Ein blauer Kombi fährt durch eine überschwemmte Strasse. Hohe Wasserstände umgeben das Fahrzeug, während es durch die Wellen fährt. Bäume sind im Hintergrund zu sehen.
So fing die Sache an – mit einer überfluteten Strasse und einem unvorsichtigen Autofahrer (Aldward Castillo, Unsplash-Lizenz).

Ein Selbstfindungstrip durch x Multiversen

«Infinite» von Brian Freeman lotet die Idee der un­end­lich vielen Erden aus der sub­jek­ti­ven Per­spek­ti­ve aus: Wie gut oder schlecht kann ein Mensch werden, wenn ihm das Leben unter­schied­lich mit­spielt?

Das Alpha und Omega in diesem Buch ist Dylan Moran. Am Anfang von Infinite findet er sich auf einem Polizeiposten wieder (dieses Buch des US-amerikanischen Autos Brian Freeman ist meines Wissens bislang nicht auf Deutsch erschienen). Der Beamte bringt ihm schonend bei, dass seine Frau Carli tot ist. Bei einem Ausflug wurden sie von einer Flut überrascht. Dylan konnte sich aus dem Auto befreien, doch für sie kam jede Hilfe zu spät.

Dylan steckt mitten in einem Gefühlschaos. Einerseits hatte Carli ihm kurz vor ihrem Tod eine Affäre gestanden. Andererseits ahnt Dylan, dass er an ihrer Entfremdung nicht unschuldig war. Er reagiert mit Wut und Verzweiflung auf den Verlust, geht eine sinnlose Konfrontation mit dem Nebenbuhler ein und ist drauf und dran, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren.

Und eine Beobachtung lässt ihn nicht los: Während des Unfalls sieht er am Ufer einen Mann stehen, der nicht eingreift. Das Verstörende daran: Der Mann könnte er selbst sein, so ähnlich, wie er ihm sieht.

Drogen als Transportmittel

Cover des Buches «Infinite» von Brian Freeman. Im Vordergrund ist ein Mann in einem grauen Hemd zu sehen, umgeben von einem grafischen Raster. Der Titel und Autornamen sind prominent platziert.
Der (endliche) Inhalt dieses Buchs wird dem Titel nicht ganz gerecht.

Und in der Tat handelt es sich um eine Version seiner selbst aus einem Paralleluniversum. Wie das sein kann, erklärt Eve Brier. Sie ist Psychiaterin und Wissenschaftlerin und hält einen Vortrag in dem Hotel, in dem Dylan als Eventmanager arbeitet. Sie referiert über die Theorie der vielen Erden, und wie die Hauptfigur herausfindet, experimentiert sie dazu mit bewusstseinserweiternden Drogen. Dylan überredet sie zu einem Experiment und schafft tatsächlich den Übergang. Das Art Institute of Chicago wird zu einem Knotenpunkt zwischen den Welten. Dort begegnet er unzähligen Versionen seiner selbst – in allen denkbaren Varianten, in denen einen das Leben zeichnen kann.

Ein vielversprechender Auftakt. Im Gegensatz zu anderen Romanen nutzt «Infinite» das Multiversum nicht bloss als dekorative Kulisse. Die Frage, an welchen Weggabelungen das Leben sich entscheidet, wird konsequent und unnachgiebig ausgelotet.

Alles bloss Kopfsache?

Das ist eine etwas egozentrische Auslegung des Konzepts. Die Welten selbst unterscheiden sich in diesem Buch kaum. Es sind bloss die Menschen und vor allem Dylan, die die Variablen bilden. Das ist für meinen Geschmack eine zu enge Auslegung der Multiversums-Idee. Ich finde es spannend, die Variabilität bei der Gesellschaft, bezüglich politischer Systeme und technischem Fortschritt auszuloten. Denn natürlich brauchen wir ein Umfeld, um zu florieren.

Man landet bei dieser Sichtweise unweigerlich bei der Nature-versus-nurture-Debatte – was sind die unveränderlichen Faktoren unserer Persönlichkeit, was wurde von aussen aufgestempelt? Doch dieser Frage stellt sich Brian Freeman nicht direkt. Stattdessen gibt er Dylan ein schlimmes Trauma mit auf seinen Lebensweg; Als Kind musste er mitansehen, wie sein Vater seine Mutter ermordete. Sein bester Freund Roscoe starb bei einem Autounfall, den Dylan überlebte. Carly lernte er in der Folge kennen – was wie Schicksal anmutet. Umso mehr, als dass er und Roscoe in allen Welten befreundet sind, auch wenn er in einer nicht Priester, sondern Arzt wurde und Dylan andere Wege fand, um Carli zu begegnen.

