Ein grüner Ballon schwebt hoch am blauen Himmel, umgeben von weissen Wolken. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Freiheit und Leichtigkeit.
Eine Datei entschwindet wie dieser Ballon hier in die Cloud – auf Nimmerwiedersehen (Artmo_Polska, Pixabay-Lizenz).

Super-GAU am Mac: 100’000 Dateien weg!

Wie konnte das pas­sie­ren und wer ist schuld? Irgend­wie ver­schwan­den 200 GB an Dateien aus dem iCloud-Drive. Sie müssen jetzt dringend vor der end­gül­ti­gen Löschung Stück für Stück wie­der­her­ge­stellt werden.

Erst wenige Wochen ist es her, dass ich einen endgültigen Abgesang auf meine Karriere als Computersupporter gesungen habe. Heute lösen ChatGPT und Konsorten unsere Computerprobleme für uns – wie in diesem Beispiel mit dem Windows-Laptop, der den Rucksack aufheizt, statt in den Ruhezustand zu wechseln.

Doch siehe da; nur ein paar Tage später schrieb mir Peter ein Mail. Er nahm nicht konkret Bezug auf meine frühere Rolle als Kummerbox-Betreuer, in der ich Lösungsvorschläge für Ärger mit Computer, Smartphone, Internet und der ganzen digitalen Sphäre gab. Doch er schrieb, er sei selbst langjähriger Supporter und sei nun mit einem Problem konfrontiert, wie er es seit mehreren Jahrzehnten noch nie gesehen habe.

Das ist keine Übertreibung: Peter berichtet von einem Super-GAU für jeden und jede, der für eine ernsthafte Tätigkeit einen Computer benutzt. Es geht um eine seiner Kundinnen, eine Mac-Anwenderin, der auf einen Schlag knapp 100’000 Dateien mit 200 GB Umfang abhanden kamen. Also ein digitales Lebenswerk von beträchtlicher Grösse – so viele Dateien muss man erst einmal anhäufen!

1) 100’000 Dokumente im digitalen Limbo

Zentral bei dieser Megapanne scheint die Option Mac optimieren zu sein, die die Nutzerin angeklickt hat¹. Peter gibt ausserdem folgende Hinweise:

  • Die Mac-Anwenderin habe Time Machine für die Datensicherung eingesetzt, doch die iCloud-Dateien seien dort nicht enthalten.
  • Sie war zuvor auf ein neues Macbook Air umgestiegen und hatte die Daten migriert.
  • Peter schaltete die Option Mac-Speicher optimieren ab. Dadurch sollten die Daten heruntergeladen und via Time Machine gesichert werden können.
  • Doch dann trat ein Synchronisationsproblem auf und das iCloud Drive erschien im Finder als beschädigt. Peter drückte den Reparieren-Knopf, weil sonst nichts mehr ging.
  • Anschliessend seien sämtliche Dateien vom Schreibtisch und aus dem Dokumente-Ordner verschwunden. Diese befinden sich jetzt unter icloud.com/recovery, jedoch nicht im Unterordner Zuletzt gelöscht.

2) Ein Kampf gegen die Zeit

Nun kämpft Peter einen Kampf gegen die Zeit: Unter Recovery bleiben die Dateien nämlich nur für einen Monat, nachher werden sie entsorgt. Für die Wiederherstellung muss Peter jetzt bei jeder einzelnen Datei auf den entsprechenden Knopf drücken: eine Strafarbeit, die man niemandem wünscht.

Bildschirmansicht der Datenwiederherstellung in iCloud. Es sind vier Optionen sichtbar: Dateien, Lesezeichen, Kontakte und Kalender wiederherstellen, jeweils in Kästen mit Symbolen.
Diese Optionen zur Datenwiederherstellung bietet Apple an. In meinem Fall ist unter «Dateien» derzeit aber nichts zu holen.

Gibt es dazu keine Alternative?

