Als ich neulich bei Amazon durch das Bücherangebot stöberte, musste ich mich sehr wundern: Bei einem der Bücher war die elektronische Ausgabe teurer als die gedruckte Variante desselben Titels. Der Unterschied war erheblich: Für die Kindle-Fassung hätte man 19,99 Euro bezahlen müssen, während es das Werk in Papierform für 15,33 Euro gab. In Schweizer Franken präsentierte sich die Situation den Erwartungen entsprechend: gedruckt, 14.05 Franken; Kindle, 11.90 Franken.
Manche Leute werden vielleicht vor Jahren aufgehört haben, sich über die Buchbranche und die Preisgestaltung zu wundern. Dennoch erlaube ich mir, hier das Offensichtliche auszusprechen: Kaufen wir einen analogen Titel, bezahlen wir Papier, Druck, Transport und Auslieferung und die Beratung der Buchhändlerin und des Buchhändlers. Bei der digitalen Variante wechseln nur Bits und Bytes den Besitzer, sodass uns in unserer Wahrnehmung nur ein geringer Aufpreis zu dem Betrag abverlangt werden sollte, der für den Inhalt zu veranschlagen ist.
Den Preiszerfall vermeiden
Darum, klar, müsste die digitale Variante immer am preiswertesten sein. Doch diese Erwartung wird enttäuscht. Wie ich früher feststellte, ist das auch bei den Zeitschriften der Fall: Die Preisgestaltung erschliesst sich der geneigten Kundschaft nicht wirklich.

Viele Leserinnen und Leser fühlen sich übers Ohr gehauen, wenn sie für ein E-Book gleich viel bezahlen wie für ein gedrucktes Buch. Das digitale Produkt wirkt immateriell und deshalb weniger wertig.
Es liegt auf der Hand, dass Verlagsmanagerinnen und -manager das anders sehen. Sie wollen verhindern, dass die digitalen Ausgaben das Preisniveau nach unten ziehen. Ob das gerechtfertigt ist, hängt von einem Punkt ab: Entscheidend sind die Kosten, die tatsächlich für die physische Herstellung des gedruckten Buchs im Vergleich zum digitalen Vertrieb anfallen. Ich forschte nach und fand beim Rotpunktverlag eine aufschlussreiche Aufstellung. Sie zeigt die Anteile für ein Buch, das im Laden 24 Euro kostet und für das in Deutschland nach Abzug der Umsatzsteuer 22,43 Euro netto übrig bleiben.
Ich fasse die Angaben zusammen und ergänze die Spalte zum E-Book, in der ich (für mich vernünftige) Annahmen¹ treffe:
| Kategorie | E-Book | |
|---|---|---|
| Autorin oder Autor | 2,24 | 2,24 |
| Lektorat und Korrektorat | 0,60 | 0,60 |
| Gestaltung und Satz | 0,65 | 0,30 |
| Presse und Werbung | 1,15 | 1,10 |
| Buchhandlung bzw. digitaler Handel | 7,85 | 4,50 |
| Druckerei und Buchbinderei | 3,69 | 0,00 |
| Verlag | 2,81 | 2,60 |
| Vertrieb & Lager | 1,20 | 0,00 |
| Grosshandel | 2,24 | 0,00 |
Nach dieser Rechnung müsste das E-Book gerade mal gut halb so teuer sein wie das gedruckte Buch (11,34 Euro). Interessant wäre es an dieser Stelle zu wissen, wo das Extrageld hängen bleibt, wenn das elektronische Buch fast gleich teuer verkauft wird wie das gedruckte. Es würde mich nicht wundern, wenn sich vor allem die Verlagsmarge erhöht – aber empörend fände ich es trotzdem. Fair fände ich eine Drittelung: je ein Teil des Kuchenstücks für Verlage und Autorinnen und Autoren, und einer in Form einer Preisreduktion für Käuferinnen und Käufer. Das ergäbe einen Preis von 18,73 Euro fürs E-Book – fühlt sich richtig an für mich.
Die Rechnung zeigt etwas anderes: Wenn es den Verlagen daran gelegen ist, einen Preiszerfall im digitalen Markt zu verhindern, dann könnten sie bei der rechten Spalte den Posten «hochwertige Digitalproduktion» einfügen.
