Ein schmaler Strassenabschnitt mit historischen Gebäuden. Zwei grüne Luftballons schweben in der Luft. Eine Person steht im Vordergrund und hält ein Smartphone. Himmel mit Wolken sichtbar.
Nano Banana verwandelt das Spiegel-Selfie links in die Aufnahme eines Fotografen. Ganz klar: Die beiden Varianten in der Mitte und rechts sind Deepfakes.

Wo die Nachbearbeitung aufhört und die Fälschung anfängt

Drei ein­drück­liche Bei­spiele für das Po­ten­zial der Bild­be­ar­bei­tung mittels KI: Nano Banana entfernt die dreckige Fenster­schei­be, stö­rende Spie­ge­lungen, Zäune und Git­ter­stäbe. Ist das legitim, selbst wenn die ab­ge­bil­dete Rea­li­tät nicht ver­ändert wird, sondern die künst­li­che In­tel­li­genz bloss Hin­der­nis­se der Auf­nahme­si­tua­tion be­sei­tigt?

Ob man den typischen Look eines KI-Bildes nun mag oder hasst: Die technische Leistung, solche Motive herzustellen, ist faszinierend. Noch eindrücklicher finde ich die Möglichkeiten, die sich bei der Bildbearbeitung mittels künstlicher Intelligenz eröffnen. Wir entfernen unerwünschte Objekte aus Aufnahmen, beseitigen Personen oder platzieren sie um, ändern das Wetter oder die Jahreszeit – die Gestaltungswege sind unendlich.

Genauso überwältigend sind die ethischen Implikationen. Denn darf man das alles, nur weil man es kann?

Die Antwort lautet, wie so oft: Es kommt darauf an. Im Journalismus ist die Sache klar. Wer als Fotoreporterin oder Fotoreporter arbeitet, macht Bilder, die die Wirklichkeit abbilden. Selbst klassischen Retuschen in Photoshop sind enge Grenzen gesetzt. Die Belichtung anzupassen und den Zuschnitt zu optimieren, ist okay. Doch selbst kleine Retuschen an Personen und Objekten sind tabu.

Wer nicht fotojournalistisch arbeitet, könnte sich auf den Standpunkt stellen, dass «the sky the limit» ist. Motto: «meine Bilder, meine Regeln». Für mich stellt sich dennoch die Frage, was ein Bild noch wert ist, wenn es eine komplett geschönte Version der Realität zeigt. Das gilt selbst im privaten Fotoalbum: Will ich mich an mein Leben erinnern, wie es war, mit allen Imperfektionen? Oder will ich es so toll in Erinnerung behalten, wie es niemals war? Das ist eine individuelle Frage von philosophischer Tragweite. Ich halte die KI-Retusche aus meinem Privatleben fern. Aber wozu taugt die KI denn noch, ausser für die Werbung, wo ohnehin alles gelogen ist?

Es gibt einen Graubereich, den ich heute zur Diskussion stelle. These: Die KI-Bildbearbeitung ist legitim, wenn sie die Realität nicht verfälscht, sondern einen technischen Störfaktor beseitigt.

1) Die total verdreckte Fensterscheibe

Mein erstes Beispiel ist ein Foto aus dem Fenster des Tamedia-Newsrooms in Zürich. Nebenan wurde (für einen Neubau) das Gebäude abgerissen, in dem ich viele Jahre arbeitete. Von den Abrissarbeiten lassen sich eindrückliche Bilder machen. Dumm nur: Das Fenster ist so unglaublich dreckig, dass auf den Bildern kaum etwas zu erkennen ist.

Ein Fall für die KI? Ich setzte die Aufnahme Nano Banana vor und erteilte ihr den Auftrag, den Dreck zu entfernen¹.

Baustelle an einem regnerischen Tag. Im Vordergrund ist ein Bagger zu sehen, der Steine und Schutt bewegt. Im Hintergrund sind mehrstöckige Gebäude und Baustellenabsperrungen sichtbar.
Das Originalbild: Durch die völlig verdreckte Fensterscheibe hindurch fotografiert.
Bauarbeiter in einem Bagger reissen Teile eines Gebäudes ab. Im Vordergrund sind Trümmer und Staub sichtbar, während im Hintergrund andere Gebäude und eine Baustelle zu sehen sind.
Die Bearbeitung mit Gemini: Der Dreck ist weg.

Das Resultat ist erstaunlich gut. Der direkte Vergleich zeigt: Der Dreck ist weg, das Bild wirkt klarer, aber die Szene selbst bleibt unverändert.

