Weite Sanddünen unter einem hellen Himmel. Die Wellen des Sands erzeugen eine harmonische Landschaft in warmen, erdigen Farbtönen. Eine einsame Figur ist am Horizont sichtbar.
Berlin – Symbolbild (Wolfgang Hasselmann, Unsplash-Lizenz).

Es ist anstrengend, wenn die Welt nonstop untergeht

Marc Els­bergs «Eden» ist ein ful­mi­nan­ter Öko­thril­ler über Ar­ten­ster­ben, Klima­krise und die Man­i­pu­la­tion der öf­fent­li­chen Mei­nung. Doch ab der Hälf­te des Buchs steht ob des atem­losen Tem­pos nicht nur die Bio­sphäre unter Stress, son­dern auch die Le­serin.

Uff, was für ein Buch! Marc Elsberg lässt uns keine Zeit zum Durchatmen. Eine Katastrophe folgt auf die nächste. Die Menschheit befindet sich permanent im Ausnahmezustand.

Eden versetzt uns inmitten einer Multikrise: Die Klimaerwärmung, der er sein 2023er-Buch «°C – Celsius» gewidmet hat, ist nicht verschwunden. Obendrauf kommt jetzt der Schwund der Biodiversität. Er schreitet so schnell voran, dass ganze Ökosysteme zusammenbrechen. Das Unheil beginnt im Meer: Das Phytoplankton verschwindet, die Nahrungsketten geraten durcheinander, Fische und andere Meeresbewohner verlieren ihre Lebensgrundlage. Diese Entwicklung sendet Schockwellen durch die gesamte Weltwirtschaft. Wir Leserinnen und Leser kommen den Ereignissen genauso wenig hinterher wie die Menschen in der Geschichte.

Schweine vor dem Bundestag

Buchcover von «Eden» von Marc Elsberg. Auf dem Cover sind verschiedene Tiere in einer lebhaften Landschaft zu sehen. Ein grosses, gelbes «X» überdeckt den Titel, und ein Aufkleber weist auf den Bestseller-Status hin.
Das X markiert den Punkt, ab dem es unangenehm wird.

Kleiner Disclaimer an dieser Stelle: Ich habe mir das Hörbuch besorgt und erst nachträglich gemerkt, dass ich die gekürzte Variante erwischt hatte. Die dauert 15 Stunden und 28 Minuten. Die reguläre Fassung ist 17 Stunden und 10 Minuten lang. Gut möglich, dass genau diese zusätzliche «Luft» der Story gutgetan hätte. Das kann ich leider nicht überprüfen, und darum geht eine allfällige Fehlinterpretation meinerseits auf die Kappe des Verlags. Selbst schuld, Random House Audio: Schreibt die Bücher gefälligst so an, dass man den winzigen Hinweis unter «Version» nicht übersieht – und fragt euch, was überhaupt der Sinn einer um eine gute Stunde eingedampfte Variante sein soll – ausser, den Takt der Erzählung zu verhunzen.

Bevor ich zur Story mit den Spoilern komme, hier mein Fazit: Am Ende fragte ich mich, an wen sich dieses Buch denn richtet. Als Aufklärung über das wichtige Thema der Biodiversität taugt es nur bedingt. Ich mutmasse, dass sowieso nur Leute zu diesem Buch greifen werden, die ausreichend mit der Materie vertraut sind – das Aufklärungspotenzial ist gering, auch andere Autoren haben sich bereits an dieser Materie abgearbeitet (etwa Uwe Laub in «Leben»). Für einen Popcorn-Roman ist dieses Buch «too close to home», wie der Amerikaner sagt: Es ist etwas zu nah an der Realität angesiedelt, als dass es reine Entspannung sorgen würde. Und weil der Autor so viele Katastrophen aufeinanderstapelt, bleibt am Schluss auch nicht wirklich Raum für ein Happy End. Das findet nicht statt; der endgültige Weltuntergang jedoch auch nicht. Die Aufdröselung in Szenarien in «°C – Celsius» fand ich befriedigender.

Die böse Gegenspielerin spielt ihr Potenzial zu wenig aus

Der spannendste Aspekt wird durch Catherine Morris verkörpert. Sie ist eine «dark campaignerin» und streut in der Öffentlichkeit die Botschaften der Leute, die von den Krisen profitieren oder ihr umweltschädigendes Geschäft nicht aufgeben wollen; selbst wenn die Menschheit dabei vor die Hunde geht. Ihren Modus operandi schildert Elsberg so überzeugend, dass ich mir insgeheim eine Geschichte gewünscht habe, bei der es nicht um Leben und Tod geht und die darum genügend Raum hat, die alte Geschichte von Gut gegen Böse auf die Ära der sozialen Medien umzumünzen.

Fazit: Wie häufig in Thrillern, die ständig in der roten Zone drehen, bleiben die Figuren blass. Es geht häufig um die Action und weniger um die Interaktion; und auch wenn mir die Szene auf dem Berliner Fernsehturm gefallen hat, hätte ich mir etwas weniger Klimakrise, Artensterben, KI, Wirtschaftspolitik, Spekulation, Social-Media-Aktivismus, Propaganda und Action gewünscht, dafür mehr kluge Dialoge und Zeit zum Durchatmen. Darum an dieser Stelle die Empfehlung, statt zu «Eden» eher zu «°C – Celsius» oder natürlich zu «Blackout» von 2012.

