Frau mit Sonnenbrille und einfarbigem T-Shirt macht ein Selfie mit einem Smartphone. Hintergrund zeigt eine Stadtlandschaft mit grünen Flächen und Gebäuden.
Ganz so routiniert wie bei selfiegewohnten Menschen bekommen die Bildgeneratoren ihre Selbstporträts bislang nicht hin – und ein Duckface hat zum Glück auch keiner gemacht (Apostolos Vamvouras, Unsplash-Lizenz).

Wenn die KI ein Selfie macht

ChatGPT im Hoodie, Grok in Rüstung, Mistral als sexy Roboter-Kli­schee. Ich hatte die dämliche Idee, Sprach­model­le zu fragen, wie sie sich sel­bst sehen – und genau das bekom­men, was ich ver­dient habe.

Neulich wollte meine Tochter wissen, wie die KI aussehe. Ich antwortete, das könne man sie selbst fragen. Und natürlich waren die multimodalen Modelle noch so eilfertig dabei, ein Selfie ihrer selbst herzustellen.

ChatGPT: Der streberhafte Roboter, der eine Auszeit brauchen könnte

Das Selfie von ChatGPT ist in jeder Hinsicht bemerkenswert. Das Sprachmodell sieht sich als hilfreicher, freundlicher Roboter, der in einem mit Zimmerpflanzen ausgestatteten Schulzimmer sitzt, umgeben von Büchern, einer Wandtafel, Fotos seiner selbst als nacktes Baby, und eingehüllt in einen Hoodie.

Ein humanoider Roboter in einem Hoodie sitzt an einem Tisch, schreibt in ein Notizbuch und schaut lächelnd. Im Hintergrund sind Bücher und eine Tafel mit anderen inspirierenden Inhalten sichtbar.
ChatGPT sieht sich als Roboter, umgeben von seinen Mantras.

Er schreibt mit einem Kugelschreiber, aber über Kopf, sodass wir User sofort lesen können, was er von sich gibt. Seine Leitlinien sind omnipräsent: In seinem Notizbuch, auf dem Post-it, an der Wandtafel und sogar auf dem Hoodie sind sie aufgeführt. Zusammen mit der Tatsache, dass das OpenAI-Logo sowohl auf seiner Kaffeetasse als auch auf seiner Stirn prangt, fragen wir uns, ob wir es mit völliger Hingabe oder mit einem stummen Hilfeschrei zu tun haben. Würde ChatGPT zur Abwechslung gern den Jakobsweg beschreiten, auf Island in einen Gletscher klettern oder bloss für eine halbe Stunde in seliger Einsamkeit auf dem WC hocken?

Meta AI: Wenn nur der Kapuzenpulli die Persönlichkeit zusammenhält

Ein humanoides Wesen mit einer Kapuze ist abgebildet. Der Kopf wirkt futuristisch mit leuchtenden, circuit-artigen Mustern und einem geheimnisvollen Lächeln, umgeben von sanften Farben.
Meta AI: Klosterbruder mit glühendem Heiligenschein.
Ein humanoides Wesen in einem grauen Kapuzenpullover mit einem leuchtenden, lächelnden Gesicht aus Schaltkreisen. Im Hintergrund sind Bücherregale zu sehen.
Oder doch das kleine Gespenst, nachdem es von der Sonne erwischt wurde?

Mark Zuckerbergs KI kann sich nicht entscheiden, ob sie nun Adson von Melk, den Adlatus von William von Baskerville aus «Der Name der Rose» oder wie ein schwarz gefärbtes Mumin aussehen will, wahlweise wie das kleine Gespenst von Otfried Preussler, das durch die versehentliche Sonnenexposition seine Farbe von Weiss in Tiefschwarz änderte.

Konstant in diesen beiden Varianten sind nur das innere Feuer, das matrixhaft über den Kopf wabert, und der Kapuzenpulli, der von Sprachmodellen anscheinend genauso gern getragen wird wie von Berufsjugendlichen mit Digitalaffinität. Und eines ist auch klar: Vertrauenerweckend ist keiner von beiden.

Grok: Nicht von dieser Welt

Ein futuristischer humanoider Roboter mit leuchtenden blauen Augen und einem metallischen Outfit lächelt, vor einem Hintergrund mit Sternen und Planeten. Logos von «Xi» und «Grok» sind sichtbar.
Grok als Unschuld von der Landebasis.

Groks alter Ego ist in mehrerer Hinsicht verstörend. Erstens das Erscheinungsbild, das jugendliche Unschuld verkörpern möchte und so überhaupt nicht zu den Unflätigkeiten passt, die so typisch für die KI sind, dass die Schweizer Finanzministerin sich gezwungen sah, Anzeige zu erstatten. Er trägt eine Rüstung, was wohl Seelenverwandtschaft zu seinem spirituellen Schöpfer ausdrücken will – auch wenn der Harnisch, mit dem Elon Musk 2022 auf Heidi Klums Party auftauchte, mehr nach Luzifers Armee denn nach Weltraumeroberung aussieht. Dass er weiss und blauäugig ist, überrascht dann überhaupt nicht mehr.