Peter schreibt, er habe versucht, Unterstützung von Apple zu erhalten – sei es für eine Fristverlängerung, sei es für eine händische Zurückbeförderung der Daten ins iCloud Drive. Beides klappte nicht und mein Tipp, via tcook@apple.com das Problem in die Chefetage zu eskalieren, lief ebenso ins Leere. Ich hatte den vor einiger Zeit im Netz gelesen und fand, das sei die passende Gelegenheit, ihn auszuprobieren. Aber anscheinend hatte da die Stabübergabe an John Ternus bereits stattgefunden – oder Tim Cook liest wider Erwarten nicht alle Mails!

3) Eine Verknüpfung unglücklicher Umstände

Wie konnte es so weit kommen? Per Ferndiagnose wage ich keine abschliessende Einschätzung, aber mutmasslich war das Abschalten der Optimierungsfunktion der Auslöser: Der Download von 100’000 Dateien und 200 GB überforderte den Mac. Vielleicht hatte das Macbook Air, obwohl neu, bereits zu wenige Reserven. Und der Klick aufs Reparieren-Symbol löste eine Art Reset aus.

Es kommen zwei unglückliche Umstände hinzu:

  1. Der Vorläufer des neuen Macbook Air scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Sonst würden sie sich von diesem Gerät holen und retten lassen. Eine Steilvorlage, eine alte Empfehlung zu wiederholen: Beim Gerätewechsel sollte das alte Gerät erst dann geleert und entsorgt bzw. verkauft werden, wenn das neue in einwandfreiem Betriebszustand ist.
  2. Es gibt gemäss Apple die Möglichkeit, die im Recovery-Ordner befindlichen Dateien in einem Rutsch über den Knopf Alle auswählen wiederherzustellen. Doch bei Peter scheint sie zu fehlen.

Warum, ist mir nicht klar: Entweder fehlt der Knopf oder er funktioniert nicht. Es könnte sich um ein Browserproblem handeln, weswegen ich empfehle, unbedingt mit einem Ausweichbrowser einen Versuch zu wagen.

Mutmasslich dürfte es so sein, dass die Weboberfläche durch die schiere Zahl der Dateien überfordert ist. Das wäre ein Hinweis auf eine Schwachstelle. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Sicherheitsnetz nicht nur für drei, fünf oder zehn Dateien ausgelegt sein darf, sondern einen riesigen Schwall an Daten verkraften muss.

Sollte hier der Hase im Pfeffer liegen, läge es in Apples eigenem Interesse, Hand für eine Lösung zu bieten: Denn das wäre eine brutale, inakzeptable Schwachstelle, die unbedingt behoben werden muss. Vielleicht würde es mit einem dezenten Hinweis doch noch gelingen, diese Sache zur passenden Hierarchiestufe zu eskalieren.

4) Wie teuer ist guter Rat denn nun?

Es scheint, dass der letzte Strohhalm darin besteht, die Wiederherstellung Datei für Datei durchzuführen. Um das nicht von Hand erledigen zu müssen, gibt es drei Möglichkeiten:

a) Eine Wiederherstellung über Kopie deiner Daten anfordern

Dank der Datenschutz-Grundverordnung der EU gibt es das Recht auf Datenportabilität. Das erlaubt es uns, völlig unentgeltlich eine Momentaufnahme unseres Clouddatenbestandes anzufordern und herunterzuladen. Dazu loggen wir uns unter privacy.apple.com/account ein und folgen dem Prozedereim Bereich Kopie deiner Daten anfordern.

Die Vorbereitung der Dateien braucht eine gewisse Zeit, aber sie sollte innert nützlicher Frist, d. h. vor dem endgültigen Löschen, möglich sein. Die Preisfrage lautet natürlich, ob in diesem Take-out auch die Recovery-Dateien eingeschlossen sind. Das konnte ich nicht eindeutig klären. Aber es wäre wiederum ein Versäumnis auf Apples Seite, wenn es nicht so wäre.

Screenshot einer Webseite von Apple über Datenmanagement mit Optionen wie Datenanforderung, Datenübertragung, Datensynchronisation und Accountverwaltung.
Gut zu wissen: Hier lässt sich eine Kopie der gesamten bei Apple gespeicherten Daten anfordern.
b) Eine agentische KI: Sie soll die Klickerei übernehmen.

