Ich mag Stadtführungen. Einheimische Menschen – oder solche, die mit einem Ort gut vertraut sind – führen einen durch «ihren» Ort. Erfahrene Fremdenführerinnen und Fremdenführer (uff, gibt es keine gute moderne Bezeichnung für diesen Beruf?) verbinden historische Ausführungen mit Informationen zu aktuellen gesellschaftlichen und sozialen Aspekten und Ereignissen. Die Mutigen unter ihnen klammern die Politik nicht aus, sind sich aber des Risikos bewusst, dass sie eine Kulturkampfdebatte unter den Gästen auslösen könnten. Der Guide, der uns bei unseren Frühlingsferien zur irischen Insel Inis Oírr führte, hatte davor jedenfalls keine Skrupel und teilte auch den beiden Gästen aus dem US-Bundesstaat Texas mit, dass man in seinem Land weiterhin an der «No Kings»-Devise festhalten wolle.
Also kurz: Eine spannende Variante des Lehrerberufs, bei der man ein feines Gespür für die Balance von Informationsvermittlung und Unterhaltung braucht, und bei der man auch den Einheimischen etwas beibringen kann. Ich habe mit Gästen aus dem Ausland auch hier in Winterthur selbst jede Menge gelernt.
Eine Möglichkeit des modernen Lebens besteht darin, den menschlichen durch einen virtuellen Fremdenführer zu ersetzen. Wir haben diese Methode in besagten Frühlingsferien zweimal ausprobiert. Der Grund war ein junges Familienmitglied, das kein fliessendes Englisch versteht. Es gibt in den meisten Städten zwar auch Touren auf Deutsch. Doch die waren bei unserem Besuch schon ausgebucht.
Per KI durch Galway und Dublin

Was taugen die Ersatz-Apps? Wir haben zwei solche Touren gebucht: Erstens Galway Führung durch Irlands älteste Hafenstadt von Lialo.com, die direkt im Browser läuft. Zweitens Dublin an einem Tag. Dieses Angebot wird über die City-App-Tour-App wahrgenommen, die es fürs iPhone und für Android gibt.
In der Theorie klingt es attraktiv, sich vom Handy durch die Gegend geleiten zu lassen. Man kann jederzeit Pausen einlegen, das Tempo selbst bestimmen, an einzelnen Orten länger bleiben und (vermeintlich) uninteressante Stopps auslassen. In der Praxis werden die getesteten Angebote den Erwartungen leider nicht gerecht. Die Tour durch Galway ist einigermassen okay, auch wenn sie das gleiche Problem hatte wie die zweite Tour: Die Sprachausgabe ist KI-generiert, und das trifft mutmasslich ebenso auf die Übersetzungen des dargebotenen Textes zu.
Das entpuppt sich bedauerlicherweise als wirklich schlechter und dummer Einsatz von künstlicher Intelligenz: Es zerstört den Reiz solcher Führungen, wie ich ihn eingangs erwähnte. Auch wenn das hier etwas kolonialistisch klingen mag, braucht es die «Persönlichkeit des Einheimischen» – egal, ob echter Kenner oder Person mit angelesenem Wissen, extrovertiert oder introvertiert, als Touristin oder Tourist ist das eine Gelegenheit für einen menschlichen Kontakt, den es sonst nicht ohne Weiteres gibt. Das geht durch die KI völlig verloren. Selbst wenn im Originaltext noch Persönlichkeit vorhanden war, verschwindet sie durch Übersetzung und monotone KI-Rezitation.
Hat sich den Schmarren keiner vorher angehört?
