Eine Person mit nackten Füssen steht auf einem Holzboden, umgeben von goldenen Konfetti-Stücken. In der Hand hält sie einen Besen, neben ihr steht eine Kehrschaufel.
Das Puff habt ihr veranstaltet, aber Codex macht gerne sauber – bei der Metapher sind die Schnipsel eure überall verteilten Dateien (cottonbro studio, Pexels-Lizenz).

So beseitigt ChatGPT das Puff auf eurer Festplatte

Die neue App von OpenAI ist nicht nur für die Soft­ware­ent­wick­lung gut: Mit ihrem Direkt­zu­griff auf den Com­pu­ter bringt sie Or­dnung in die Datei­ab­lage, ana­ly­siert grosse und dicke Daten­be­stände und spart Zeit mit raf­fi­nier­ten Au­to­ma­ti­sie­rungen.

Als ich vor zwei Jahren die ChatGPT-App für Windows testete, lautete mein Fazit: Nett, aber spannend wird es erst, wenn diese App mit lokalen Dateien umgehen kann. Und siehe da: Mein Wunsch wurde erhört. (Oder jemand bei OpenAI ist von allein auf die gleiche Idee gekommen.)

Die ursprüngliche, simple App heisst neu ChatGPT Classic. Die neue, klügere App nennt sich ChatGPT Codex (Direktlink), ist nebst Windows auch für den Mac und für Linux erhältlich.

Es handelt sich um einen Brocken, der sich mit mehr als drei Gigabyte auf der Festplatte breitmacht. Das scheint damit zu tun zu haben, dass eine Sandbox eingebaut ist. Das ist eine abgeschottete Umgebung, in der die App ihren Code ausprobieren kann, bevor sie ihn aufs echte System loslässt. Mit diesem Trick will OpenAI die Wahrscheinlichkeit absenken, dass die App irreversiblen Schaden anrichtet. Trotzdem muss man sich bewusst sein, was man tut: Man lässt eine selbstsichere, vor nichts zurückschreckende künstliche Intelligenz auf seine informationellen Heiligtümer los. Und wenn etwas schiefgeht, ist sicher nicht OpenAI schuld.

Das Anhängsel «Codex» im Namen der App deutet an, dass ihre zentrale Aufgabe die Softwareentwicklung ist. Könnten wir sie indes für banale Dinge einsetzen? Ein Test mit drei Alltagsaufgaben soll das zeigen:

1) Das Durcheinander in einem Datenverzeichnis bereinigen

Ich verwende den Ordner Material aktuell als Ablage für meine laufenden Artikel: Es gibt gesammeltes Recherchematerial, Bilder für Artikel und Entwürfe in mehreren Fassungen. Diese (Nicht-)Struktur ist historisch gewachsen: Ich ziehe flache Verzeichnisstrukturen den verästelten vor. Und da meine Dateinamen seit Urzeiten einen Datumspräfix haben, gibt es als oberstes Ordnungsprinzip die Chronologie.

In letzter Zeit archiviere ich viele KI-Recherchen als Markdown, und so stösst das Prinzip an Grenzen. Lässt es sich sanft verbessern? Ich beschreibe das Anliegen und prompte wie folgt: «Das Ziel wäre, die Übersicht bei zunehmender Datenmenge zu wahren und allenfalls mehr Stringenz einzubringen. Falls du vorschlägst, alles so zu belassen, ist das okay.»

Über das Plus-Symbol am rechten unteren Rand des Eingabefelds lassen sich wie bei der Webvariante Ressourcen zum Prompt hinzufügen. In der lokalen App steht dort der Befehl Dateien und Ordner zur Verfügung. Es gelingt mir nicht, über den tatsächlich meinen Material-Ordner auszuwählen – der wird bloss geöffnet, nicht hinzugefügt. Es klappt jedoch per Drag and Drop, wenn wir den Ordner per Maus aufs Programmfenster ziehen.

Screenshot eines digitalen Dokumentes mit Text zum Thema Ordnerstruktur und Dokumentenorganisation. Links sind Menüpunkte sichtbar, rechts eine detaillierte Beschreibung zum Optimieren von Ablagen.
Die KI ist ganz zufrieden mit der Art und Weise, wie ich meine Daten abgelegt habe.

Nach einer Minute Stöbern durch die Dateien meldet ChatGPT:

Die Grundstruktur funktioniert erstaunlich gut und passt zu deiner sequenziellen Arbeitsweise. Ich würde sie nicht grundlegend umbauen. Die flache Ablage und das sechsstellige Datumspräfix sind hier sinnvoller als Artikelordner oder ein ausgefeiltes Kategoriensystem.

Er findet einige Dateien, bei denen ich mich beim Datumspräfix vertippt habe, und bietet an, die zu korrigieren. Ich lasse die KI das tun und erfahre, dass sieben Dateien bereinigt wurden.

