Zwei Jungen lächeln in die Kamera vor einem schwarzen Hintergrund. Einer trägt ein rotes Shirt, der andere ein blaues. Sie sitzen eng beieinander und wirken freundlich und entspannt.
Microsoft hat das sympathischere Lächeln, während Apple sich mit Brille gern intellektuell gibt (sunojrajan, Pixabay-Lizenz).

Microsoft und Apple, die Stiefzwillinge der Tech-Branche

Vor zwölf Jahren be­haup­tete ich, Apple sei das neue Micro­soft. Ich hatte das in einem Aus­bruch an Zorn über ein miss­ra­tenes Soft­ware­up­date so da­her­ge­sagt. Doch heute, bei nä­he­rer Be­trach­tung, zeigt sich, dass die Ein­schätzung gar nicht mal so absurd war.

Wie Karl Popper schon sagte: «Selbstkritik ist die beste Kritik¹». Darum geht es in meiner Sommerserie: Ich steige ins Archiv, suche nach Blogposts und Artikeln mit steilen Thesen und analysiere, wie gut oder schlecht sie den Test der Zeit bestehen.

Heute: Apple ist das neue Microsoft.

Das behauptete ich am 16. Mai 2014, weil ich mich fürchterlich über OS X Mavericks aufgeregt hatte. Auf meinem Macbook war das neue System langsam und träge. Es strapazierte meine Geduld derart, dass ich zur ultimativen Beleidigung griff. Denn obwohl schon zu Jobs’ Zeiten die Hölle gelegentlich zufror und er via Music Store mit den Windows-Usern anbandelte, war Microsoft all das, was Apple keinesfalls sein wollte: träge, bürokratisch, verstaubt, uncool.

Eine dünne Beweislage

Es war damals mehr emotionaler Ausbruch als fundierte Analyse. Das soll uns aber nicht daran hindern, die Behauptung auf den Prüfstand zu stellen und zu fragen: Wurde Apple zum neuen Microsoft?

Die Probleme mit Mavericks stützten meine Behauptung nicht. Es zeigte sich – und ich habe das im Blogpost ergänzt –, dass ein Festplattenfehler eine der Hauptursachen war. Apple hatte sich durchaus bemüht, die Effizienz durch Features wie App Nap zu verbessern. Gleichwohl war Mavericks ein unausgereiftes Update, das den Leuten Kummer bereitete.

Die Ringe könnten seit zehn Jahren ein Update vertragen – die Apple Watch am Handgelenk einer Sport treibenden Frau (Karolina Grabowska, Pexels-Lizenz).

Das kann und darf man retrospektiv als Warnsignal betrachten. Apple stand in den letzten zwölf Jahren wiederholt wegen mangelnder Softwarequalität oder regelrechter Fortschrittsverweigerung in der Kritik: wegen Stagnation bei der Apple Watch, wegen der rückständigen KI namens Apple Intelligence. Diese Debatte wird seit einem Jahr wieder mit Vehemenz geführt. Schuld ist das mit iOS 26 eingeführte Liquid-Glass-Design. Viele (auch ich) sehen darin eine nutzlose Pseudoerfindung, die Ressourcen bindet, die andernorts dringend notwendig gewesen wären. Als Folge gibt es derzeit Lob, weil iOS 27 Stabilität und Alltagstauglichkeit in den Vordergrund rückt.

Apples Vernachlässigung dauert an

Apple vernachlässigt nicht nur das Betriebssystem, sondern viele der Anwendungsprogramme: Final Cut, Pages, Numbers, Apple Script, die Clips-App, und so weiter. Es wirkte wie ein Hohn, dass Apple im Januar die alten, kaum aufgebesserten Programme zum Creator Studio Bundle schnürte und mit einem Abopreis ausstattete.

Microsoft hat ein ähnliches Problem: Falsche Prioritäten – nämlich Forcierung der KI auf Teufel komm raus – schädigen in den Augen vieler Nutzerinnen und Nutzer das Endprodukt. Die Kritiker brachten das mit einem einzigen Begriff auf den Punkt: Microslop.

