Nahaufnahme einer Kuh mit langen Ohren und einem freundlichen Gesichtsausdruck. Der Hintergrund zeigt grüne Wiesen und einen blauen Himmel.
Noch so ein Kuhfoto, für das man mir eine erfundene DMCA-Abmahnung schicken könnte (Julian Dahl, Pexels-Lizenz).

Bullshit vom mechanischen Hausrind

Das Mail einer an­geb­lichen Anwältin mit einer ver­meint­lichen Ur­he­ber­rechts­be­schwerde ent­puppt sich als bil­lige Link­buil­ding-Masche: Mithilfe von Gemini und ChatGPT verfolge ich die Spur nach Houston, Texas, und Belgrad, Serbien. Und ich kläre das Rätsel, welche Rolle der mecha­ni­sche Bulle hier spielt.

Ein Brief von der Anwältin: Da schluckt man erst einmal leer, selbst wenn man sich keiner Schuld bewusst ist.

Wenigstens anfänglich. Wenn permanent solche Schreiben eintreffen, dann zuckt man irgendwann bloss noch mit der Schulter. Man härtet zwangsläufig ab. Genauso wie bei den Frauen, die ständig auf Whatsapp darum betteln, uns doch endlich näher kennenzulernen.

Und man trainiert seinen inneren Bullshit-Detektor. Bei Mitteilungen aus heiterem Himmel handelt es sich fast immer um einen Bschiss. Bei Whatsapp um einen Romance Scam und bei den anwaltlichen Depeschen um eine SEO-Mauschelei.

Die Methode ist mir hinlänglich bekannt. Ich hatte vor drei Jahren das fragwürdige Vergnügen, mit fast identischen Mails eingedeckt zu werden. Der Wortlaut besagt, ich hätte in meinem Blog eine Urheberrechtsverletzung begangen. Um die Sache beizulegen, müsse ich ein Foto mit einem Bildnachweis und einem Link versehen.

Die Kuh des Anstosses

Dieses Bild soll umlizenziert werden. Es stammt von Jaclou-DL/Pixabay und hat eine Pexels-Lizenz.

In der diesjährigen Neuauflage handelt es sich um das Foto einer Kuh, das einen fünf Jahre alten Beitrag zum Audio-Archiv der BBC ziert. Als «Beleg» für die missbräuchliche Verwendung wird auf Imgur verwiesen, wo das Motiv vor wenigen Tagen hochgeladen worden war.

Mein Hyperlink ist das Ziel dieser Aktion. Er soll dazu beitragen, die fragliche Adresse bei Google-Suchen in der Resultatliste nach oben zu pushen. Man will mich für eine klassische Linkbuilding-Aktion einspannen.

Diese «Wir mogeln uns an die Spitze von Google»-Spielchen werden seit Jahren mit unterschiedlichen Mitteln betrieben. Und diese Methode hier gehört zu der dümmeren Sorte.

Screenshot einer E-Mail mit dem Betreff «DMCA Copyright Infringement Notice». Der Inhalt enthält eine Aufforderung zur Urheberrechtseinhaltung und relevante Links.
Das Mail von «Emma».

Das aus drei offensichtlichen Gründen:

  1. Sie ist aufwendig. Das Schreiben stammt angeblich von Emma Johnson von der Kanzlei Citi Legal Services aus Boston. Um ihm Glaubwürdigkeit zu verleihen, muss eine Fake-Website dazuerfunden werden.
  2. Sie ist einfach zu durchschauen. Ich wusste zwar von früher, womit ich es zu tun habe. Aber wenn die Masche neu gewesen wäre, hätte ich nichts weiter unternehmen müssen, als das Mail (am besten im Quelltext) einem LLM vorzusetzen. Sowohl Gemini als auch ChatGPT erkennen es anhand diverser Merkmale eindeutig als Irreführung¹.
  3. Sie ist verräterisch. Da das Mail direkt zu mehr Links führen soll, kommen die Hinterleute nicht darum herum, die zu verwendende Adresse im E-Mail preiszugeben.

Der Drahtzieher verrät sich selbst

Dieser letzte Punkt ist besonders interessant: Die Empfängerinnen und Empfänger der Mails erfahren, welches Unternehmen versucht, seine Website bei Google mit dieser luschen Operation nach oben zu bringen. Manche davon kommen vielleicht auf die Idee, das öffentlich zu machen.

Ich zum Beispiel: Den Link, den ich hätte platzieren müssen, zielt auf mechanicalbullrentalhouston.com. Der Verleiher der mechanischen Bullen ist am 2500 CityWest Blvd Ste 120-215 in Houston daheim. Da das Bullenreiten zu den ruppigeren Freizeitvergnügen gehört, überrascht es nicht, dass die Suchmaschinenoptimierung ebenfalls nicht mit Samthandschuhen betrieben wird. (Ich spare mir an dieser Stelle einen Witz, der SEO mit der Lädierung von User-Testikeln in Verbindung setzt.)

