Eine Bemerkung vorneweg: Dieser Beitrag läuft in meiner Rubrik Der Online-Shit der Woche. Das ist nicht respektlos gegenüber den Menschen gemeint, um deren Posts es geht. Im Gegenteil; Ihnen drücke ich mein herzlichstes Mitgefühl aus.
Die despektierliche Bezeichnung richtet sich an die Tech-Konzerne und ihre Plattformen. Die nehme ich im Kontext dieses Blogbeitrags als gnadenlose, herzlose Content-Verhackstück-Maschinen wahr. Wie Charlie Chaplin, der im Film Modern Times in ein riesiges Räderwerk gerät. Es ist schwer erträglich für mich, wenn Menschen ihren Schmerz einer solchen Plattform anvertrauen, die ihn in der Folge hernehmen, um ihn mit den gleichen Algorithmen in ein «Werbeumfeld» zu verwandeln, mit dem auch Fake News, AI Slop, Engagement Farming und jegliche andere ernst- oder unernst gemeinte Äusserungen verarbeitet werden. Ich verstehe den Impuls, warum die betroffenen Menschen es tun. Aber ich halte es für das Symptom einer Fehlentwicklung, die mit dem Shit-Attribut noch moderat umschrieben ist.
Es geht um die Posts, in denen Menschen mitteilen, dass sie einen nahen Angehörigen verloren haben. Ich sehe sie in letzter Zeit häufig, hauptsächlich auf Threads. Der Algorithmus von Metas Kurznachrichtendienst ist besonders gut darin, emotionale Beiträge zu erkennen und zu befeuern. Je mehr Leute ihre Anteilnahme ausdrücken, desto weitere Kreise zieht ein solcher Beitrag. Wenn jemand seine Trauer mit einem Bild ausdrückt oder so in Worte fasst, dass die Leute davon berührt sind, dann belohnt Meta den Post mit einer riesigen Reichweite.
«Das letzte Mal, dass ich dich halte, mein kleines Mädchen»
In der Logik dieses Mechanismus sind es nicht die «normalen» Todesfälle, die wir zu sehen bekommen. Wir erfahren von Menschen, deren Partner gestorben ist, mit dem sie ein halbes Jahrhundert verbracht haben. Von Vätern, Müttern, Freunden oder Bekannten, die ihren Kampf gegen den Krebs verloren haben. Oder von Eltern, die vom Verlust eines Kindes schreiben.


Einer dieser Posts vom April verfolgt mich bis heute. Ich habe im Nerdfunk davon erzählt, weil ich ihm unvermittelt begegnete, als ich im Grossraumbüro eigentlich nur ein paar Minuten mit ein paar sinnlosen Posts verplempern wollte, dann aber zusehen musste, dass keiner merkt, wie ich mit den Tränen kämpfe. Auf den zwei Bildern sehen wir einen Mann, der ein höchstens einjähriges, dick eingepacktes Kind hält. Sie befinden sich in einem Spitalzimmer, und die Haut des Kindes wirkt im Kontrast zu seinen dunklen Haaren furchtbar blass. «Das letzte Mal, dass ich dich halte, mein kleines Mädchen», schreibt Papa. Er ist etwa ähnlich alt wie ich, trägt ebenfalls Brille und einen Kahlkopf. Er macht es mir ausgesprochen leicht, mich mit ihm zu identifizieren.
Mein Mitgefühl war riesig. Aber ich empfand diesen Post auch als emotionalen Angriff. Und er brachte mich auch dazu, über den Sinn und Zweck solcher Veröffentlichungen nachzudenken. Auf den ersten Blick erscheinen sie als Todesanzeige 2.0 – als moderne Variante jener Bekanntmachung, die seit bald dreihundert Jahren in Zeitungen und Aushängen üblich ist.