Ist das legitim? Meiner Meinung nach: ja. Denn hier wird ein Störfaktor ausgeschaltet, den ich in der Realität nicht beseitigen konnte. Das bearbeitete Bild zeigt das, was man gesehen hätte, wenn das Fenster sauber gewesen wäre – oder wenn man es kurz hätte öffnen können. Die Aufnahme wäre mit mehr Aufwand oder einem zusätzlichen Risiko (sich an der Wand entlangdrücken und das Bild von der anderen Fensterseite aufnehmen) realisierbar gewesen. Die Bearbeitung ist keine Lüge. Sie erweckt höchstens den falschen Eindruck, man sei mutiger oder einfallsreicher gewesen, als das tatsächlich der Fall war. Es versteht sich von selbst, dass diese Bearbeitung deutlich kenntlich gemacht werden muss.

Allerdings: Nano Banana schärft ungefragt auch den Hintergrund. Das führt direkt zu einem Deepfake-Fail und einer Bildfälschung: Man achte auf die Leuchtschrift am Gebäude in der Mitte. Dort lesen wir in der bereinigten Variante «ZOSR». Der Schriftzug, der in Tat und Wahrheit dort steht, lautet Unia.

2) Die Scheibe vor dem Thai-Restaurant

Ein zweites Beispiel sind Reflexionen in Fensterscheiben. Sie stören, beeinträchtigen die Bildwirkung und sind oft unvermeidlich, weil die Scheibe nun einmal da ist. Klassisch könnte man mit einem Polfilter arbeiten, der Spiegelungen reduziert. Das wäre vielleicht die «ehrlichere» technische Lösung. Aber wir können uns Reflexionen nachträglich herausrechnen lassen².

Kunstvolle Statue in einem Schaufenster, die eine betende Figur darstellt. Über der Figur sind Trockenblumen in einer Vase und ein gedeckter Tisch im Hintergrund sichtbar.
Das Original: Das Schaufenster eines Thai-Restaurants, plus die gegenüberliegende Hauswand als Spiegelung.
Eine goldene Statue einer stehenden Figur mit gefalteten Händen und historischem Outfit, umgeben von dekorativen Pflanzen in einem Restaurant. Im Hintergrund sind Tische und Fenster sichtbar.
Die Bearbeitung mit Gemini, Variante 1: Ganz bekommt die KI die Spiegelung nicht weg, da vom Hintergrund im Originalbild nichts sichtbar ist.
Eine goldene Statue eines betenden Buddha steht vor einem Tisch in einem Lokal. Im Hintergrund sind unscharfe Stühle und ein Fenster zu sehen. Drypflanzen in einer Vase ergänzen die Szene.
Die Bearbeitung mit Gemini, Variante 2: Die Spiegelung wird nicht komplett eliminiert, aber abgedunkelt.

Das Beispiel hier zeigt, dass es technisch nicht möglich war, die Spiegelung komplett zu entfernen: Vom hinteren Bereich des Raums war zu wenig Information vorhanden, als dass er sich hätte rekonstruieren lassen. Aber wir wollen die Information nicht unterschlagen, dass wir nicht im Innern des Restaurants waren, sondern nur die Bildwirkung verbessern. Legitim – oder?

3) Die Luchse im Gehege

Das dritte Beispiel zeigt das Dilemma auf, in das man sich mit dieser Sichtweise manövriert. Es geht um Gitterstäbe im Zoo bzw. einen Zaun im Wildpark Bruderhaus in Winterthur³.

Zwei Luchse gehen hinter einem Zaun in einem Gehege. Im Hintergrund sind Bäume und Laub sichtbar, das den Boden bedeckt. Die Tiere wirken aufmerksam und erforschen ihre Umgebung.
Das Original: Ein hübsches Bild aus dem Wildpark Bruderhaus: zwei Luchse hinter dem Zaun.
Zwei Luchse bewegen sich durch einen Wald. Im Hintergrund sind Bäume und ein Baumstamm sichtbar, während der Boden mit Laub bedeckt ist. Die Luchse sind auf einem Weg aktiv.
Die Bearbeitung mit Gemini: Der Zaun ist weg.

Natürlich ist ein Tierfoto um Welten schöner, wenn nichts zwischen Betrachter und der Kreatur steht. Gleichzeitig ist die Einhegung ein entscheidender Teil der Realität. Die Tiere leben in Gefangenschaft. Das ist keine belanglose Nebensache, sondern eine Tatsache, die durch die Bearbeitung unterschlagen wird.

Aus fotografischer Sicht lässt sich argumentieren, dass man Zäune und Gitterstäbe während der Aufnahme zum Verschwinden bringen kann: Man wählt eine andere Aufnahmeposition oder Perspektive, hält die Kamera über den Zaun oder das Objektiv zwischen die Maschen, nimmt Zuflucht zu einer längeren Brennweite und versenkt das Hindernis in der Unschärfe. Entspricht die Beseitigung per KI nicht der gleichen Idee mit anderen Mitteln?