Vorbestimmung versus unbegrenzte Möglichkeiten

Fazit: Der Autor impliziert, dass gewisse Dinge vorherbestimmt sind. Obwohl im Metaversum alles passieren könnte, sind gewisse Entwicklungen unvermeidlich. Das leuchtet natürlich ein – niemand von uns kann sich vorstellen, ein Leben zu führen, das unseren Werten und Vorstellungen diametral entgegenläuft. Aber eine Persönlichkeitsstudie sollte die harten Grenzen auf eine Belastungsprobe stellen.

Das tut Freeman, indem er Dylan auf die bestmögliche Version seiner selbst treffen lässt: glücklich verheiratet mit Carly, Vater einer Tochter und beruflich erfüllt durch eine sinnstiftende, gemeinnützige Arbeit. Am anderen Ende des Spektrums ist Dylan ein Serienmörder, der Frauen tötet, die Carly ähneln.

Dieser plakative Kontrast funktioniert für den Durchschnitts-Dylan. Er kann sich quasi kalibrieren und seine eigenen Limiten ergründen. Er widersteht der Versuchung, sein Alter Ego auszuschalten und sich in dessen gemachtes Nest zu setzen. Das ist spannend zu lesen, auch wenn nicht klar wird, warum Mörder-Dylan nicht die gleiche Willensstärke zeigte. Disen Umstand erklärt der Roman nicht. Das kann man ihm als Schwäche auslegen – weil er sich nicht entscheidet, ob unsere innersten Werte verhandelbar sind oder eben doch nicht.

Mein Eindruck: Hier wurden die Spielregeln so angepasst, dass das gewünschte Endresultat entsteht. Und Achtung, für die weitere Begründung muss ich ein paar ⚠️Spoiler⚠️ platzieren!

Da knirscht es im Gebälk des Multiversums

Denn diese Schwäche zeigt sich auch beim Happy End: Dylan kehrt in seine Welt zurück und verhindert den Tod seiner Frau, indem er als der Retter in Erscheinung tritt, den Dylan am Anfang als passive Figur sah. Aber wie soll das gehen?

Parallelwelten sind keine Zeitreisen. Vielleicht stehe ich auf dem Schlauch, aber nach meinem Verständnis ist es nicht möglich, dass Dylan in seiner eigenen Welt Ereignisse rückgängig machen oder verändern kann. Die einzige Erklärung wäre, dass die anfangs geschilderte Tragödie nicht in seiner ursprünglichen Welt stattfand, sondern bereits in einer Parallelwelt. Das erklärt der Roman nicht schlüssig genug.

Ein zweites Problem betrifft die Reisen zwischen den Welten selbst. Da sie durch Drogen ausgelöst werden, bleibt lange unklar, ob Dylan tatsächlich andere Universen besucht oder ob sich alles nur in seinem Kopf abspielt. Für mich hätte die Geschichte stärker funktioniert, wenn kein Zweifel besteht, dass diese Reisen real sind. Doch Erlebnisse in der Parallelwelt haben keine Konsequenzen nach der Rückkehr in die Ausgangswelt. Dylan wird in einer Welt schwer verletzt, findet sich zu Hause unversehrt wieder. Das ärgert mich.

Der Autor ist Schiedsrichter und Falschspieler zugleich

Natürlich kann der Autor beliebige dramaturgische Freiheit in Anspruch nehmen, solange niemand weiss, wie ein Multiversum tatsächlich funktionieren würde. Trotzdem ist es für Leserinnen und Leser frustrierend, wenn die Regeln jeweils so gebogen werden, wie sie für die gewünschte moralische Aussage sinnvoll erscheinen. Dylan begegnet seinem Engelchen und seinem Teufelchen, entscheidet sich für das Gute – und wird am Ende dafür belohnt. Das wirkt zu konstruiert.

Trotz dieser Kritik hält Infinite gelungene Szenen bereit. Schön, wie Dylan auf Eve Brier trifft, die in einer Welt drogenabhängig und obdachlos ist. Trotzdem hilft sie ihm beim Übergang, doch weil ihre Drogen verschnitten sind, landet Dylan im Kunstmuseum nicht vor dem Bild, sondern als Figur im Gemälde.

Kurz und bündig: «Infinite» ist spannend erzählt und nutzt das Multiversum als Bühne für Selbstinspektion. Wem das zusagt, dem sei das Buch herzlich empfohlen – ich finde es deutlich besser als «The Deep, Deep Snow» vom gleichen Autor, dem ich allerdings schon damals in Buchtipps und Buchschelte einen zu reissbrettartigen Plot anlastete. Wer eine Multiversums-Geschichte mit allen Finessen sucht, ist aber mit «Recursion» (Der Tag, an dem die Erde gleich fünfmal unterging) oder mit «Dark Matter» von Blake Crouch besser bedient (Dem Multiversum Gerechtigkeit widerfahren lassen).

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