, weswegen sie häufiger angehört werden, wie oben erklärt.
Fazit: Das Internet weckte die Hoffnung auf Demokratisierung des Musikschaffens: Wer Talent hat und den Puls der Zeit trifft, kann sich an Gatekeepern und Musikverlagen eine Karriere aufbauen, lautete das implizite Versprechen. Mit Spotify ist das vom Tisch: Der Streamingdienst tut alles, um die zu belohnen, die bei der Vermarktung das grosse Besteck auspacken können.
Fussnoten
1) An dieser Mitteilung ist bemerkenswert, dass neunmal der Begriff «full-length» vorkommt. Als naiver Journalist und Blogger fragt man sich, was das für eine Form der Gehirnwäsche sein soll. Gibt es irgendwo einen Musikstreamingdienst, bei dem nur die halben Videos abrufbar sind? Spotify verwendet den Begriff anscheinend in Abgrenzung zu den sekundenlangen Clips, die es schon länger gibt. Zwischen den Zeilen kann man (vielleicht) auch eine Distanzierung von den Youtube Shorts und Tiktok vermuten. ↩
2) In der «Fan Study» finden wir Details zur Berechnung dieser Zahlen:
Die Analyse umfasst über 30 Millionen Hörer von 37’000 Künstlern mit mindestens 1000 monatlichen Hörern und mindestens drei Videos auf Spotify im Zeitraum März bis April 2026.
Für mich stellt sich die Frage, ob sich der Effekt auch bei kleineren Acts einstellen würde – also für diejenigen, die am wenigsten bekannt sind und für die die Produktion eines Videos im Verhältnis am aufwendigsten ist. ↩
> Die Diskriminierung der Kleinen und Unabhängigen
Spotify ist konsequent. Sie waren vorher schlecht für Künstler (Man muss sehr oft gestreamt werden, um mit einem Plus herauszukommen, weshalb das Herumgeflenne „Warum ist der Song nicht auf Spotify? :heulemoji:“ in den Kommentaren auf Youtube auch so extrem nervig ist. Und man muss sich dem Dienst auch von der Länge der Songs her etc. anbiedern.) und sie sind immer noch schlecht für Künstler.