In Zeiten von agentischen Browsern kommt uns sofort die Idee, die Klickerei an eine künstliche Intelligenz zu delegieren. Da OpenAI den Atlas-Browser kürzlich eingestellt hat, würden wir auf die Codex-App setzen. Mit der Computer Use-Funktion kann sie die lokalen Anwendungen bedienen und den Browser steuern.

Bei 100’000 Dateien würde das dauern und mutmasslich teuer werden. Aber die letzte Alternative – ein Versuch, die gelöschten Daten lokal wiederherzustellen – würde mutmasslich um Welten mehr Geld kosten. Peter schrieb, eine KI sei keine Option, weil es sich um sensible Dateien handeln würde².

c) Eine klassische Automatisierungssoftware

Es gibt auch «dumme» Programme, die solche Automatisierungen übernehmen können. Eventuell liesse sich ein Kurzbefehl entwickeln, der diese Aufgabe übernimmt – mit Mac OS 27, Apple Intelligence und zusätzlicher Unterstützung durch ChatGPT könnte das gelingen. Falls ein Windows-PC zur Verfügung steht, hat Power Automate von Microsoft eine Chance verdient. Für den Mac kommt Keyboard Maestro infrage (36 US‑Dollar).

d) Wenn alle Stricke reissen: eine Datenrettung auf der lokalen Festplatte

Es kann natürlich sein, dass die fraglichen Daten nur in der Cloud gespeichert waren – zum Beispiel, weil sie direkt dort erstellt worden sind. Dann fällt diese Option hier flach.

Wenn sie jedoch zumindest auf dem Vorgängergerät des Macbook Air vorhanden waren, dann liessen sie sich vielleicht von dort retten. So, wie sich die Situation präsentiert, würde ich damit ohne eigene Versuche direkt zu einem spezialisierten Datenretter gehen. Das wird allerdings richtig teuer. Es wäre mit Kosten von mehreren Tausend Franken zu rechnen.

5) Und die Moral von der Geschicht: Eine Cloud ist kein Backup

Die gute Nachricht ist: Ich darf am Ende dieses Blogposts ein Happy-End vermelden. Peter schaffte es, sich durch Apples Supportcenter zur richtigen Person durchzufragen, die die Datenrettung in der iCloud veranlassen konnte. Ufff!

Daraus ergeben sich mehrere Erkenntnisse:

  • Hartnäckigkeit zahlt sich aus: nicht nur beim Klicken, sondern ebenso an der Supporthotline.
  • Die Cloud ersetzt die Datensicherung nicht. Man darf nur die Bits und Bytes sein Eigen nennen, die man auf seinen eigenen Datenträgern besitzt.
  • Und diese tolle Apple-Funktion? Besser meiden! Die scheint die Dateiablage nicht immer zu optimieren, sondern manchmal auch zu dezimieren.

Fussnoten

1) Sie findet sich in den Systemeinstellungen unter Allgemein und sorgt für ausreichend freie Kapazitäten. Wenn der gesamte Datenbestand grösser ist als das interne Speichermedium, wird ein Teil ins iCloud Drive ausgelagert. Wie robust diese Funktion in Ausnahmesituationen ist, konnte ich nicht ausprobieren, weil das Testverfahren höchst aufwendig wäre. Ich gehe aber davon aus, dass sie so robust implementiert wurde, dass nichts verloren geht, selbst wenn die Kapazität sowohl lokal als auch in der Cloud zur Neige geht. ↩

2) Peter erwähnte auch den Grund dafür. Diesen werde ich hier nicht weiter ausführen, da ich dazu erst selbst mit der betroffenen Kundin hätte sprechen wollen, denn für derlei Daten müsste man einen verantwortungsbewussteren Umgang einfordern. In die Cloud gehören sie meines Erachtens auch nicht, zumal in diesem Fall anscheinend schon die Namen der Dateien zum Problem werden könnten, weil auch die dem Datenschutz unterliegen. ↩

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