Webseite von Citi Legal mit Informationen über ihre Dienstleistungen, Anwälte und aktuelle rechtliche Themen. Das Design ist übersichtlich und professionell gestaltet.
Die Website der vermeintlichen Anwaltskanzlei.

Ernsthaft: Wenn man solche Methoden einsetzt, sollte man sich bewusst sein, dass man sich stärker exponiert als früher. Mittels künstlicher Intelligenz lassen sich in ein paar Minuten interessante Hintergrundinformationen beschaffen, die früher unvertretbar viel Rechercheaufwand bedeutet hätten.

Die Sache hat System

Ich habe anhand der URL von Mechanical Bull Rental in Houston eine Reihe verräterischer Details herausfinden können, wobei sich Gemini und ChatGPT wunderbar ergänzten. Ich weiss jetzt unter anderem, dass …

  • ein Geflecht an Firmen, zu dem Bullenverleiher gehört, bei dem Partyzubehör in halb Texas vermietet wird. Bei diesen Unternehmen kann man auch Inflatables (aufblasbare Eventmodule) und ähnlichen Kram ausleihen,
  • als Ansprechpartner für Best Mechanical Bull Rental DFW in dieser Pressemeldung Nick Costello genannt wird,
  • und das Unternehmen weitere SEO-Praktiken betreibt. Dazu kommen diverse Exact Match Domains zum Einsatz. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Suchbegriffe einer typischen Google-Suche im Domainnamen aufweisen.
  • Das Unternehmen stellt für mindestens 18 Bezirke bzw. Regionen eigene Orts-Websites ins Netz. Bedient werden Baytown, Conroe, Katy, Pasadena und Sugar Land in Texas.

Ebenso interessant: ChatGPT findet mindestens 18 Websites, die den Link zum mechanischen Bullen angebracht haben. Hier agricolturamoderna.it, hier lauragais-tourisme.fr, hier www.ozosnel.nl, hier periodicodelmeta.com, plus weitere. Das heisst: Die Masche funktioniert.

Abschliessend nimmt mich wunder, ob besagter Nick Costello der Chef ist, der die SEO‑Kampagnen verantwortet, oder ob jemand anderer hinter der Sache steckt. Mich interessiert schliesslich, ob eine SEO-Agentur mit im Spiel ist. Genauso ist denkbar, dass die IP-Adresse in Belgrad einem Klickarbeiter gehört, der die Mails verschickt und die Websites der angeblichen Anwälte betreibt.

Zu diesen Fragen findet ChatGPT Indizien, jedoch keine belastbaren Beweise. Gemini behauptet im Brustton der Überzeugung, die Ausführung liege «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei einer Black-Hat-SEO-Agentur (oder einer Spam-Farm) im osteuropäischen Raum». Das halte ich für Spekulation: Die IP-Adresse verrät nur, dass das Mail vermutlich von einem Privatcomputer aus Serbien geschickt wurde (auch auf Reddit ist ein solcher Fall dokumentiert). In welcher Rolle dessen Besitzer agiert, ist nicht ableitbar.

Eine «Spam-Agentur» in Belgrad?

Detail am Rand: Zur Ursprungs-IP des Mails finde ich auf Wikipedia den Hinweis, der dazugehörende User sei wegen kontraproduktiver Änderungen gesperrt worden. Nun, wir wissen, dass IP-Adressen dynamisch zugeordnet werden und wir es nicht als bewiesen ansehen dürfen, dass sie in beiden Fällen von der gleichen Person benutzt wurde. Allerdings passt diese Sperrung verdächtig gut ins Bild. Gemini urteilt:

Da IP-Adressen von normalen Privatnutzern meist dynamisch vergeben werden und sich täglich ändern, deutet eine IP, die über Jahre hinweg für zweifelhafte Aktionen auffällt, stark auf einen festen Server, ein VPN/Proxy-Netzwerk oder einen festen Anschluss einer dortigen «Spam-Agentur» hin.

Wie es gute journalistische Sitte ist, stellte ich vor Veröffentlichung dieses Beitrags eine Anfrage an Emma Johnson und Nick Costello³, in der ich den Sachverhalt schildere und um eine Stellungnahme bitte. Trotz langem Vorlauf und Nachfragen traf keine Antwort ein. Das ist charakteristisch für derlei Suchmaschinenoptimierer: Sobald nur das Heuchlein einer kritischen Frage kommt, tauchen sie ab.

Fussnoten

1) Bei meinem Test waren sowohl die Analyse von ChatGPT als auch die von Gemini aussagekräftig genug, um selbst einem unerfahrenen Empfänger die Gewissheit zu geben, dass keinerlei Handlungsbedarf besteht.

