Auf Threads verbreitete einer Euphorie, weil er einen alten, monochromen Filmausschnitt auf neu getrimmt hatte: Die KI könne «nun Farben präzise wiederherstellen und alte Filme auf 4k hochskalieren. Unglaublich!»
Zu meiner Erleichterung konnte ich mir die Mühe einer Replik sparen. Es hatten bereits echte Filmexperten die passenden Antworten gegeben. Sie wiesen darauf hin, dass Filme – zumal solche fürs Kino – nicht auf 4k hochskaliert werden müssen, weil analoges Negativmaterial von Haus aus eine Auflösung von 4k bis 6k aufweist.
Und einer fand die treffenden Worte zur Idee, Schwarzweissmaterial einzufärben:
Das ist keine Farbrestaurierung. Die KI fügt Farben hinzu, die es im Original nie gab. «Ein Herz und eine Krone» (Roman Holiday) wurde toll in Schwarz-Weiss gedreht. Würde man alten Schwarz-Weiss-Filmen die Farbe «zurückgeben», wären die Zuschauer überrascht zu sehen, dass damals Schokoladensirup als Ersatz für Blut verwendet wurde oder Frauen unter den Studiolichtern grünes oder violettes Make-up trugen, um eine bestimmte Anmutung zu erzielen.
Der kurze Ausschnitt zeigt, dass die Stimmung komplett flötengeht. Die Szene spielt in der Nacht, und sie ist toll ausgeleuchtet. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Gesichter nicht zufällig im Schatten verschwinden. Der Regisseur wusste, was er tat. Es ist nicht notwendig, dass die KI William Wyler ins Handwerk pfuscht, die Schauspieler ins Licht holt und ihre Gesichtszüge rekonstruiert. Das ist auch nicht sinnvoll, weil die beiden Hauptfiguren, Gregory Peck und Audrey Hepburn, sich selbst nach dieser Prozedur kein Stück mehr ähnlich sehen.
Wie kommt man auf so eine Idee?
Ich habe Mühe zu verstehen, wie man überhaupt auf die Idee kommen kann, einen alten Film per KI «auf den neuesten Stand» bringen zu wollen. Es ist das eine, wenn der Regisseur das selbst tut, weil er die Meinung vertritt, seinerzeit von technischen Limitationen daran gehindert worden zu sein, seine ursprüngliche Vision angemessen umzusetzen. Selbst in dem Fall möchte man «George!» rufen und Herrn Lucas auffordern, die alten «Star Wars»-Filme endlich in Ruhe zu lassen. Aber dass jeder dahergelaufene KI-Euphoriker sich an Hollywood-Schinken vergreift, sollte verboten werden. Oder zumindest breit geächtet.
Um das Offensichtliche kurz auszusprechen: Es ist nicht notwendig, dass man etwas tut, nur weil es möglich ist. Filme sind Zeugen ihrer Zeit.
Regisseur Wes Anderson zelebriert in Grand Budapest Hotel die formalen Stilmittel des Kinos in jeder Epoche, indem er das Bildformat, die Farbgestaltung und die Kameraführung an die Ära angleicht. An unverwechselbaren Eigenschaften wie der Sepiatonung datiert das geschulte Auge eine Aufnahme auf ein paar Jahre genau.
Es wird ein Konsens entstehen, dass man das nicht tut
Ich bin sicher, dass sich ein gesellschaftlicher Konsens herausbilden wird, dass die künstliche Intelligenz nur extrem zurückhaltend eingesetzt werden darf. Dafür ist es notwendig, dass sich eine Tatsache im allgemeinen Bewusstsein verankert: Diese Videomodelle sind – wie die KI generell – nicht hellseherisch befähigt. Sie können keine Details herbeizaubern, die damals nicht aufgezeichnet wurden – das beweisen eindrücklich mein Bild-Experiment zum Upscaling und zur Kolorierung.

Nebenbei bemerkt verstehe ich sehr gut, dass man diese Möglichkeiten ausprobieren will. Ich bin nicht vor dieser Neugier gefeit. Im Gegenteil, ich habe mein Kolorierungsexperiment vom April 2021 wiederholt und festgestellt, dass ChatGPT und Gemini die Aufgabe besser erledigen, als die Spezialprogramme damals¹. Trotzdem bestätigt mich diese Erkenntnis darin, dass die Welt von damals in meiner Wahrnehmung heute schwarz-weiss bleiben wird.
Diesen Einwänden zum Trotz mag es in einzelnen Fällen triftige Gründe geben, eine KI auf eine alte Aufnahme anzusetzen. Nicht um Geschichtsklitterung zu betreiben, sondern für eine dezente Restaurierung, die im Bewusstsein erfolgt, dass man fehlende Elemente anhand von echten Daten rekonstruieren oder als Lücke belassen muss.
Bis diese Erkenntnis in den letzten Winkel durchgesickert ist, werden wir in den sozialen Medien noch vielen Leuten begegnen, die voller Begeisterung Beispiele herzeigen, wie die KI ihre Familienerinnerungen bis zur Unkenntlichkeit «restauriert» hat. Dafür wünsche ich uns allen ganz viel Kraft.

Fussnoten
1) Der Prompt:
Das ist ein ungefähr 30 Jahre altes Foto von mir. Kannst du es subtil kolorieren? Stelle sicher, dass du farblich die Ästhetik eines Negativfilms der 1980er-Jahre triffst und die Farben nach bestem Wissen und Gewissen zuweist. Wenn du dir nicht sicher bist, entscheide dich für die unauffälligere Wahl. Verändere kein Detail und stelle sicher, dass die Wirkung des Bildes erhalten bleibt. ↩