Bild eines IBM-Tastatur mit einem Floppy-Disk in der Nähe, abgelegt auf grünem Gras. Die Tastatur zeigt typische Tasten und ein IBM-Logo. Im Hintergrund ist ein Computergehäuse sichtbar.
Zugegeben, die 5¼-Zoll-Floppy-Disks waren 1996 bereits ausser Mode geraten. Mit dem Nachfolger, der nicht mehr wabbeligen 3½-Zoll-Diskette hatte ich es in den 1990er-Jahren noch häufiger zu tun (Bruno Cordioli/Flickr.com, CC BY 2.0).

Ein strunzlangweiliger Auftakt für dreissig superspannende Jahre

Seit dreis­sig Jahren Tech-Jour­nal­ist! Es fing 1996 mit der Lotus Smart­suite an und ent­wickel­te sich zu einer ra­san­ten Zeit mit gran­dio­sen Mei­len­steinen, über­zo­ge­nen Er­war­tungen und atem­be­rau­ben­den Plot­twist für die Staffel zwei.

Zugegeben, den nerdigsten Abschnitt habe ich verpasst: die Ära der Mikro- und Heimcomputer, denen man noch beim Rechnen zusehen konnte. Aber nach der Kindergartenphase – quasi in der ersten Klasse – war ich mit dabei. Diese Erkenntnis hatte ich neulich, als mich ein Familienmitglied am Telefon fragte, wie lange ich denn Zirkus nun schon mitmachen würde. Mein Archiv gibt die Antwort: seit dem 5. Juli 1996. Damals erschien im «Badener Tagblatt» mein epischer Vergleich von Lotus Smartsuite 96 und Microsoft Office 95. Dreissig Jahre, in denen eine Menge passiert ist.

1992: Vom Dorfjournalismus zum Desktop-Publishing

Dabei war es Zufall, dass ich in der Tech-Sparte gelandet bin. Meine Laufbahn als Journalist begann im Sommer 1992 mit einem Volontariat beim «Landboten» aus Winterthur, bei dem ich durch die Ressorts rotierte und der Lokalredaktion als freier Mitarbeiter erhalten blieb. Ich berichtete aus dem Zürcher Weinland über Gemeindeversammlungen, Vereinsanlässe und alles, was sonst so passierte – typischerweise an Terminen, auf die die fest angestellten Redaktoren am Abend oder am Wochenende lieber verzichteten.

Nebenbei studierte ich an der Universität Zürich Germanistik, Publizistik und Computerlinguistik, und dort entdeckte ich am Schwarzen Brett ein Stelleninserat von Digipress GmbH. Sie suchte jemanden, der für die Zeitschrift «Publisher» über Desktop-Publishing schreiben wollte. Das digitale Publizieren war Pionierarbeit, die von den Platzhirschen der Branche misstrauisch beäugt und auch von etablierten Medien als Tummelfeld der Amateure betrachtet wurde. Ich hatte mit dem DTP aber bereits Erfahrungen gesammelt und Feuer gefangen.

Eine Person sitzt auf einem Sofa und liest eine Broschüre mit dem Titel «Publisher». Im Hintergrund sind verschwommen weitere Personen und Möbel sichtbar.
Bei der Lektüre der Zeitschrift «Publisher», für die ich zwischen 1996 und 2019 schrieb. Das Bild stammt von der Swiss Publishing Week 2009.

1996: Die digitale Welt besteht aus unvernetzten Inseln

Digipress produzierte neben der Zeitschrift «Publisher» eine Sammlung mit Cliparts im Vektorgrafik-Format, vor allem mit Kantons- und Gemeindewappen und anderen Motiven mit eidgenössischem Bezug. Das erlaubte es mir, als Medienproduzent für die Mac- und Windows-kompatible DVD Erfahrungen zu sammeln.