Eine Botschaft mit einer ungefilterten Wucht
Gleichwohl existieren massgebliche Unterschiede: Eine Todesanzeige erscheint in einem lokalen oder regionalen Umkreis und richtet sich nicht nur, aber doch in erster Linie an Leute, die die verstorbene Person kannten. Und sie sind stark formalisiert. Man verwendet typischerweise eine distanzierte, bürokratische Sprache, mit einigen eingestreuten persönlichen Floskeln. Es gibt vielleicht einen Sinnspruch und ein Bild, aber eine solche Botschaft trifft einen nicht mit der ungefilterten Wucht eines Bildes, auf dem ein Vater seine tote Tochter in den Armen hält.
Vor allem aber muss man mit einer Todesanzeige nicht interagieren. Ein «Like» ist eine Form, Anteilnahme auszudrücken, auch wenn sie unfassbar unangemessen wirkt. Man kann ein paar Zeilen schreiben. Doch da wir es mit unbekannten Menschen zu tun haben, bleiben nur hohle Phrasen, die auch von der KI stammen könnten.
Schliesslich stört mich ungemein, dass auch diese Mitteilungen nach den Gesetzen der Aufmerksamkeitsökonomie behandelt werden. Wenn man das zu Ende denkt, dann kommt man unweigerlich zum Schluss, dass ein totes Kind ungemein hilft, die persönliche «Authority» auf einer Plattform zu erhöhen. Und obwohl schon vor der Ära der sozialen Medien persönliche Schicksalsschläge von manchen Leuten bewirtschaftet wurden, ist das heute in einer direkten und unkomplizierten Form möglich, die es vorher nicht gab: Die allermeisten Menschen kamen vor Threads nicht in die Verlegenheit, über diesen Aspekt nachdenken zu müssen.


Diesen Punkt laste ich nicht den Nutzerinnen und Nutzern an: Ich mache niemandem einen Vorwurf, der sich auf der Suche nach Trost diesen Plattformen zuwendet. Aber an die Adresse der Betreiber richte ich die Frage, ob sich hier nicht eine Gelegenheit ergibt, innezuhalten und darüber nachzudenken, ob man den sozialen Aspekt nicht wieder ernster nehmen müsste.
Der Mob ist gnadenlos
Wir müssen nicht darüber diskutieren, dass jeder selbst dafür verantwortlich ist, was er ins Netz schreibt, und niemand gezwungen wird, sich vor einem globalen Publikum so verletzlich zu zeigen. Aber wir sollten anerkennen, dass uns die rasante Entwicklung in solchen Situationen überfordert. So schnell, wie Digitalisierung in die letzten Winkel der menschlichen Existenz vorgedrungen ist, haben viele von uns nicht entschieden, wo wir die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Leben ziehen wollen.
Als Blogger und Journalist finde ich, dass man sein Inneres nach aussen tragen darf und manchmal sogar muss. Ich würde das jedoch niemals auf eine so ungefilterte Weise tun, die einen verwundbar macht. In den sozialen Medien ist der nächste Pöbler, Troll und Stinkstiefel nie fern.
Das zeigt das zweite Beispiel hier: Eine Frau gedachte ihres verstorbenen Sohnes, doch wegen einer missverständlichen Formulierung bekam sie es mit der Gnadenlosigkeit des Mobs zu tun. Das kann und darf nicht sein. Aller Digitalisierung zum Trotz brauchen wir (wie hier gefordert) geschützte Räume, in denen wir unsere tiefsten Gefühle mit einer ausgewählten Zahl von Menschen teilen. Aber ohne dass jeder dahergelaufene Rüpel darauf herumtrampeln kann.
Fussnoten
1) Dieses Beispiel passt wirklich zu den anderen – und irgendwie trotzdem. Eine Frau teilt ihren Schmerz darüber, dass sie nach dem Verlust ihrer Zwillinge sich von ihren Eltern anhören musste, sie hätte halt die Covid-Impfung nicht nehmen sollen. Nachdem sie darauf hingewiesen hatte, dass die Nabelschnur um den Hals des Kindes gewickelt war, sagten die Eltern, das sei die «Gnade des Herrn» gewesen. Es wird den Schmerz wohl nicht lindern, wenn man diese Anekdote in den sozialen Medien erzählt und eine Frau darauf anbietet, den Eltern mit der Bratpfanne Vernunft einzubläuen. Aber ich verstehe, wenn man sich nicht anders zu helfen weiss. ↩