Ein Mann in einem Strohhut steht nah bei einem Pferd und schaut es an. Beide scheinen eine vertraute Verbindung zu haben, umgeben von einer ländlichen Landschaft und einem blauen Holzgebäude.
Besagter Pferdeflüsterer. (Ein Bild von Pferden im Swimmingpool fand ich leider nicht.) (Jeito Teu, Pexels-Lizenz)

Ein Pferdeflüsterer und die Rösser im Aquafit

Trotz einer ge­wis­sen Be­fangen­heit be­spreche ich den Pod­cast «Tod einer Mil­lio­närin»: Das ist eine fünf­teilige True-Crime-Mini­serie über einen Mord im Luzerner Hin­ter­land, bei dem meine Tame­dia-Kol­le­gin­nen lo­ka­les Ko­lorit mit sauberer Recher­che und einigen un­nö­ti­gen Vol­ten ver­binden.

Der Podcast, um den es heute geht, stammt von Kolleginnen und Kollegen; also Leuten, denen ich demnächst an meinem Arbeitsplatz begegnen könnte. Dennoch wird diese Besprechung so kritisch und unbestechlich ausfallen, wie ihr es von mir gewohnt seid. Versprochen!

Wobei sich das Konfliktpotenzial in Grenzen hält. Die grösste ist so grundsätzlicher Natur, dass sich die Kolleginnen und Kollegen nicht persönlich betroffen fühlen müssen. Er bezieht sich aufs Genre, True Crime. Als eingefleischte Podcast-Hörerin könnte man dem überdrüssig sein, weil es so intensiv gepflegt wird.

Doch dieser Podcast hat den Vorteil des Lokalkolorit: Er spielt nicht in den fernen USA wie «Serial» und nicht in Deutschland wie die meisten Fälle aus «Zeit Verbrechen», sondern vor unserer Haustür. In diesem Fall im Luzerner Hinterland; konkret in Meierskappel, wo in der Umgebung einer der Äste meiner Familie vorzufinden ist – allerdings nicht im Milieu der reichen Gestütsbesitzer.

Illustration mit einer silhouettierten Person, die auf einer Kante steht, während im Hintergrund der Titel «Tod einer Millionärin» in prägnanter Schrift erscheint. Farbige, abstrakte Hintergründe ergänzen das Bild.
Von der Klippe auf diesem Bild wird noch die Rede sein.

Dort spielt Tod einer Millionärin. Der Fall, den meine Kolleginnen und mein Kollege aufrollen, hat es in sich: Andrea K. tötete am 15. April 2020 ihre Mutter Dagmar W. auf eine Weise, die Kriminalistinnen Overkill nennen – wer im Kalten Krieg aufgewachsen ist, kennt den Begriff von den Waffenarsenalen hüben und drüben.

Hier kommt er zum Zug, weil Andrea K. den Kopf ihrer Mutter viel heftiger und öfter gegen die Treppenstufe schlägt, als es für die Tötung allein notwendig gewesen wäre. In fünf Folgen erfahren wir Details zu dem Abhängigkeitsverhältnis, mit dem diese Brutalität vielleicht verständlich wird. Der Podcast bemüht sich, aufzuzeigen, dass bei einer solchen Eskalation immer mehrere Faktoren zusammenkommen.

Unbetreutes Podcasten

Das macht das dreiköpfige Reporterteam ausgezeichnet. Mir gefällt die Form und gewisse Formulierungen sind grossartig. Etwa die, die es in den Titel geschafft hat und aus der zweiten Folge stammt:

Pferdenflüsterer und Rösser im Aquavit waren aber nicht die einzigen Orte, wo Andrea K. richtig viel Geld ausgegeben hat.

Diese Miniserie findet unter dem Dach des Tamedia-Podcasts Unter Verdacht (RSS, iTunes, Spotify) statt. Bei der gibt es normalerweise einen Interviewer oder eine Interviewerin (neudeutsch Host genannt), der im Dialog mit der Reporterin oder dem Reporter durch die Berichterstattung führt. In diesen fünf Folgen erzählen Anielle Peterhans, Catherine Boss und Roland Gamp abwechselnd, quasi unbetreut, über den Fall. Diese Erzählweise ist ein Gewinn. Sie rückt die Innenansicht des Rechercheteams in den Mittelpunkt und lässt Hörerinnen und Hörer unvermittelt teilhaben.

