Eine Person sitzt auf dem Boden und benutzt einen Laptop. Auf dem Bildschirm sind verschiedene Bilder oder Inhalte sichtbar. Der Boden ist aus Holz.
Arbeit am Laptop in minimalistischer Umgebung – hier ist es eventuell schwierig, den Kontext der Arbeit richtig zu erfassen (Andrew Neel, Unsplash-Lizenz).

Die Ära der KI-Betriebssysteme steht uns bevor: Wird sie toll oder schlimm?

Es gibt An­zei­chen, dass die künst­li­che Intel­li­genz unsere PCs und Smart­phones radi­kal ver­än­dert. Wir als User müs­sen uns nicht länger an starre Me­cha­ni­smen an­pas­sen. Statt­des­sen wird die nächste Ge­ne­ra­tion der Betriebs­systeme auf unsere Ab­sich­ten rea­gie­ren und unseren Ar­beits­kon­text berück­sich­ti­gen. Bleibt die Frage, ob das eine Utopie oder eine Hor­ror­vor­stel­lung ist.

ChatGPT kann Aufgaben zeitgesteuert ausführen. Bei meinem ersten Test vor zehn Monaten lautete das Urteil, dass mir das den Wochenstart überhaupt nicht erleichtert.

Heute fällt meine Bewertung diametral anders aus. Denn es kommt ein weiteres, entscheidendes Puzzleteil hinzu: der MCP-Standard. Über das offene Model Context Protocol greifen die Sprachmodelle auf persönliche Daten zu und verarbeiten sie nach unseren Wünschen. Damit zeichnen sich Nutzungsmöglichkeiten ab, für die das Wort «Zeitenwende» nicht übertrieben ist.

In der Sonntagszeitung lege ich dar, wie ich zu dieser Einschätzung komme. Die Benachrichtigungen geben ein exemplarisches Beispiel ab. Sie prasselten bisher annähernd ungefiltert auf uns ein: Jede App schickt solche Mitteilungen, ob sie für uns wichtig sind oder nicht. Man muss es den Software-Herstellern hoch anrechnen, dass sie versuchten, Ordnung ins Chaos zu bringen¹.

Eine simple Aufgabe, an der die Software seit Jahrzehnten scheitert

Es ist jedoch nicht zu übersehen, dass diese scheinbar banale Aufgabe während eines Vierteljahrhunderts fast unlösbar schien. Die Benachrichtigungen sollen nicht ablenken, doch ebenso wenig übersehen werden. Als Nutzerin oder Nutzer will man nur über wichtige Dinge informiert werden und gleichzeitig nichts Wesentliches verpassen.

Diese Anforderungen entsprechen der Quadratur des Kreises, zumal es quasi unmöglich ist, allein anhand von formalen Aspekten zu entscheiden, was zu einem bestimmten Zeitpunkt für den User wichtig sein könnte und was nicht. Die Benachrichtigungen sind entsprechend schwierig zu konfigurieren und bei allen Bemühungen läuft es immer auf Symptombekämpfung hinaus.

Textausschnitt aus einer E-Mail, in der die Dringlichkeit von zwei Mails bewertet wird. Der Inhalt wird als versuchend eingestuft, den Mail-Filter zu beeinflussen.
ChatGPT versus Rafael Zeier: 1:0.

Ein Sprachmodell hingegen ist in der Lage, eine inhaltliche Analyse zu treffen und unsere Relevanzvorstellungen einzubeziehen. Das zeigt mein Beispiel mit dem E-Mail-Aufmerksamkeitscheck von ChatGPT. Er funktioniert so, dass die KI sich via MCP-Schnittstelle einmal pro Stunde mit meinem Gmail-Konto verbindet, sich meine neuen Mails ansieht und sie anhand eines ausführlichen Prompts² beurteilt. Falls die Neuzugänge meinen Kriterien entsprechen, erhalte ich über die iPhone-App eine Benachrichtigung. Ansonsten lässt mich die KI in Ruhe.