Diese dreissig Jahre waren toll und miserabel zugleich: Beim Journalismus setzte nach ein paar wenigen guten Jahren ab 2003 ein unablässiges Siechtum ein, das bis heute andauert, und an dem die Entwicklung an der digitalen Front nicht ganz unschuldig war. Mein erster Artikel ist dafür ein beredtes Beispiel: Das Badener Tagblatt war damals eine eigenständige Zeitung, die Honorare für freie Beiträge bezahlte. Heute ist es Teil der CH-Media-Gruppe. Im starken Kontrast dazu war die Zeit unglaublich spannend – ja, es gab auch langweilige Jahre mit Microsoft-Dominanz und Ideenlosigkeit bei Apple. Aber irgendwoher kam immer ein neuer Impuls.

Tim Berners-Lee, der Vater des World Wide Web (ITU Pictures/Flickr.com, CC BY 2.0).

Denn eben: 1996 beschäftigte uns die Frage, welches Office-Paket die bessere Benutzeroberfläche hatte. Ob der «Suchen und Ersetzen»-Dialog modal war oder sich nebenbei geöffnet lassen konnte, war eine relevante Frage. Das World Wide Web war seit 1991 erfunden und für mich ein tägliches Tummelfeld, aber die Computernutzung war grösstenteils lokal. Man schrieb Texte mit einer Anwendung auf der eigenen Festplatte, speicherte sie dort, und druckte sie aus. Der zentrale Server und ein geteilter Drucker waren der Gipfel der Vernetzung.

2000: Viren, Würmer, Spam und Surfen mit dem Internet Explorer

Das blieb natürlich nicht so. Als ich im April 2000 meinen offiziellen Einstand beim «Tages-Anzeiger» hatte, waren es vor allem die Internetwürmer, die keinen Zweifel daran liessen, dass diese Technologie in der Gegenwart angekommen war. Von dieser Entwicklung waren viele überrascht – beispielsweise Microsoft, auch wenn Bill Gates das Internet nicht komplett verschlafen hatte.

Jedenfalls war es zum guten Teil Microsoft zu verdanken, dass ich in den Nullerjahren oft über die negativen Begleiterscheinungen der Online-Revolution berichtete. Der Konzern hatte die Risiken massiv unterschätzt. Windows und insbesondere der Internet Explorer waren über Jahre hinweg ein bevorzugtes Ziel für Schadsoftware. Der Browser erreichte Marktanteile von weit über 90 Prozent. Er wurde zum Einfallstor für zahllose Angriffe und zum Gängelinstrument für die User, bis Firefox 2004 wie Phönix aus der Asche stieg.

2002: Die Dotcom-Blase platzt

Nebst den Würmern, der Adware und dem Spam war natürlich die Dotcom-Euphorie prägend. Mir war die von Anfang an suspekt. Ich fand es sinnvoll, Produkte online zu vertreiben, aber die beinahe grenzenlose Begeisterung für jedes beliebige Internet-Start-up erschien mir sinnlos und kontraproduktiv. Als die Blase platzte, konnte ich meine Schadenfreude nicht verhehlen.

Meine Vorstellung vom Internet war ohnehin eine andere. Ich gehörte zu den Idealisten, die an das globale Dorf glaubten – an den Marktplatz der Ideen und die universelle Verständigung.

Ab 2005 treten die sozialen Medien auf den Plan

In gewisser Weise erfüllten die sozialen Netzwerke zunächst genau diese Hoffnung. Facebook, Twitter und viele kleinere Plattformen ermöglichten Kontakte, die vorher kaum denkbar gewesen wären. Alte Schulkollegen wiederzufinden oder Menschen mit ähnlichen Interessen kennenzulernen, empfand ich als positiven, schönen Fortschritt.

Trotzdem gehörte ich nie zu den Missionaren. Ich beobachtete lieber zuerst, ob sich ein Dienst bewährte, bevor ich ihn einem breiten Publikum vorstellte. Ich wollte mir sicher sein, dass es keine digitale Eintagsfliege und kein Silicon-Valley-Hirnfurz war. Denn damals tauchten wöchentlich neue Plattformen und Communitys auf. Foursquare und Gowalla verbanden die reale mit der virtuellen Welt; ebenso Games wie das Schweizer «Gbanga Familia», dem ich heute noch nachtrauere.