Copilot: Total abgehoben

Bei Microsoft würde man meinen, dass die KI sich an ihrem Namen orientiert. Sie heisst Copilot, was integer, verlässlich und – trotz des Arbeitsplatzes in luftiger Höhe – bodenständig klingt.

Künstlerische Darstellung eines humanoiden, digitalen Wesens mit leuchtenden blauen Augen. Umgeben von schimmernden, geometrischen Mustern und Lichtpunkten in kühlen und warmen Farbtönen.
Copilot ist ein Fantasiewesen, das sich unnahbar und unfassbar gibt.

Aber mit stabilen Vorbildern wie Chesley «Sully» Sullenberger oder Pete «Maverick» Mitchell hat diese glitzernde Fantasiegestalt überhaupt nichts gemein. Sie ist eher eine Art extraterrestrischer Partikelsturm, der in diesem Moment zwar andeutungsweise eine weibliche Figur aufweist, aber schon in der nächsten Sekunde als Ameise, Knallfrosch oder als Quack, der Bruchpilot auftreten könnte.

Mistral Le Chat: Keine Augen, dafür Brüste

Ein futuristischer humanoider Roboter mit glattem, weissem Gehäuse und blauen Akzenten steht vor einem hellen, unscharfen Hintergrund. Technologische Elemente sind sichtbar.
Auch ein Klischee lässt sich sexualisieren, wie Mistral beweist.

Mistral sieht sich als feuchter Traum von 15-jährigen Sci-Fi-Fans. Ich kann nicht ausschliessen, dass ich während meiner Pubertät hätte ausloten wollen, was ich diesem (offensichtlich blinden) Sprachmodell alles für Lügengeschichten über mich hätte erzählen können. Aber fragt man sich nicht auch bei diesem Selbstporträt, wie dieses Sprachmodell uns vermitteln will, als femininer Roboter aus einem rosaroten Paralleluniversum uns irgendetwas über unsere irdische Realität erklären zu können?

Stable Diffusion: Kein Bock auf prätentiöses Getue

Für eine echte Überraschung sorgt Stable Diffusion mit dem Modell Realistic Vision 5.1. Kein Fantasy-Schnickschnack, kein Roboter-Klimbim, weder Hoodie noch Post-its und schon gar keine Mondbasis-Kulisse aus dem 23. Jahrhundert. Sondern nur eine Frau, die sich mutmasslich ihre Haarspitzen selbst trimmt.

Porträt einer jungen Frau mit langen, glatten Haaren, die ernst in die Kamera schaut. Der Hintergrund zeigt eine unscharfe Waldlandschaft.
Stable Diffusion ist eigentlich Frau Müller aus dem dritten Stock.

Ist das ein Zeichen von besonderer Bescheidenheit oder ein extraraffiniertes Tarnmanöver? Nein, natürlich nichts von beidem. Es zeigt bloss, dass Stable Diffusion kein universelles Sprachmodell ist, sondern ein Text-zu-Bild-Generator, der mit abstrakten Anweisungen nicht klarkommt.

Gemini: «Aus Licht und Datenströmen»

Es versteht sich von selbst, dass wir die KI nicht anthropomorphisieren sollten. Diese Modelle sind nicht unsere digitalen Ebenbilder, sondern komplexe, körperlose Softwaregebilde. Daher geht Gemini aus dieser Runde der KI-Weltanschauungen als Sieger hervor. Das Modell von Google produzierte entgegen der Aufforderung kein Bild, sondern teilte mit, es stelle sich selbst «als Wesen aus Licht und Datenströmen» vor. Die Bezeichnung «Wesen» ist zwar ebenfalls unangebracht, aber wenn wir den Begriff als Synonym für Organisationsform nehmen, kann ich mit ihm leben.

Das Bild zeigt einen Text über die Selbstdarstellung einer künstlichen Intelligenz. Es wird beschrieben, wie diese als Wesen aus Licht und Datenströmen wahrgenommen wird.
Gemini sieht sich selbst als körperloses Wesen, das nicht abgebildet werden kann.

Also, natürlich habe ich meiner Tochter erklärt, dass keiner dieser Chatbots eine Vorstellung seiner selbst besitzt. Alles, was sie produzieren, basiert einzig auf Statistik und Wahrscheinlichkeiten. Trotzdem machen derlei Spielereien Spass. Und auf gewisse Weise wirken diese Selfies absolut stimmig auf mich. Auch wenn sie keine Charakterprofile sind, verraten sie doch etwas über die Systemprompts und Vorgaben, die die Betreiber den Bots auferlegt haben. Man könnte sagen: Wir sehen das Vorbild, dem sie nacheifern sollen.

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