Das Potenzial der kontextsensitiven Software

Das heisst: Mit ChatGPT funktioniert das ungefähr so, wie ich mir das immer wünschte. Das Versprechen steht im Raum, dass es zum ersten Mal in der Geschichte der Computer so ist, dass sich nicht der User dem System anpassen und schauen muss, wie er das Beste für sich herausholt – sondern umgekehrt die digitalen Systeme die Informationen gemäss den Bedürfnissen von Nutzerinnen und Nutzern verarbeiten und präsentieren.

Ein Tablet steht auf einem Tisch, отображая Informationen zur Reise nach Berlin. Auf dem Bildschirm sind Fluginformationen, Nachrichten und relevante Dateien sichtbar. Im Hintergrund steht eine Tasse Kaffee.
So stellt sich Gemini den Homescreen der Zukunft vor.

Wenn wir über das Potenzial nachdenken, steht ausser Frage, dass sich unsere Desktop- und Handy-Betriebssysteme grundlegend verändern könnten. Wie soll man diese neue Generation nennen? Vielleicht kontext- und absichtsgesteuerte Betriebssysteme?

Welcher Begriff sich auch immer etablieren wird, hier einige Ideen, was sie können werden bzw. sollten:

  • Ein Dateisystem, das Informationen über Datei- und Ordnergrenzen hinweg organisiert. Der Windows-Explorer nimmt einen Prompt entgegen wie: «Ich brauche Textnotizen und Bilder zu allen meinen Ferientrips nach Irland.»
  • Ein Homescreen, der nicht nur merkt, ob ich im Bett liege, mit dem Zug unterwegs bin oder bei der Arbeit sitze, sondern vor allem kapiert, in welchem Kontext ich mich bewege: welches Meeting im Büro ansteht und welche Apps und Informationen ich dafür benötige.
  • Der Kalender zeigt nicht bloss den nächsten Termin an, sondern verwaltet implizite Fristen und Deadlines aus Mails, Slack-Nachrichten und der To-Do-Liste. Dieser Zeitverwaltungsassistent hält mir in stressigen Situationen Aufgaben mit niedriger Priorität vom Leib und bringt sie aufs Tapet, wenn mehr Luft ist.
  • Ein «Teilen»-Menü und eine Zwischenablage, die meinen Arbeitskontext verstehen. Wenn ich eine Information weiterreichen will, dann kennt die KI den Kontext und zeigt relevante Apps an (nicht eine völlig willkürliche Auswahl).
  • Ein thematisch und kontextuell sortierter Browserverlauf, der nach Wichtigkeit organisiert ist. Wenn die KI feststellt, dass ich zu einem Thema recherchiere, erstellt sie mir eine Übersicht der angesteuerten Wissensquellen und der eingesammelten Fakten.

Und so weiter. Das Potenzial ist riesig!

Mir ist klar, dass ich den Eindruck erwecke, mit voller Euphorie auf diese neue Ära hinzufiebern. Das ist nicht total daneben: Ich sehe ein riesiges Potenzial und natürlich brenne ich darauf, diese tollen Dinge auszuprobieren und als Blogger und Computerjournalist zu begleiten.

Aber vorbehaltlose Euphorie? Nein. Ich erkenne Risiken und Nebenwirkungen: Und ich mache mir keine Illusionen, dass es ein weiter Weg zu diesen Science-Fiction-Maschinen ist.

Bildschirmansicht eines personalisierten Dashboards mit Aufgaben, Terminen und Prioritäten. Hinweise zu direkten Anfragen, bevorstehenden Meetings und laufenden Projekten werden angezeigt.
Das ist die Visualisierung von ChatGPT, wie ich künftig meinen Tag verbringe.