Gemini führt fünf Belege an:

  1. Die «DMCA-Backlink»-Masche: Sie wird seit Jahren praktiziert.
  2. Die Absurdität der Forderung: «Kein echter Anwalt würde schreiben: ‹Löschen reicht nicht, Sie müssen stattdessen einen klickbaren Link zu unserem Klienten setzen.›»
  3. Die erfundene Kanzlei mit rotierendem Personal: «Die angebliche Kanzlei Citi Legal Services unter der Adresse 1 Beacon St 12th floor, Boston, MA wird in unzähligen Spam-Mails exakt so verwendet. Dabei rotieren die Namen der angeblichen ‹Trademark Attorneys› munter durch: Mal unterschreibt eine Emma Johnson, in anderen identischen Fällen ein Rob Anderson, James Harris oder eine Anna Brown.»
  4. Die ständig wechselnden Domains: «Weil solche Domains schnell blockiert werden, registrieren die Hintermänner ständig neue Varianten. Neben clexperts.biz werden exakt dieselben E-Mails auch von clexperts.org, clexperts.info, clexperts.site oder clexpertsgroup.pro versendet. Die dazugehörigen Websites bestehen meist aus KI-generierten Texten, um auf den ersten Blick legitim zu wirken, und hinterlegten Telefonnummern, die ins Leere führen.»
  5. Und schliesslich die verräterischen E-Mail-Header: «Das Mail stammt ursprünglich vom Rechner ‹Desktop-Hornuna› (Client-IP 87.116.177.124). Das ist ein standardmässiger Windows-Computername. Eine echte Bostoner Wirtschaftskanzlei versendet ihre Mails nicht von einem unkonfigurierten Privat-PC. Eine Abfrage dieser zeigt, dass diese zu Telekom Srbija (Serbien) gehört. Die E-Mail kommt also aus Osteuropa und wurde lediglich über einen Server des US-Hosters Namecheap/Jellyfish Systems geschleust.» ↩

ChatGPT ergänzt folgende, interessante Details:

  • Die Anwaltsprofile enthalten generische Lebensläufe, aber keine Zulassungsnummern, Berufsverbände, konkreten früheren Kanzleien, Fälle oder überprüfbaren Publikationen.
  • «Emma Johnson» wird auf der Website als «Corporate Legal Advisor» mit Harvard-Abschluss bezeichnet; in der Mail tritt sie plötzlich als «Trademark Attorney» in einer Copyright-Sache auf.
  • Die angebliche Kanzlei hat zwölf Anwältinnen und Anwälte, aber praktisch keine unabhängigen Spuren im Netz.
  • Die Datenschutzerklärung ist eine unvollständig übernommene Word­press-Standardvorlage mit leeren Abschnitten.
  • Die Telefonnummer (800) 974-2510 erscheint auch auf Websites einer angeblichen «Commonwealth Legal Services» mit anderen Personen und anderer Adresse – ein starkes Indiz für geklonte Kanzleiseiten.
  • Die Domain wurde erst 2025 registriert, obwohl die Website im Fuss «Copyright © 2023» behauptet.

3) Meine Mailanfrage:

I am copying Mr Costello because the message below demanded that I place a backlink to his company’s website, mechanicalbullrentalhouston.com.

I am familiar with this form of backlink campaign. The image in question was published under a free licence and properly credited on my website. The Imgur copy cited in your notice was uploaded only shortly before the email was sent. Moreover, the notice provides no evidence that «Bull Rental Services» owns any rights to the image.

My research has also uncovered several older websites that recently added similarly incongruous «image credits» linking to mechanicalbullrentalhouston.com or the associated website bestmechanicalbulls.com. The two commercial websites use the same Google Tag Manager account, while public business listings identify «Nick» as the owner of the Houston operation and Nick Costello as the contact for the DFW operation.

I am preparing a blog post about this campaign and would like to give you an opportunity to comment. In particular, I would appreciate answers to the following questions:

  1. Did you or one of your companies commission this backlink campaign?
  2. Do you conduct this SEO outreach yourselves, or did you engage an agency or contractor to do it?
  3. Was the campaign carried out by a person or agency based in Belgrade or elsewhere in Serbia? The email headers show that the message was submitted through an authenticated clexperts.biz account from a Serbian internet connection.
  4. Is the person responsible for these emails also connected to the Wikipedia account «OC Ripper»? If so, has that person conducted edits described as promotional spam or vandalism on Wikipedia, either for your businesses or for other clients?
  5. Do you consider it acceptable to present a freely licensed third-party image as a client’s protected property and threaten website operators with DMCA proceedings in order to obtain a commercial backlink? Or do you agree that this approach is misleading and highly questionable?

I will be happy to include your response accurately and in its proper context. If any of my findings or assumptions are incorrect, please provide the relevant evidence so that I can take it into account.

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