Zurück zur Story; die ich hier der Situation angemessen im Stakkato – und ab jetzt mit ⚠️Spoilern⚠️ – zusammenfasse.

Zuerst erfasst die Krise die Tourismusparadiese. Dann geraten Länder in Not, deren Bevölkerung stark von der Fischerei abhängig ist. Als Nächstes bricht die Sojaernte ein, worauf die industrielle Tierhaltung kein Futter mehr hat. Milliarden Nutztiere können nicht mehr ernährt werden. Gleichzeitig sind die Schlachthöfe überlastet. Während die Preise für andere Lebensmittel steigen, bricht der Fleischpreis wegen des erzwungenen Überangebots zusammen. Die Bauern sind nicht mehr in der Lage, ihre Tiere zu versorgen, aber sie können sie auch nicht mehr verkaufen oder schlachten lassen. Das führt zu einem Höhepunkt der Geschichte: Die Bauern treiben ihre Schweine vor den Bundestag in Berlin und lassen sie dort frei. Sollen sich die Politiker darum kümmern, nachdem sie die Ursachen der Krise ignoriert haben bzw. sie noch immer ignorieren!

Vom Ferien-Influencer zum Aktivisten

Für einen Katastrophenthriller gehört es zum guten bzw. dystopischen Ton, den Zusammenbruch aus mehreren Perspektiven zu schildern. Das tut auch Elsberg. Die Hauptfigur ist ein Influencer aus Schweden. Linus Strand soll die Welt aus einem Ferienparadies mit leichtfüssigen Werbevideos versorgen. Doch während eines Tauchgangs erlebt er, wie ein Riesenkalmar einen Walhai angreift. Ein spektakuläres Ereignis, das ihm einen viralen Hit beschert, aber ihn auch auf die Nahrungsknappheit im Meer aufmerksam macht. Linus wandelt sich vom oberflächlichen Ferien-Influencer zum Sprachrohr der Umweltbewegung. Er findet Unterstützung in seiner Tauchlehrerin Sarah Keller, die nebenbei auch Meeresbiologin ist. Das dramatische Material geht viral und Strand zeigt sein Talent, diffizile Botschaften auf attraktive Weise zu verpacken – zum Beispiel, indem er ein niedliches Video als Maskottchen einsetzt.

Einen zweiten Handlungsstrang widmet Elsberg der politischen Sphäre. In Brandenburg wird über die KI-Gigafabrik Phoenix gestritten. Das ist ein Herzensprojekt von Wirtschaftsminister Christian Probst, der im Hörbuch von Dietmar Wunder mit leichten Helmut-Kohl-Anleihen gesprochen wird. Das Rechenzentrum soll Arbeitsplätze schaffen und Deutschland im KI-Wettbewerb voranbringen. Dumm nur: Es ist in einem Naturschutzgebiet geplant, und wie üblich ist die Antwort der Politik eine Verlagerung – mit Ausgleichsflächen und «Nature Credits» sollen die Naturschützer ruhiggestellt werden. Mit diesem Aspekt ist Elsbergs Buch topaktuell. Der Streit um Rechenzentren findet gerade jetzt nicht nur in Deutschland, sondern ebenso in Österreich und der Schweiz statt.

Erstaunlich prinzipienstark – für einen Influencer

Linus gerät zwischen die Fronten und muss sich zwischen Anwerbungsversuchen der Gegner und der Befürworter entscheiden. Auch dieser Aspekt aus der digitalen Sphäre ist nicht aus der Luft gegriffen – wenngleich die allermeisten Vertreter der Influencergilde nicht so prinzipientreu sein dürften wie der aufrechte Schwede.

Der dritte Strang dreht sich um Piero Manzano. Ihn kennen wir aus dem Roman, mit dem Elsberg seinen Durchbruch erzielte: «Blackout» von 2012. Er entwickelte mit seinem Team die Prognose-KI Vysyon, die als digitales Orakel die grossen Entwicklungen und damit auch die Katastrophen vorhersagt. Das könnte ein Segen für die Menschheit sein, indem sie Vorlaufzeit verschaffen würde. Doch auch hier zeigt sich der Einfluss der dunklen Seite der Macht, die zufällig enge Verbindungen nach Zürich hat. Denn natürlich sind solche zielsicheren Prognosen Geld von höchstem Interesse für Grossinvestoren und Spekulanten. Wer weiss, welche Ernten ausfallen, welche Rohstoffe knapp werden und welche Branchen kollabieren, schichtet sein Vermögen so um, dass sich an der Krise gutes Geld verdienen lässt. Ein weiteres moralisches Dilemma.

Der Kampf um die Deutungshoheit

Der heimliche Antiheld ist wie angedeutet Catherine Morris. Sie vertritt die Interessen jener Unternehmen und Investoren, deren Geschäftsmodelle durch Umweltauflagen, Proteste und gesellschaftlichen Widerstand bedroht sind. Sie wird dafür angeheuert, die öffentliche Wahrnehmung subtil zu steuern und den «Influencer des Guten», Linus Strand, ins Leere laufen zu lassen. Sie streut bei den viralen Kampagnen Sand ins Getriebe, platziert Gegenbotschaften, sorgt für Zweifel und Verschwörungstheorien und dafür, dass der Rubel auch in der Krise rollt. Neudeutsch nennt sich das «Narrative Management» und Morris ist eine Meisterin ihres Fachs.

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