Bei der Galway-Führung dürfte die Sprachausgabe von Bottalk stammen. Die ist einigermassen okay, wenngleich das Deutsch mit einem leichten US-amerikanischen Akzent gefärbt ist. Das trägt auch in Irland nicht zum Lokalkolorit bei. Die Sprachausgabe der City-App-Tour-App entpuppte sich als bare Katastrophe. Die Stimme hatte Mühe mit Ordinaladverbien und sprach andere Zahlen oft englisch aus. Der Punkt in Angaben wie dem «19. Jahrhundert» wurde als Satzende interpretiert, weswegen die Stimme jeweils absetzte und für den Rest des Satzes neuen Anlauf holte. Das war nicht nur unerfreulich, sondern dilettantisch.
Ich frage mich, ob sich der Anbieter das Produkt, das er hier verkauft, jemals selbst angehört hat. Ein exemplarisches Beispiel für den schlimmstmöglichen Umgang mit KI: Man lässt etwas generieren und ist zu faul, es zu kontrollieren und zu verbessern. Hauptsache Content, Qualität egal.
Ein Detail am Rand: Auch im (grossartigen) Irish Emigration Museum ist die deutsche Audioführung KI-generiert. Dort stört es weniger, weil die Ansagen nur als kurze Einleitungen zu einzelnen Räumen dienen. Trotzdem wäre es natürlich schöner, wenn auch hier ein echter Mensch am Werk gewesen wäre. Also, falls jemand einen Reiseführer für Winterthur macht und einen braucht, der Texte in (mir vertrauten) Sprachen einspricht, mache ich das gern – für einen bescheidenen Obolus, notabene.
Veraltete Modalitäten, viel Techno-Stress
Um den Verriss abzurunden, noch etwas Kritik am Preismodell. Die Apps verwenden die Modalitäten klassischer Führungen: Man bucht eine Tour für einen bestimmten Termin und kann sie auch nur an diesem Datum (oder vielleicht noch am folgenden Tag) abrufen. Das ist wirklich unsinnig. Der Vorteil der virtuellen Tour liegt gerade in der Flexibilität. Ich sollte die Tour abhalten können, wann es mir in meinen Ferien am besten passt. Und was spricht dagegen, eine Audiotour wie ein Hörbuch zu behandeln? Falls ich Lust habe, sollte ich sie auch fünf Jahre später noch einmal absolvieren können. Wenn es beim ersten Mal Spass gemacht hat, würde ich mir der Abwechslung und Aktualität wegen natürlich eine andere Runde gönnen.
Letzter Minuspunkt: die Technik. Die City-App-Tour-App weist einen zwar mit einem «Pling» darauf hin, wenn man an einem Punkt ankommt, an dem es etwas zu hören gibt. Dennoch muss man selbst durch die Stadt navigieren, auf die Technik und im Familienkontext darauf achten, dass alle die Tour hören können. Dazu müssen wir entweder die Audio-Share-Funktion des iPhones benutzen oder die Tour mehrfach kaufen (im Idealfall ohne Aufpreis), auf allen beteiligten Smartphones aktivieren und zusehen, dass alle das Richtige zu hören bekommen. Mein Fazit: Das ist das Gegenteil von Entspannung.
Natürlich liessen sich einige der Mankos ausbügeln. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass liebevoll und gut gemachte Audioführungen tatsächlich Spass machen würden. Aber bislang scheint es die nicht zu geben. (Startup-Idee, anyone?!) Darum gilt für mich auf weiteres: Ein menschlicher Guide ist die bessere Wahl. Künftig werden wir die Touren garantiert rechtzeitig buchen!
Beitragsbild: The Gaiety Theatre ist eine der Stationen auf der Dublin-Tour der City-App-Tour-App.
Ach nee … lass mal. Wir haben das auch schon einmal ausprobiert. Keine Ahnung mit welcher App. Ist aber auch egal. War jedenfalls schlecht. Wir sind ziemliche Führungsjunkies aber bitte mit echten Menschen. Das macht sonst keinen Spaß. Außerdem lernt man dann keine anderen Menschen kennen.
Unser Favorit sind aber immer noch Foodtouren, die wir versuchen zusätzlich zu buchen. Wir haben da echt schon sehr viele nette Menschen kennengelernt.