Ein Laptop auf einem Tisch zeigt ein Bildbearbeitungsprogramm mit einer Landschaft und einer Person mit Fackel. Daneben steht eine Zimmerpflanze.
KI überall, auch hier in Microsoft Paint: Das ist nicht das, was die Kundschaft wünscht.

Als stehender Begriff für die verantwortungslose Produktgestaltung wird er inzwischen auf der Website microslop.com gewürdigt, und er hat einen Eintrag im Wiktionary. Dieser verrät uns, dass Microslop bereits ungefähr 1988 geprägt wurde und daher nicht nur die jüngste Entwicklung abbildet, sondern auf eine lange Tradition verweist.

Wie Apple rudert auch Microsoft zurück

Analog wie Apple kam auch Microsoft nicht umhin, zurückzurudern: Copilot verschwindet zwar nicht, aber er soll in der Fotoanzeige, den Widgets, Notepad und dem Snipping Tool weniger penetrant in Erscheinung treten. Ausserdem beerdigte der Konzern Pläne, die KI in die Benachrichtigungen und die Einstellungen-App zu integrieren.

Zurück zur Selbstkritik: War mein Titel plumpes Clickbaiting oder – trotz der dünnen Beweislage – eine prophetische Weissagung?

Ich halte die Parallelen für bemerkenswert, auch wenn es mit der Vergleichbarkeit nicht so weit her ist. Denn was die Rückwärtskompatibilität angeht, ist Microsoft um Welten besser als Apple: Auf Windows lassen sich viele uralte Programme noch ausführen; selbst DOS-Programme aus den 1980er-Jahren laufen mit wenig oder keinem Extraaufwand. Apple hingegen schneidet alte Zöpfe rabiat ab. Mit Mac OS 28 wird Rosetta verschwinden. Intel-Programme lassen sich sechs Jahre nach dem Start der Transition zu Apple Silicon nicht mehr verwenden.

Die Ähnlichkeit ist unbestreitbar

Es gibt natürlich viele weitere Unterschiede: Microsoft hat grössere Verpflichtungen den Unternehmen und den Drittherstellern gegenüber und auch beim Geschäftsmodell unterscheiden sich die beiden Konzerne markant.

Ein Mechaniker liegt unter einem Fahrzeug und arbeitet daran. Er trägt einen schwarzen Arbeitsanzug und Handschuhe. Neben ihm sind Werkzeuge und ein Sprühmittel sichtbar.
In der Autowerkstatt ist eine schnelle Reparatur das oberste Gebot. Das gilt nicht für die Entwicklungsabteilung der Tech-Konzerne (Malte Luk, Pexels-Lizenz).

Der springende Punkt ist aber folgender: Ich glaube nicht, dass Tim Cook bei Apple sich bewusst dafür entschieden hat, Microsoft nachzueifern. Es sind vielmehr die Mechanismen des Marketings, die bei beiden Konzernen gleichermassen wirken – und genauso bei Google. Vor einem Jahr legte ich dar, warum Apple viele der Programme vernachlässigt. Auf einen kurzen Nenner gebracht, liegt es daran, dass «niemand jemals dafür befördert wurde, ‹etwas gewartet› oder ‹etwas Kaputtes repariert› zu haben. Nein, es geht darum, einen neuen Dienst zu lancieren und den als Werbeargument für die eigene Karriere zu nutzen».

Fazit also: Die implizite Behauptung, Microsoft sei Vorbild gewesen, stimmt nicht. Wenn man Microsoft als Chiffre für die schlechten Marktpraktiken nimmt, dann trifft der Vergleich ins Schwarze. Es gibt nämlich noch eine zweite, noch eindrücklichere Parallele. Bei beiden Unternehmen ist das Ökosystem inzwischen wichtiger als das Produkt. Vieles, was beide Unternehmen tun, besteht darin, sämtliche Produkte, Dienstleistungen und die Lifestyle-Botschaft so zu verzahnen, dass es für die User keinen Ausgang aus dem walled garden gibt.

Fussnoten

1) Den Nachsatz lassen wir mal weg, weil der für diesen Blogpost nicht relevant ist («Die Kritik durch andere ist eine Notwendigkeit»). Ihr dürft ihn dennoch als Einladung nehmen, mich z.B. via Kommentarfunktion zu kritisieren.

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