Falls ihr einverstanden seid, verzichte ich beim heutigen Beitrag auf mein übliches Lamento über die Mängel der Präsentationsprogramme. Stattdessen komme ich direkt zum Punkt. Es geht um Leute wie mich, die weder Lust noch Talent haben, schöne Präsentationen zu erstellen – und die Frage, ob uns die KI aus der Patsche hilft. (Falls es den Tatbestand einer «Patsche» erfüllt, dass wir im Vergleich zu unseren Kolleginnen und Kollegen die mit Abstand langweiligsten und uninspiriertesten Folien vorzeigen.)
Ausgangspunkt dieses Beitrags ist meine Feststellung, dass es in Google Präsentationen seit einiger Zeit den Knopf Enhance this slide gibt. Beim Klick tut er nichts anderes, als die Seitenleiste mit Gemini zu öffnen und dort einen Standardprompt¹ abzusetzen. Der enthält die Aufforderung, die Folie visuell auf Wirkung zu trimmen.
Das Resultat ist keine gestalterische Meisterleistung und nichts, was mein früheres Publisher-Gspändli Ralf Turtschi in Ekstase versetzen würde. Immerhin schuf der Mann mit seinem (leider vergriffenen) Typotuning-Buch zu Powerpoint ein Standardwerk zur Gestaltung schöner Präsis. Es ist jedoch unstrittig, dass eine Verbesserung auf niedrigem Niveau stattfindet. Darum zeige ich mit drei Beispielen, welche Eingriffe stattfinden. Und ich kläre vor allem, welche KI die vorzeigbareren Resultate erzielt: Gemini in Google Slides oder Copilot in Powerpoint.
1) Eine Textwüste beseitigen
Bei der ersten Aufgabe bekommt es die KI mit einer Ausgangslage zu tun, wie sie typischer nicht sein könnte. Die zu verschönernde Folie besteht aus einem Titel und einigen Aufzählungspunkten: maximal unattraktiv.

Beide KIs verwenden den gleichen Trick: Sie dividieren die Aufzählungspunkte auseinander und packen sie in separate Kästchen. Das Resultat ist zu einem gewissen Grad Geschmackssache, aber mir gefällt die Variante von Google besser: Sie ist leichter lesbar und die Symbole sind augenfälliger als die farbigen Balken von Microsoft. Ausserdem füllen die Inhalte die Kästchen besser als bei Powerpoint.

Hingegen missfällt sehr, dass Gemini die Texte ohne Not umformuliert und auf Marketing-Sprech trimmt. Beispiel: Zum Verweis auf Google AI Studio verlinke einen Blogbeitrag (Begeisterung und Entsetzen auf Googles KI-Experimentierwiese). Daraus macht Gemini «Googles KI-Experimentierwiese für Entwickler und Technik-Begeisterte». Das ebenfalls erwähnte Entsetzen fällt weg. Beim Kästchen zum Google Workspace ist von «nahtloser Integration» die Rede. Das Adjektiv stammt aus der PR-Abteilung und gehört nicht in die Folie.

Urteil: Sieger ist trotz der weniger überzeugenden Optik Microsoft. Auch hier wird der Text zwar nicht 1:1 wiedergegeben, aber es findet keine Verschlimmbesserung statt. (Was natürlich daran liegen kann, dass es auf der Folie nicht um Microsoft geht – vielleicht wäre etwas Ähnliches passiert, hätte ich Copilot erwähnt.)
Fazit dazu: Die Zentrierung des Titels missfällt mir ebenfalls, aber ohne Zweifel ist die KI eine Hilfe.
Ein Nachteil muss unbedingt erwähnt werden: Die Design-Tricks der KI erschweren uns die Bearbeitung. Bei der Ursprungsfolie ist es ein Klacks, weitere Punkte hinzuzufügen oder zu entfernen. Bei der ausgestalteten Folie müssten wir die Kästchen in der Grösse verändern und umplatzieren, um Dinge zu ergänzen oder zu entfernen. Die einfachste Methode wäre, die Ursprungsfolie aufzubewahren und nach der Bearbeitung eine neue Variante generieren zu lassen.
2) Ein Bild einklinken
Die zweite Folie enthält einen kurzen Text und ein Zitat. Kein Meisterwerk, aber sie erfüllt ihren Zweck. Trotzdem – oder gerade deswegen – soll die KI beweisen, ob sie eine Verbesserung erzielt.