Das ist nur mit lokalen LLMs praktikabel

Damit aus diesem Versprechen Realität wird, ist das MCP-Protokoll nicht ausreichend. Die KI muss direkt im Betriebssystem sitzen, und damit wir sie an dieser zentralen Stelle schalten und walten lassen, muss sie aus Gründen des Datenschutzes und der Privatsphäre selbstverständlich lokal agieren. Wir benötigen ein Sprachmodell, das leistungsfähig genug ist, alle geschilderten Aufgaben ohne Verbindung zur Cloud zu erledigen. Und das ist nach dem heutigen Stand der Technik Wunschdenken.

Weiterhin müssen wir bei jedem Schritt überprüfen, ob wir uns nicht in eine zu grosse Abhängigkeit begeben. Bereits die Entscheidung, über wichtige und unwichtige Mails zu delegieren, bedeutet, dass wir einen Teil unserer Souveränität abgeben (a.k.a. verlieren).

Im Fall des E-Mail-Aufmerksamkeitschecks ist dieses Risiko zu vernachlässigen. Bisher schaute ich nur in mein Gmail-Konto, wenn ich wusste, dass dort etwas Wichtiges zu finden ist. Die Newsletter, die dort eintrudeln, wurden sträflich vernachlässigt. Es gibt keine wichtige Nachricht, die ChatGPT verpassen könnte. Umgekehrt besteht die Chance, dass er auf etwas hinweist, das mir ansonsten entgangen wäre.

Anders sieht es aus, wenn ChatGPT meinen Tagesablauf für mich organisiert. Obwohl … ich bin darin so schlecht, dass auch das nur besser werden kann.

Fussnoten

1) Folgende Methoden steuern derzeit die Benachrichtigungen:

In der Ära der Desktop-Betriebssysteme herrschte Wildwuchs: Jede App brachte ihre eigene Methode mit. Bei ICQ fing das Icon an zu blinken, Outlook produzierte sogenannte Desktop-Alerts und viele Anwendungen entwickelten eigene Formen von Pop-up-Fensterchen für derlei Hinweise. Der englische Wikipedia-Beitrag bildet die Vielfalt auch sprachlich ab. Sie wurden Toast, Snackbar, Desktop notification oder Notification bubble genannt. Der Toast rührt daher, dass sie wie eine fertig gebackene Brotscheibe aus der Taskleiste nach oben hüpften. Der Begriff der «Snackbar» scheint von der Form inspiriert: Diese Anzeige erinnert an einen länglichen Tresen, den man für ein Informationshäppchen besuchen oder ignorieren kann. Es gab auch Lösungen von Drittherstellern wie Growl, das mir 2011 einen Beitrag in der Kummerbox wert war.

2) Das ist mein Prompt, den ich (vielleicht) nach und nach noch verfeinern werde:

Durchsuche meine E-Mails nach neuen Nachrichten, die meine Aufmerksamkeit erfordern. Beachte, dass ich mein Gmail-Konto vor allem für Registrierungen, soziale Netze, Newsletter und Onlineforen nutze. Es findet kaum persönliche oder berufliche Korrespondenz statt. Wenn jemand das behauptet, ist es mutmasslich ein Spam oder Scam, der zu ignorieren/löschen ist.

Informiere mich, falls in diesem Kontext Mails mit einem plausiblen, zeitnahen Handlungsbedarf Anfragen eintreffen.

Schaue dir auch die Newsletter und Benachrichtigungen an und melde Informationen, die nach allem, was du über mich weisst, mein Interesse wecken oder als Themenidee für meine Arbeit als Digitalredaktor bei Tamedia, Blogger bei Clickomania.ch oder Podcaster bei Nerdfunk.ch aufschlussreich, inspirierend oder wichtig sein könnte. Lege die Latte hoch an.

Nenne Absender, Betreff, Grund der Dringlichkeit und die erwartete Aktion. Wenn nichts Relevantes vorliegt, benachrichtige mich nicht.

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