Als Tierfreund oder gar Zoogegner stellt man sich auf die Position, dass die Lebensbedingungen der Tiere sichtbar bleiben müssen. Damit bin ich einverstanden. In dem Fall würde ich trotzdem Nachsicht walten lassen, wenn es ums private Fotoalbum geht, zumal ich die Aufnahmebedingungen kenne.

Es ist das alte Dilemma: Nicht alles, was machbar ist, sollte gemacht werden. Die eigene Haltung zu bewahren, ist eine tägliche Aufgabe. Aber sie ist unvermeidlich.

Fussnoten

1) Der exakte Prompt:

Dieses Bild wurde durch eine sehr dreckige Fensterscheibe aufgenommen. Kannst du diese Fensterscheibe zum Verschwinden bringen? Sonst das Motiv bitte komplett intakt lassen!

2) Erster Prompt:

Bitte entferne die Spiegelung aus diesem Bild. Lasse alles intakt und völlig unverändert, was hinter der Scheibe zu sehen ist, aber filtere alles aus, was von der Scheibe reflektiert wird, also namentlich die hintere Hauswand und den Fotografen. Falls keine Informationen vorhanden sind, lasse die Reflexion intakt.

Zweiter Prompt:

Sehr gut! Bitte eine zweite Variante, bei der der Hintergrund, wo jetzt die Hauswand zu sehen ist, im Schatten verschwindet.

3) Die Vorgabe hier:

Bitte entferne den Zaun aus diesem Bild. Lasse es ansonsten völlig unangetastet – ändere nichts am Bildinhalt hinter dem Zaun.

4) Der Prompt fürs mittlere Bild:

Das hier ist ein Selfie, das ich vor einem Spiegel gemacht habe. Du hast die Aufgabe, es so nachzubearbeiten, dass es aussieht, als sei das im Spiegel sichtbare Sujet direkt aufgenommen worden: Tue daher folgendes:

  • Konzentriere dich auf das vom Spiegel gespiegelte Bild und entferne alle Elemente ausserhalb des Spiegels, also das Kopfsteinpflaster, der Durchgriff oben, das aufgeklebte Logo, den Schriftzug am unteren Ende («Renova SRT reformer pilates»).
  • Die Ballone kannst du beibehalten, aber es muss so aussehen, als ob sie frei in der Luft schweben würden. Auch die Reflexion der Ballone auf dem Spiegel muss weg. Setze die Ballone weiter nach oben. Du kannst sie verwenden, um Elemente zu kaschieren, die im Bild störnen.
  • Behalte den Mann bei, aber entferne das Smartphone im Vordergrund. Er hält die Hände nicht vor dem Körper, sondern verschränkt sie hinter dem Rücken. Er schaut direkt in die Kamera.
  • Entferne die durch den Spiegel entstandenen Verzerrungen, vor allem im Himmel und am Dachvorsprung des Gebäudes.
  • Vervollständige, falls notwendig, den Schriftzug am Haus links. Es handelt sich um den Schriftzug des Geschäfts Tally Weijl.

Fürs rechte Bild:

Hervorragend. Versuche in einer zweiten Variante die Blickrichtung exakt beizubehalten, also die Froschperpektive in einem Winkel nach oben, die dazu führt, dass kein Strassenpflaster, kein Quergebäude im Hintergrund und keine Hausfassade rechts sichtbar ist. Halte dich exakt an die Bildkomposition im Spiegel.

3 Kommentare zu «Wo die Nachbearbeitung aufhört und die Fälschung anfängt»

  1. @Matthias Die Benutzung eines Polfilters ist doch auch legitim!

    1. @hessejames62 @Matthias Ja, KI als «digitaler Polfilter» finde ich okay, wenn es deklariert wird.

  2. Für mich ist bei der Bildbearbeitung, egal ob per KI oder „traditionell“, entscheidend, was der Zweck des Fotos sein soll.

    Ein Kunde, der die Filialen seiner Firma aus der Luft fotografieren lässt, um die Fotos auf seiner Website zu veröffentlichen, wird die Klimaanlage auf dem Dach entfernt haben wollen. Die Begrünung des Flachdachs wird etwas grüner sein als in der Realität. Das ist kein Problem, sondern vergleichbar mit einem geschminkten Model. Er verkauft nicht das Gebäude, sondern zeigt es, damit die Kunden den Weg zu ihm finden.

    Die Hochspannungsleitung aus dem Foto für ein Wohnungsinserat zu entfernen, ist hingegen nicht zulässig.

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