Das ist keine grossartige Änderung – aber das war nicht zu erwarten, da ich zu Zeiten der 8+3-Namen von DOS die Gelegenheit hatte, eine gewisse Pedanterie bei der Datenablage zu entwickeln. Falls ihr chaotischer veranlagt seid, dann ergibt sich die Chance auf eine Aufräumaktion, wie sie eure Festplatte noch nicht gesehen hat.

Drei Tipps dazu:

  • Falls möglich, würde ich der KI im Prompt verbieten, in die Dateien «hineinzusehen», und die Aufräumarbeit lediglich anhand der Dateinamen und der Metadaten (Erstellungs-, Änderungsdatum, Dateityp, etc.) vornehmen.
  • Das gilt besonders dann, wenn ihr Codex auf einen naheliegenden Kandidaten loslasst: nämlich euren Bilder-Ordner. Dort gibt es bestimmt Potenzial, die Ordnerstruktur und die Dateinamen zu vereinheitlichen und zu verbessern.
  • Und wieso lässt ihr Codex sich nicht um euren Onedrive-, Dropbox- oder iCloud-Drive-Ordner kümmern? Meine Empfehlung lautet, dort aus Datenschutzgründen nur die aktuellen Daten aufzubewahren. Anhand des Datums des letzten Zugriffs sollte Codex in der Lage sein, länger nicht mehr benutzte Dateien zu identifizieren und aus der Cloud in die lokale Ablage zu befördern.

2) Dokumente in grosser Zahl durch die Mangel drehen

Dieses Beispiel ist fast selbsterklärend, und es lässt sich auf beliebige Weise abwandeln. Es besteht darin, dass wir in einem Ordner eine grössere oder kleinere Anzahl an Dokumenten haben, mit denen wir etwas anstellen möchten. Wir fassen sie zusammen, tragen sie in eine Tabelle ein, oder werten sie statistisch aus.

Ich probiere es mit dem Ordner, in dem sämtliche Episoden des Nerdfunk-Podcasts liegen. Ich frage nach einer Tabelle, in der Metadaten aus den Audiodateien einlaufen: Datum der Veröffentlichung, Episodennummer, Titel, Kurzbeschrieb und Länge. ChatGPT braucht 3 Minuten und 51 Sekunden für über 800 Sendungen.

Screenshot einer Software mit einer Tabelle. Die Tabelle zeigt Episodeninformationen, darunter Datum, Folge, Thema und kurze Beschreibungen zu verschiedenen Inhalten eines Podcasts.
In drei Minuten sind über 800 Radiosendungen aufgelistet. Und wir erfahren auf die Sekunde genau, wie lange das Anhören dauern würde.

Für die ganze Arbeit brauchte ich weniger als zehn Minuten. Ich erinnere mich mit Schrecken, dass ich diese Daten bei früheren Gelegenheiten in stundenlanger Handarbeit selbst beschafft habe.

Diese Aufgabe lässt sich nur mit der lokalen KI lösen. Die MP3-Dateien sind 19 GB gross und sie für eine Analyse in die Cloud hochzuladen, kommt nicht infrage. Ein K.o.-Argument für Codex!


3) Eine kleine Automatisierung einrichten

Die letzte Aufgabe hat ein bisschen etwas mit Programmieren zu tun – aber ich verspreche, bloss entfernt. Es geht darum, Routineaufgaben am Computer zu automatisieren. Die variieren natürlich von Person zu Person, darum ist dieses Beispiel als Anregung, weniger als konkrete Anleitung zu verstehen.

Meine Idee: Statt den Computer direkt herunterzufahren, starte ich ein Script, das vorher die Routineaufgaben erledigt. Ich brauche nicht neben dem Rechner zu warten, bis diese erledigt sind, sondern wende mich ohne Umschweife dem Feierabend zu.

Diese Methode praktiziere ich seit mehr als 16 Jahren. Ursprünglich kam eine simple Batch-Datei zum Zug, die Winzip automatisierte. Dann sattelte ich auf 7-Zip um. Heute verwende ich mit freundlicher Unterstützung durch die KI einen ausgeklügelten, mehrstufigen Prozess.

  1. Das Script sichert die neuesten Beiträge meines Blogs via SSH und WP‑CLI. Letzteres ist ein Werkzeug, mit dem sich WordPress per Befehlszeile steuern lässt.
  2. Es synchronisiert die Laptop-SSD mit der externen Sicherungsfestplatte. Es verwendet ein Windows-Urgestein, die Synchronizer-App von Aborange.
  3. Danach fährt es den Rechner herunter.

Bei Bedarf liessen sich weitere Schritte einbauen.