Eine Person hält ein Smartphone, auf dem ein Instagram-Post in einem Fitnessstudio zu sehen ist. Im Hintergrund sind Trainingsgeräte und eine angenehme Beleuchtung.
Von einer bunten Vielfalt an Social-Media-Plattformen sind nur ein paar wenige übrig geblieben – u.a. die Influencer-Hölle, auch bekannt als Intagram (Aj Collins Artistry>, Unsplash-Lizenz).

Von dieser Vielfalt ist nichts geblieben. Einige wenige Konzerne dominieren heute das Netz. Google erschloss uns mit seiner Suchmaschine das Netz und nutzte diese Schlüsselposition gnadenlos aus. Aus dem sympathischen «Don’t be evil»-Start-up wurde ein Moloch, der die Spielregeln diktiert. Das zeigt sich am deutlichsten bei Youtube, wo heute brutale Monetarisierung und Werbeterror herrscht.

2007: Das iPhone, die Cloud und das gefloppte Internet der Dinge

Ein Urknall war, natürlich, das iPhone 2007. Es begründete die Ära des mobilen Internets und des Smartphones. Es befeuerte auch die Cloud und die Abkehr von der lokalen Datenhaltung. Und es versetzte die Weltöffentlichkeit in eine gespannte Erwartung: Steve Jobs hatte uns erfolgreich den Floh ins Ohr gesetzt, es ginge nun Schlag auf Schlag so weiter: Tablet, Smart Watch, Wearables, Smarthome, Smart Speakers mit Sprachassistenten und das Internet der Dinge – es schien nur eine Frage der Zeit bis zum nächsten Meilenstein.

Eine Hand hält ein schwarzes iPhone, das auf der Rückseite das Apple-Logo zeigt. Der Hintergrund ist unscharf und in Brauntönen gehalten.
Das iPhone 4 von 2010 trug einen beträchtlichen Teil zur Gewöhnung an die Smartphone-Ära bei (kropekk_pl, Pixabay-Lizenz).

Doch aus der totalen Vernetzung wurde nichts. Daran waren die Konzerne selbst schuld. Sie dachten, wir würden alles kaufen, wenn es nur irgendwie digital, futuristisch und per Smartphone zu steuern wäre. Gleichzeitig wollte jeder eine dominante Position erreichen und daher keine echten, offenen Standards etablieren. Doch ohne Interoperabilität entstand ein oft nutzloses Flickwerk, das kein Alltagsproblem löste, sondern nur Frust verursachte. Ein dummer Lichtschalter hat nun einmal eine ungeschlagene Usability. Abgesehen davon, dass er keine Fragen zur Sicherheit, Privatsphäre und dem Datenschutz aufwirft.

2020: Niemand hat Bock aufs Metaversum

Ähnlich verlief die Entwicklung bei Virtual Reality, Augmented Reality und Mixed Reality – or how you want to call it. Sowohl Meta mit dem Metaversum als auch Apple mit der Vision Pro blamierten sich bis auf die Knochen. Und sie lieferten noch einmal den Beweis, dass beeindruckende Technik allein nicht zieht – die Leute erwarten, dass ein echtes Problem gelöst wird.

Das iPhone wäre nach dem Internet, der Cloud und dem Streaming die letzte grosse Revolution geblieben und hätte dafür gesorgt, dass die ersten 15 Jahre deutlich spannender geworden wären als die zweiten 15 Jahre – und wir in der zweiten Hälfte nur noch hätten beobachten können, wie die Machtkonzentration der Konzerne immer grösser und grösser wurde. Wäre nicht vor vier Jahren etwas Unerwartetes passiert.

Eine Person trägt eine VR-Brille und zeigt mit dem Finger auf etwas. Der Hintergrund ist in einem intensiven Blau gehalten, was eine futuristische Atmosphäre vermittelt.
Die Virtual-Reality-Headsets wirken bis heute nicht sonderlich attraktiv (Shvets Production, Pexels-Lizenz).

2023: Der KI-Plottwist, den niemand auf dem Schirm hatte

Dann kam – scheinbar aus dem Nichts – die künstliche Befruchtung daher. Natürlich, rückblickend gab es Vorboten wie Deepl, jene Web-App, die dank maschinellem Lernen die Computerübersetzung endlich brauchbar machte. Doch dass heute jedermann und seine Grossmutter von grossen Sprachmodellen spricht und sie verwendet, ist ein Plottwist, der diese dreissigjährige Saga wunderbar abrundet.