Beim ersten Anlauf gebe ich keine spezifischen Instruktionen, sondern bloss eine allgemeine Anweisung, die Folie visuell zu verbessern. Um Chancengleichheit herzustellen, verwende ich in beiden Fällen, d. h. auch bei Powerpoint den Wortlaut des oben angegebenen Standardprompts von Google.

Gemini setzt eine der hinterlegten Standardfarben ein. Die Idee, das Zitat mit einer Fläche zu abzuheben, ist an sich nicht verkehrt, und das grosse Anführungszeichen signalisiert ein Zitat. Dennoch werte ich das als Verschlechterung: Die umgestaltete Folie ist unruhiger. Die dünne kursive Schrift ist mit dem knalligen Magenta-Hintergrund kaum zu lesen. Die beiden Absätze mit Titel und einer fett gedruckten Angabe von Orts- und Zeitangabe zu zerlegen, trägt weiter zu einer Zerstückelung bei.
Und unschön: Der Haupttitel und die Elemente darunter sind links nicht mehr bündig angeordnet.

Powerpoint liefert eine uninspirierte Anpassung, die ebenfalls kontraproduktiv ist: Die Schrift wird kleiner, dafür laufen die Zeilen breiter und das Zitat wird kursiv gesetzt: Das ist viel schlechter lesbar. Lediglich der etwas grössere Zeilendurchschuss ist ein Gewinn.
Dabei liegt auf der Hand, wie sich diese Folie verbessern liesse. Da zwei Personen erwähnt sind – nämlich die Entwickler des hier vorgestellten Online-Video-Editors Kapwing – suche ich auf der Website ein Bild und werde fündig. Ich lade es mit der Anweisung² hoch, es in die Gestaltung zu integrieren.

Gemini tut das nicht, sondern generiert anhand der Vorlage ein eigenes Bild. Das ist eine brutale Fehlleistung: Erstens wurde keine KI-Illustration verlangt. Zweitens ist keine nötig, da eine authentische Aufnahme verfügbar ist. Und drittens ist es höchst fragwürdig, ob es die beiden abgebildeten Personen schätzen würden, auf diese Weise (miss-)repräsentiert zu werden.

An dieser Stelle verzichte ich darauf, Gemini um eine Korrektur zu bitten. Stattdessen klicke ich selbst den Bildrahmen an und ziehe die Originalaufnahme an die gewünschte Stelle. Das hat den gewünschten Effekt, auch wenn nicht zu übersehen ist, dass das Bild mit dem Logo in der rechten unteren Ecke kollidiert.

Copilot erledigt diese Aufgabe ohne Fauxpas. Diese KI kapiert auch meinen Wink mit dem Zaunpfahl und stattet das Foto mit einem Bildnachweis aus. Das Problem, dass die Zeilen zu lang laufen und das Zitat schlecht lesbar ist, bleibt bestehen.
Urteil: Google schiesst mehrfach übers Ziel hinaus und disqualifiziert sich selbst. Auch das Resultat von Powerpoint ist nicht wirklich brauchbar, da die Lesbarkeit das oberste Ziel sein müsste. Immerhin wäre es kein Problem, die Textelemente manuell schmaler zu ziehen, die Schrift zu vergrössern und von kursiv auf gerade umzustellen.
Trotzdem geht auch dieser Punkt an Microsoft.
3) Eine Tabelle aufhübschen
Dritter und letzter Test: Eine Tabelle ansprechend gestalten. Diese Folie entstand mit dem hier beschriebenen Prozess, bei dem ich aus einer Markdown-Textdatei die Rohfassung einer Präsentation erstellen liess. Die Tabelle ist schlecht lesbar und ist zu lang – der unterste Eintrag wäre nicht zu lesen. Weil das gestalterisch keine echte Herausforderung ist, ergänze ich im Prompt³ die Aufgabe, die jeweiligen Stärken durch ein Emoji zu illustrieren.