Dieses Lob enthält gleichzeitig ein Quäntchen Kritik. Diese Stärke hätte sich noch akzentuierter ausspielen lassen. Wir erfahren zwar in Schlaglichtern etwas darüber, wie die drei an den Fall herangehen, und erkennen Unterschiede. In der ersten Folge geht es um den ersten Prozess gegen Andrea K. und um die Frage, ob sie «wirklich so eine kaltblütige Täterin – oder, wie sie es selbst gesagt hat, so ein Monster – ist». Catherine findet, sie sei ihr «nicht unglaubwürdig vorgekommen». Roland urteilt anders. Er meint, er sei das Gefühl nicht losgeworden, sie zeichne bewusst ein schlechtes Bild ihrer Mutter, um die schreckliche Tat zu rechtfertigen.»

Mehr «Serial» wagen!

Da steckt Potenzial drin, die Rollen der einzelnen Reporterinnen und des Reporters noch mehr zu schärfen und den Fortgang der Ermittlungen direkt ins Zentrum zu rücken. Das wäre nebenbei eine Hommage an «Serial» gewesen: Der stilbildende Podcast von 2014 hat die Audiovariante des narrativen Journalismus etabliert.

Ich weiss nicht, wie gross die Unterschiede bei der Beurteilung sonst waren. Sie allein der Dramatik wegen zu forcieren, wäre nicht redlich. Aber es wäre möglich und sinnvoll gewesen, die Ermittlungen chronologisch und fortlaufend zu erzählen, während der Ausgang noch offen ist. Dieser Podcast entstand am Ende, nicht währenddessen. Er schildert einen Strang der Recherche – wird Andrea K. on the record reden? – in den ersten Folgen als offen, obwohl man bei genauem Zuhören genau weiss, was Sache ist. Bei «Serial» hing der Verlauf in den Seilen, während die Macherinnen und Macher hier mit dem Gefühl ans Mikrofon sitzen, eine präsentable Geschichte parat zu haben.

Philosophische Exkurse und Hörerinnenbevormundung

Abschliessender Kritikpunkt: Bisweilen verharrt mir «Tod einer Millionärin» zu lange auf der philosophischen Ebene und bei Fragen, wie so etwas passieren kann und ob jeder Mensch zum Mörder werden kann. Es gibt Reflexionen zur Kindererziehung, zum Rucksack, den jeder tragen muss, und geballte Ladungen rhetorischer Fragen wie diese hier:

Wir alle könnten an einen Punkt der totalen Verzweiflung kommen. An einen Punkt, der uns komplett überfordert. An einer Klippe, wo man vor einem Entscheid steht, gumpi oder gumpi nid. Aber die wenigsten würden dann so handeln, wie Andrea K. gehandelt hat. Praktisch niemand würde von dieser Klippe springen, würde so eine brutale Tat begehen. Was entscheidet am Schluss darüber, ob jemand tatsächlich von der Klippe kommt? Ob man nicht mehr umkehren oder nicht mehr will? Ist es Bosheit? Ist es Überforderung? Oder ist es Verzweiflung?

Das Universalmantra in jeder True-Crime-Produktion. Es soll im Raum stehen, braucht wie Voldemorts Name aber nicht verbalisiert zu werden. Wenn ich es beim Joggen höre, renne ich unweigerlich schneller, in der irrigen Annahme, es wäre schneller vorbei.

Zwei abschliessende Bemerkungen, die analog für die meisten Podcasts dieser Art gelten: Das Geplänkel am Anfang und am Ende ist zu lang. Kurz und sec ist die Devise. Und die beiden Sätze …

Das ist die zweite Folge. Wenn ihr die erste Folge noch nicht gehört habt, empfehle ich euch, dort einzusteigen und die Serie von Anfang an zu hören.

… gehören aus allen Manuskripten gestrichen. (Bitte auch aus denen von Raphaël Günther von SRF!) Denn sorry, nach zwölf Jahren Podcast und fünfzig Jahren serieller Fernsehunterhaltung haben wir das Prinzip kapiert.

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