2026: Und die nächsten dreissig Jahre?

Aber dieser Text soll nicht wie eine Verabschiedung in die Rente klingen – so weit ist es schliesslich bislang nicht. Und natürlich stellt sich die Frage: Bleibt es so spannend oder wird es langweilig?

Im Moment bleibt es eine Herausforderung, bei der KI mitzuhalten und den Hype vom echten Fortschritt zu trennen. Unsere grosse Aufgabe ist es, einen klugen Umgang mit künstlicher Intelligenz zu finden. Nicht alles, was technisch machbar ist, muss umgesetzt werden. Und da bin ich mir längst nicht sicher, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Im Gegenteil: Wenn uns der Aufstieg der Tech-Konzerne etwas gelehrt hat, dann, dass wir wachsam und zurückhaltend sein müssen. Davon sehe ich wenig. Im Gegenteil, es scheint mir, dass wir erneut auf die alten Tricks reinfallen.

Mit anderen Worten: Die Blütezeit des Technikjournalismus steht noch bevor. Sie besteht darin, die KI nutzbar zu machen – aber ohne Totalverlust der Souveränität.

2 Kommentare zu «Ein strunzlangweiliger Auftakt für dreissig superspannende Jahre»

  1. Danke für den spannenden Rückblick! Wie im verlinkten Artikel zu lesen ist, hat man sich bereits 1996 an einer Art KI versucht, mit der Funktion „Frage an den Experten“. Das war wohl der Vorläufer des legendären „Karl Klammer“. 🙂

    Es ist leider so, dass die Menschheit bei jeder neuen Technologie zuerst durch das Tal der Tränen muss. Zwischen dem Entstehen der ersten Fabriken und der Einführung von Gesetzen zum Schutz der Arbeitnehmer liegen Jahrzehnte. Dass fossile Brennstoffe zwar günstig Energie liefern, aber auch gewichtige Nachteile haben, will man erst nach einigen heissen Sommern wahrhaben.

    Man macht die gleichen Fehler sogar mehrmals. Man hat sich geärgert, dass Microsoft den Markt für Betriebssysteme dominiert. Aber als Apple das iPhone lanciert hat, auf dem man als Käufer nicht einmal Administrator-Rechte hat, hat man freudig zugegriffen. Zu wohlig warm war das „Ökosystem“.

    Facebook hat man bejubelt und erst spät gemerkt, dass man Produkt und nicht Kunde ist.

    Ich denke, die KI wird die Welt mindestens so stark verändern wie das Smartphone. In Design, Fotografie und Software-Entwicklung spürt man das jetzt schon. Als Nächstes sind Datenanalysten dran. In wenigen Jahren werden wir Roboter wie den Hyundai Atlas sehen, welche immer mehr Tätigkeiten übernehmen können.

    Am meisten Sorgen mache ich mir bezüglich der Kinder. Wie können sie sich motivieren, Grundlagen zu lernen, wenn der Chatbot immer sofort alles weiss?

    Für den Journalismus wird es nicht einfacher werden. Es werden immer mehr Artikel verlangt, für Recherchen fehlen Geld und Zeit. Auch ein reichweitenstarkes Blog kann einen Vergleichstest nicht monetarisieren, wenn die KI-Zusammenfassung von Google schon alles verrät.

  2. Was mich etwas beruhigt: Wer dreißig Jahre lang den technischen Wandel beobachtet hat, weiß vermutlich besser als alle Zukunftspropheten, dass die nächste große Überraschung nicht dort auftaucht, wo sie angekündigt wird. Sie kommt meistens durch die Hintertür herein, stolpert über den Teppich und behauptet anschließend, sie sei immer schon geplant gewesen.

    Auf die nächsten dreißig Jahre. Vermutlich mit weniger fliegenden Autos, als versprochen wurden – aber wahrscheinlich mit genügend neuen Dingen, über die wir uns wundern, ärgern und anschließend selbstverständlich beschweren werden.

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