Warum nicht mehr Liebe für die Digitalproduktion?
Statt nur ein digitales Abbild des gedruckten Buchs zu liefern, könnte die digitale Fassung einen Zusatznutzen bieten. Funktionen, die im Papierformat nicht möglich sind. Einige Ideen:
- Kontext per Fingertipp
In Romanen wären Figuren, Orte oder Begriffe im Text verlinkt. Einmal antippen und eine Erklärung erscheint. Das würde Leuten wie mir, die manchmal beim Personal die Übersicht verlieren, auf die Sprünge helfen. - Spoilerfreie Informationen
Die Buchsoftware weiss, an welcher Stelle der Geschichte der Leser oder die Leserin sich befindet, und zeigt Zusammenfassungen oder Hinweise an, die beim Verständnis helfen, aber den weiteren Verlauf nicht vorwegnehmen. - Dynamische Fussnoten
Statt statischer Anmerkungen gäbe es interaktive Ergänzungen, die man bei Bedarf einblendet. Das wäre hilfreich bei Sachbüchern oder kommentierten Ausgaben, aber ich könnte mir auch bei - Hintergrundwissen
Bei manchen Büchern, insbesondere bei Science-Fiction-Storys oder Tech-Thrillern, fragen wir uns, wie realistisch die geschilderten Technologien, Konzepte, Methoden oder Ideen sind. Eingebaute Exkurse zu solchen Passagen könnten auch Einordnungen zu historischen Ereignissen oder Personen liefern. - Ein eingebautes «Making-of»
Manche Autoren fügen ihrem Werk in einem Nachwort Erklärungen hinzu. Nett, aber wie wäre es, diese parallel zur Geschichte zu zeigen?
Natürlich sollten diese Zusatzinhalte so integriert sein, dass man sie nach Lust und Laune geniessen oder ignorieren kann. Nicht jede Geschichte gewinnt durch Extras und nicht alle Leserinnen und Leser wollen damit behelligt werden. Mir gefiele das in manchen Fällen und in anderen nicht. Es könnte auf alle Fälle ein Anreiz für einen zweiten Lektüredurchgang sein: Dann ergäbe sich eine zusätzliche Dimension zum Werk. Aber klar: Verlage verkaufen lieber ein weiteres Buch, als dass sie den Leuten das Nochmals-Lesen schmackhaft machen.
Das E-Book, neu und interaktiv gedacht
Wenn wir die interaktiven Möglichkeiten weiterdenken, dann wäre ein virtueller Lesebegleiter eine nützliche und spannende Sache: eine KI, die Fragen zum Buch beantwortet und hilft, Figuren, Motive und Zusammenhänge zu verstehen. Das wäre ein Anreiz, sich an Bücher oder Autoren heranzuwagen, von denen wir uns unbegleitet überfordert fühlen würden. Es böte auf alle Fälle das Potenzial, Literaturtheorie und Interpretationshilfen mit dem Originaltext zu verbinden.
PS: Amazon hat mit der Kindle AI ein solches System in der Mache. Für Leute, die finden, die KI müsse sich nicht in die Domäne der Literatur ausdehnen, könnte so ein FAQ natürlich auch klassisch kuratiert und nicht interaktiv angeboten werden.
Fazit: E-Books sind heute nichts weiter als digitale Kopien gedruckter Bücher. Selbst wenn uns die Preisdiskussion vom Anfang nicht tangieren sollte, liegt hier ein Potenzial eines digitalen Mediums unverständlicherweise brach.
Fussnoten
1) Natürlich kann man über meine Präsuppositionen geteilter Meinung sein; insbesondere beim Aufwand für den Verlag. Macht es weniger Aufwand, ein digitales Buch zu produzieren? Ich denke ja, weil die Drucklogistik wegfällt und sich Bücher digital leichter zum exakt richtigen Zeitpunkt veröffentlichen lassen. Der Anteil des digitalen Handels müsste nach Plattform variieren: Wenn ich mein E-Book in einem Buchladen mit Beratung kaufe, dann zahle ich gern mehr als auf einer anonymen Plattform, auf der alles vollautomatisch abläuft. Es geht mir jedoch nicht um den Centbetrag hinter dem Komma, sondern um die Grössenordnung. ↩