Natürlich darf man sich die Sinnfrage stellen: Warum könnte es gut sein, Android-Apps mit einem Desktop-Betriebssystem auszuführen? Die kurze Antwort lautet: Darum!
Oder etwas weniger kurz, weil Nerds sich seit jeher dafür einsetzen, dass alles überall läuft. Das plastischste Beispiel dafür ist das Spiel Doom, das auf Thermometern, elektronischen Schwangerschaftstests und weiss der Geier wo sonst noch läuft.
Triftige Gründe sind auch Nostalgie, Neugierde und manchmal sogar die richtige Arbeit. Es sind Situationen denkbar, bei denen eine App am Desktop nützlich wäre, die es für Windows und Mac OS nicht gibt.
Vor drei Jahren legte ich dar, wie sich Android-Apps unter Windows ausführen lassen. Das Windows Subsystem for Android funktioniert derzeit noch, obwohl Microsoft es vor zwei Jahren abkündigte. Taugt Android Studio als Ersatz? Das ist eine freie Entwicklungsumgebung von Google, die nicht nur für Windows, sondern ebenfalls für Mac und Linux existiert.
Sie ist für die Entwicklung von Android-Apps gedacht – und es könnte durchaus sein, dass wir dank Vibe-Coding dieses Feld unverbindlich erforschen möchten. Wir können die Anwendung indes ohne derlei Hintergedanken zum Betrieb existierender Apps benutzen.

Ein virtuelles Android-Telefon einrichten
Das funktioniert folgendermassen: Nach der Installation der Anwendung klicken wir auf der Startseite auf den Link More Actions und wählen Virtual Device Manager. Über das Plus-Symbol richten wir uns ein emuliertes Gerät ein, auf dem wir unsere Apps betreiben. Nebst Telefonen stehen Tablets, Wearables, Fernseher und Autos zur Verfügung. Wenn wir die Checkbox Show obsolete device profiles anklicken, dürfen wir antike Geräte einrichten.

Zwischenbemerkung dazu: Auf diesem Weg sind wir in der Lage, die alte Version einer App zum Leben zu erwecken. Ich hatte neulich dieses Bedürfnis, weil eines meiner Lieblingsspiele («Minion Rush») durch ein Update komplett verhunzt wurde. Die alten Versionen sind mit den neuen Geräten nicht mehr kompatibel, darum bietet sich dieser Weg an. Mehr dazu zu diesem Aspekt am Ende des Beitrags.
Bei den aktuellen Geräten gibt es diverse Pixel-Modelle zur Auswahl, aber für uns Nicht-Entwickler bietet sich eine der generischen Varianten an, z.B. Medium Phone oder Resizable (Experimental). Ich empfehle indes, ein Google-Modell zu wählen. Meine Empfehlung ist das Pixel 10 Pro XL. Warum, erkläre ich weiter unten. Haben wir diese Entscheidung getroffen, klicken wir unten auf Next und dürfen als Nächstes die Version des Betriebssystems angeben (System Image).
Alte Modelle virtuell wiederbeleben
Die Standard-Vorauswahl ist okay für ein aktuelles virtuelles Gerät, ansonsten können wir wiederum die Option Show unsupported system images ankreuzen und bei API eine ältere Android-Version einstellen. Dort geht die Historie bis zu Android 4.1 alias Jelly Bean vom Juni 2012 zurück. Dann klicken wir auf Finish, woraufhin die notwendigen Daten heruntergeladen werden und der Emulator im Device Manager zur Verfügung steht. Er wird per Klick auf den Start-Knopf in Betrieb versetzt.