Zu meinem Erstaunen versagt Gemini bei dieser Aufgabe komplett. Dabei habe ich in ähnlichen Fällen früher gute Resultate erzielt: Nämlich eine Tabelle, deren Zeilen abwechselnd mit einem Zebramuster eingefärbt und damit gut lesbar waren.

Doch in diesem Fall erzeugt Googles KI eine Folie, die absolut nichts mit meiner Vorgabe zu tun hat. Weder mein Text noch die Tabelle erscheint. Stattdessen fabuliert Gemini fröhlich über die «Zukunft der KI-Agenten» und fügt ein an Beliebigkeit nicht mehr zu überbietendes Symbolbild ein.
Das ist ein Totalversagen. Im Vergleich beweist Copilot, dass die Aufgabe zu bewältigen gewesen wäre.

Powerpoint brilliert jedoch auch nicht: Zwar sind nun alle Zeilen sichtbar, aber es ist dennoch unschön, wie die Tabelle unten leicht übersteht.
Kann man Copilot einen Vorwurf machen, dass die Tabelle ausschaut wie ein Office-Dokument von 1995? Vermutlich nicht, weil ich keine gestalterischen Vorgaben gemacht habe. Immerhin: Die Aufgabe mit den Symbolen ist fast richtig gelöst: Die Emoji-Auswahl ist bis auf den Link bei Google nachvollziehbar. Einen Abzug gibt es für die Platzierung der Spalte: Die würde nicht zwischen den Namen des Modells und den Hersteller gehören, sondern vor die Spalte mit den Stärken.
Urteil: Wir kommen nicht umhin, auch hier Copilot zum Sieger zu küren.
Fazit: Ein Kantersieg für Microsoft
Das Endresultat ist eine Überraschung. Aufgrund früherer schlechter Erfahrungen mit Copilot hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass Microsoft den Konkurrenten aus Mountain View gleich dreimal in den Schatten stellt. Vermutlich war Glück mit dabei, zumal ich Gemini schon lange nicht mehr so habe halluzinieren sehen bei meinem Testlauf.
Daraus ergeben sich drei Erkenntnisse:
- Die Stärken und Schwächen bleiben unberechenbar: Wann welches Modell brilliert oder versagt, lässt sich meist nicht vorhersagen – dafür sind zu viele Faktoren mit im Spiel: die konkrete Aufgabe, die Rahmenbedingungen und technische Umstände, die für menschliche Benutzer kaum abschätzbar sind. Und vermutlich spielt auch die Tagesform eine Rolle.
- Die Formatierungsmöglichkeiten in Excel und Google Slides sind eine Hilfe, aber Wunder darf man sich nicht erwarten.
- Es bleibt dabei, dass die künstliche Intelligenz nicht in der Lage ist, eine originelle oder auch nur spezielle Gestaltungsleistung zu erbringen. Stattdessen werden banale, gängige Muster reproduziert.
Fussnoten
1) Das ist der Standardprompt:
Redesign this slide to most effectively communicate the content. Prefer well structured visual layouts. (Gestalte diese Folie neu, um den Inhalt möglichst wirkungsvoll zu vermitteln. Bevorzugen Sie gut strukturierte visuelle Layouts.) ↩
2) Das ist der Prompt für die Folie mit Bild:
Gestalte diese Folie um. Verwende dazu das angehängte Foto von den beiden Erfindern von Kapwing (Credit: Kapwing.com). Behalte den Text im Wortlaut bei, aber stelle das Zitat und das Foto zusammen. ↩
3) Das ist der Prompt für die dritte Aufgabe:
Bereite die Rohfassung dieser Folie visuell auf. Achte darauf, dass die Tabelle vollständig auf der Folie Platz hat und gut lesbar ist. Füge vor der Spalte «Stärken» eine Spalte ein, in der du die aufgeführten Stärken durch ein Icon (allenfalls Emoji) symbolisierst. ↩
Gut zu wissen, dass die Menschheit nach Jahrtausenden kultureller Entwicklung endlich eine Technologie erschaffen hat, die unsere Präsentationen verschönern kann. Nun müssen wir nur noch herausfinden, wie wir verhindern, dass sie dabei aussieht wie ein ambitionierter PowerPoint-Kurs aus 2007. Danke!