Screenshot einer Terminalansicht, die Informationen über einen Backup-Prozess anzeigt. Es wird ein Archiv erstellt und ein WXR-Export sowie ein Download erwähnt. Zeitstempel sind sichtbar.
Es funktioniert! Das Script sichert meine Websites und spielt die neuen Dateien auf die Backup-Festplatte.

Fazit: Es funktioniert (hurra). Ohne KI hätte ich dieses Script niemals mit vertretbarem Aufwand hinbekommen.

Es war allerdings auch mit der tatkräftigen Unterstützung der künstlichen Intelligenz kein Spaziergang. Ich kam nur zum Ziel, weil ich nebst ChatGPT auch Claude zur Verfügung hatte. Diese KI musste mir mit zwei besonders garstigen Problemen aus der Patsche helfen.

Ein Selbstläufer ist das nicht: Obwohl ich kein Windows-Systemadministrator bin und nicht täglich SSL und die Powershell nutze, habe ich in allen Bereichen Grundkenntnisse. Ohne die wäre ich aufgeschmissen gewesen. Für die lauffähige Lösung war der Wissensfundus der KIs unverzichtbar. Das liegt an Microsoft und der veknorzten, historisch gewachsenen Windows-Architektur: Sie überfordert den menschlichen Admin. Und bis aus Windows ein Betriebssystem geworden ist, das sich per KI automatisieren lässt, fliesst noch viel Wasser die Töss hinunter (falls nicht gerade wieder Dürre herrscht).

Was die Codex-App anbelangt: Sie ist für diesen dritten Einsatzfall nicht unbedingt nötig. Der Programmcode liesse sich auf die herkömmliche Weise, über die KI im Browser erstellen. Doch etwas schneller geht es allemal, weil die KI das Script im Dateisystem erstellt und es mit einem Klick ausprobiert werden kann.


Der Epilog: Die Tücken von Windows, der Powershell und SSH

Ich hatte mit zwei Herausforderungen zu kämpfen:

Erstens mit dieser Ausgeburt der Hölle namens Powershell. Diese Automatisierungsumgebung (Ein etwas kraftloser Einstieg in die Powershell) ist zentral für die Windows‑Automatisierung. Doch benutzerfreundlich ist sie nicht: In meinem Fall verweigerte sie die Ausführung jeglicher Scripts mit dem Hinweis, das sei auf meinem Computer untersagt.

Der Screenshot zeigt einen technischen Text, der Probleme mit PowerShell und Gruppenrichtlinien erläutert. Wichtige Begriffe wie ExecutionPolicy und Registry-Wert sind hervorgehoben.
Wenn selbst Claude langsam die Geduld verliert …

Da ich mich nicht erinnerte, eine solche Restriktion eingerichtet zu haben, wusste ich auch nicht, wie sie zu beseitigen wäre. Ich übte mit Claude, der Gruppenrichtlinie und diversen Diagnosemethoden eine geschlagene Stunde herum, bis es schliesslich klappte. Selbst bei der KI war am Ende eine leichte Erschöpfung über die Abgründe der Windows-Konfiguration herauszuhören:

Wer hat den Wert¹ ursprünglich gesetzt? Das bleibt tatsächlich offen. Typische Verdächtige wären vorinstallierte HP-Software (bei einem Spectre nicht unüblich, dass HP Sure Click oder ähnliche Sicherheitstools sowas setzen), ein früheres Antivirus-Programm, oder sogar ein IT-Deployment-Image, falls das Gerät mal generalüberholt/vom Händler vorbereitet wurde. Da der Wert jetzt weg ist und nicht zurückkam, ist das für den Moment aber eher akademisch interessant als praktisch relevant.

Zweitens mit SSL. Hier entpuppte es sich als fast unüberwindliche Hürde, dem Script auf sichere Weise die richtigen Zugangsdaten mitzugeben. Gescheitert ist es – und das sollte im Jahr 2026 wirklich nicht passieren –, weil die Powershell die falsche Zeichensatztabelle benutzte und vor der Übergabe des Passworts chcp 65001 korrigiert werden musste. Uff!

Fussnoten

1) Der Wert EnableScripts war in der Registry bei einem HKLM-Unterast auf 0 gesetzt, sodass die Ausführung für alle Benutzerkonten untersagt war. Mit den üblichen Methoden war der entsprechende Schlüssel nicht aufzufinden und zu beseitigen, weil er anscheinend auf ungewöhnliche Weise gesetzt worden war. Claude erklärt das wie folgt:

Die Powershell unterscheidet beim Auslesen nicht, wie der Wert dorthin kam – ob durch eine echte GPO, ein MDM-Profil, ein Script, oder manuell per regedit. Es sieht nur: «Da steht was im Policy-Pfad und behandelt es wie eine erzwungene Richtlinie.»

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