Nach einer gewissen Aufwärm- bzw. Aufstartzeit steht das «Gerät» parat. Nebenbei verrät die Titelleiste, dass wir es mit einem alten Bekannten zu tun haben: Die Emulation erfolgt via Qemu. Das ist ein Virtualisierungssystem, von dem hier im Blog schon öfter die Rede war¹.
Neben dem Fenster mit dem Android-Homescreen gibt es eine Leiste, über die wir die Lautstärke regeln, einen virtuellen Zurück– und Home-Knopf zur Verfügung haben, das Gerät zwischen Hoch- und Querformat umschalten und Screenshots anfertigen können. Über den Knopf Display Mode schalten wir (beim modernen Gerät) zwischen Telefon, Foldable und Tablet um. Um Apps auf dem Mac oder unter Windows zu betreiben, bietet sich ein Tablet an – dann steht uns ein bequemes Querbild zur Verfügung.
Über die Einstellungen stehen uns viele weitere Optionen zur Verfügung. Wir können den Ladestand des virtuellen Akkus einstellen, Kamerabilder übermitteln, virtuelle Sensoren aktivieren und vieles mehr. Diese Dinge sind für Entwicklerinnen relevant, aber ich schliesse nicht aus, dass Computerjournalistinnen die Gelegenheit ergreifen, Dinge auszuprobieren.
Wie kommen Apps in den Emulator?
Entscheidende Frage ist natürlich: Wie kommen Apps aufs Gerät? Das hängt vom ausgewählten virtuellen Gerät ab. Bei den generischen Modellen sind einige Apps von Google vorinstalliert, doch der Play Store zählt nicht dazu. In diesen Fällen richten wir Programme manuell ein², doch natürlich ist es praktischer, das über den App-Store tun zu können – darum oben die Empfehlung, das Pixel 10 Pro XL zu wählen, bei dem dieser Weg offen steht.
Es funktioniert hier genauso, wie bei einem richtigen Telefon: Wir melden uns mit unserem Google-Account an, navigieren durch den Store und klicken bei der gewünschten App auf den Installationsknopf. Ein Test mit der E-Paper-App des Tagesanzeigers verläuft reibungslos. Und ja, es liesse sich mit weniger Aufwand die Browser-Variante nutzen. Aber natürlich gibt es viele Anwendungsfälle, bei denen unter Mac, Windows und Linux kein Ersatz für die mobile App greifbar ist. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich auf dem Mac auch iOS-Anwendungen ausführen lassen.
Praktisch nicht nur für Journis und Bloggerinnen
Fazit: Für Nicht-Nerds ist das hier mutmasslich keine Weltsensation. Ich finde es praktisch, zumal ich tatsächlich in die Verlegenheit komme, ab und zu Android-Apps testen zu müssen. Ich habe ein echtes Testgerät zur Verfügung, aber das ist aus Gründen inzwischen öfter anderweitig belegt. Doch auch für Leute, die keine Computerjournalistinnen und Tech-Blogger sind, kann sich eine einfache Ausweichmöglichkeit ergeben. Und wenn es nur darum geht, an einer Schulung eine Android-App direkt ab Laptop-Bildschirm vorzuführen.
Bevor ihr fragt: Ja, es ist möglich, mehrere virtuelle Geräte parallel auszuführen. Und natürlich wollt ihr wissen, was aus meinem «Minion Rush»-Experiment wurde. Das emulierte Nexus-Gerät entpuppte sich als reichlich instabil. Obendrein entpuppte es sich als schwierig, ein passendes APK aufzutreiben. Anscheinend setzte Gameloft einiges daran, diese aus dem Netz zu entfernen. Ich fand eine seltsame Variante namens «Minion Rush on Skate», die ich zum Laufen brachte, aber nicht empfehlen würde.

Manche kommerzielle Apps verweigern sich dem Emulator
Wir müssen nicht diskutieren, dass diese Geschichtsklitterung inakzeptabel ist: Alte Spiele und Versionen gehören zum Kulturgut, und müssen erhalten bleiben.
Zu meinem grössten Missmut habe ich es nicht geschafft, auch nur eine der verfügbaren APK-Varianten zum Laufen zu bringen. Fehlermeldungen gab es unterschiedliche: Install_failed_oder_SDK und Install-Failed_no_matching_ABIS waren die beiden häufigsten. Beide dürften auf eine Inkompatibilität hinweisen; im letzten Fall passt mutmasslich die Prozessor-Architektur nicht zum Emulator. Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, gibt es in Android Studio die Befehle File > Profile or Debug APK und Build > Analyse APK. Mit letzterem öffnen wir ein Programmpaket und finden in der Dateistruktur unter File > Lib Hinweise, für welche Plattform die App entwickelt wurde. Ausserdem zeigt die Entwicklerumgebung an, dass Elemente zur Ausführung fehlen und bietet deren Installation an: Anzeige Install missing platform and fix project.
Leider führte mich nicht einmal diese Methode zum Ziel. Dafür gibt es meines Erachtens zwei Gründe:
- Erstens wird auf Apple-Silicon-Prozessoren (M1 bis Mx) bei System Images nur Google APIs ARM 64 v8a unterstützt. Andere Systemabbilder, die für ältere Apps besser geeignet sein könnten, laufen nicht. Es wäre einen Versuch wert, das Experiment unter Windows mit Intel zu wiederholen. Aber dazu fehlte mir bislang die Zeit.
- Ferner ergaben Nachforschungen, dass viele, gerade kommerzielle Apps, eine Art Kopierschutz eingebaut haben, mit dem die Ausführung im Emulator verhindert wird (Stichwort: Play Integrity API). Darum muss ich mich an dieser Stelle geschlagen geben. Nicht jedoch, ohne ein Wort des Protests gegen derlei Nutzer- und komsumentinnenfeindliche Manöver. Gameloft, das ist unsinniger Kontrollwahn!
Fussnoten
1) Wie Windows aufs iPad kommt, Eine geballte Ladung PC-Nostalgie direkt im Browser, Die schnellste Methode, um Windows-Programme auf dem Mac auszuführen ↩
2) Bei virtuellen Geräten ohne Play Store weichen wir auf einen Store wie apkpure.com aus, laden dort die gewünschte APK-Datei herunter und ziehen sie aufs Fenster des Emulators. Es kann sein, dass die App dadurch direkt startet. Falls nicht, liegt das mutmasslich daran, dass die Google-Play-Dienste fehlen. Diese liessen sich vielleicht manuell nachrüsten, aber mir scheint der Aufwand zu gross. Ich empfehle diesen Weg daher nur für Experimente, bei denen explizit darauf geachtet werden soll, welche Apps ohne Play-Store-Dienste laufen. ↩