
Versehentliches Ragebaiting auf Facebook. Anfangs Woche veröffentlichte ich auf Facebook einen Beitrag. Es ging um einen Kleiderladen namens «Clochard», den ich bis dahin nicht kannte. In ein paar saloppen Worten erklärte ich, warum der Name doof ist. Oder, wie ich es ausdrückte: «eine ignorante Form der Wohlstandsverwahrlosung». Respektive eine «besondere Form des Zynismus der Kundschaft und der Wohnungslosen gegenüber».
Ich machte mir die Mühe, mein Urteil zu erklären: Ein Clochard ist ein Obdachloser, ein Mensch, der zu wenig Mittel für ein würdiges, erträgliches Leben hat. Er schläft unter Brücken oder in Hauseingängen, muss sich um Nahrung bemühen, ist vielleicht alkoholkrank oder drogenabhängig. Auf alle Fälle zählt es nicht zu seinen obersten Prioritäten, sich neu und schick einzukleiden. Wikipedia erklärt zu dieser Bezeichnung, sie sei romantisierend. Sie suggeriert Freiheit, wo tatsächlich Elend herrscht.
Anfänglich meldeten sich Menschen aus meinem virtuellen Bekanntenkreis zu Wort: Einige meiner Facebook-Freunde stimmten mit mir überein. Andere teilten mir mit, es gebe den Laden seit dreissig Jahren bzw. gefühlt seit ewig. Jemand verbindet Jugenderinnerungen mit dem «Clochard» und sieht es darum nicht so eng. Implizit hörte ich bei diesen Freunden und Freundinnen die Ansicht heraus, es handle sich hier bloss um einen Namen, dem keine grössere Bedeutung beizumessen sei. Natürlich völlig okay.
Viralität und Toxizität gehen Hand in Hand
Dann zog der Beitrag weitere Kreise. Immer mehr mir unbekannte Leute kommentierten. An diesem Moment kippte die Tonalität – mit einer Ausnahme: Jemand von Clochard machte sich die Mühe, einen erklärenden und netten Kommentar abzusetzen¹.
Abgesehen davon wurden die Äusserungen kürzer und dafür beleidigender: «Was für eine verquirlte Scheisse!», «Geh leise heulen», «Wo sind Sie den (sic) falsch abgebogen?», «Besch en Depp!», «Sockenschuss» und so weiter. Ob ich keine anderen Probleme hätte, war öfter zu lesen. Und unvermeidlich ist schliesslich der Angriff auf meinen Arbeitgeber: «Tages-Anzeiger Schreiberling halt🤣».
Dabei sollte für einen Blinden mit Krückstock – nicht diskriminierend gemeint! – klar sein, dass dies ein spontaner Meinungsbeitrag war, der keine Ansprüche an eine solide Recherche oder eine differenzierte Argumentation stellt. Im journalistischen Kontext hätte ich zumindest beim «Clochard» ein Statement eingeholt.
227’215 Prozent mehr Aufrufe als meine anderen Facebook-Posts

Die bösen Kommentare kratzen mich nicht. Aber sie zeigen auf exemplarische Weise, wie sinnlos Facebook geworden ist. Heute präsentiert mir Facebook ein sogenanntes «Insight»: Der Beitrag hat fast 45’000 Aufrufe, erreichte 28’000 Leute (98,5 Prozent Nicht-Follower). Er brachte geschätzte Einnahmen von null Dollar (kein Wunder, da ich an keinem Monetarisierungsprogramm teilnehme). Niemand wollte deswegen neu mit mir befreundet sein. Und Facebook teilt mit, dass der Beitrag 227’215 Prozent mehr Aufrufe erzielte als meine anderen Beiträge.
Böse Zungen – respektive Social-Media-Experten – würden urteilen: Meine normalen Beiträge sind alle total scheisse.
Diese «normalen» Beiträge beziehen sich typischerweise auf die Angelegenheiten, die ich hier im Blog veröffentliche. Sie sind ausführlicher, differenzierter und bemühen sich meistens um Ausgewogenheit. Aber – wie die obige Prozentzahl eindrücklich beweist – interessiert das in den sozialen Medien kein Stück.
Natürlich ist das keine neue Erkenntnis. Rage Bait ist das Wort des Jahres 2025 im Oxford Dictionary. Facebooks Algorithmen belohnen seit Jahren die Trollerei und strafen Beiträge ab, die über einen Link einen ausführlichen Beitrag zu einer komplexen Debatte leisten. Das wissen wir alle längst.
Das! ist! nicht! normal!
Aber es ist wichtig, das regelmässig festzuhalten, zu dokumentieren und öffentlich zu erwähnen. Damit niemand auf die Idee kommt, das sei Normalität. So sei das Leben. So müsse Diskurs funktionieren. Nein. Facebook ist eine algorithmisch befeuerte Emotionalisierungs- und Empörungsmaschine.
Und man kann es nicht oft genug betonen: Diese Maschine bringt niemandem etwas – wenn man von den Einnahmen für Meta und den Leuten absieht, die im Gegensatz zu mir ein Monetarisierungsprogramm am laufen hat.
Aber ich muss mich korrigieren: Ich habe oben behauptet, wir würden alle wissen, wie diese Empörungsmaschine funktioniert. Das gilt anscheinend nur für die Personen, die ab und zu ein Tech-Blog lesen oder sich selbst ihre Gedanken machen. Die überwiegende Mehrheit tut das nicht. Sie zieht es vor, sich von der Empörungsmaschine einsaugen zu lassen und den Vorwurf «Hast du keine grösseren Probleme?» unter einen belanglosen Blogpost zu setzen.
Der wichtigste Themenblock im Fach Medienkompetenz
Zu diesem Argument muss ich kurz zwei Dinge los werden:
- Erstens, klar habe ich grössere Probleme. Ihr wahrscheinlich auch. Aber es steht nirgends geschrieben, dass man jeweils nur über sein grösstes Problem schreiben darf. Es ist legitim, auch mal ein kleines bis winziges aufzugreifen.
- Zweitens: Wenn das Problem nicht der Rede wert ist, warum zum Teufel macht ihr euch die Mühe, euch darüber aufzuregen und kollektiv in etwas reinzusteigern? Die einzig richtige Reaktion auf ein Problem, das zu klein ist, um auf Facebook angesprochen zu werden, ist Ignorieren.
Erkenntnis: Der wichtigste Themenblock im Fach Medienkompetenz an unseren Primarschulen: Dinge ignorieren lernen. Es gäbe eine gute Note für alle, die es schaffen, sich nicht über Dinge aufzuregen, die es nicht wert sind.
Und die zweite Lektion wäre: Bei den Dingen, die tatsächlich wichtig sind, einmal tief durchzuschnaufen. Und es dann mit einer sachlichen Replik zu probieren.
Fussnoten
1) Die Antwort von «Clochard Jeans Store» lautet:
Lieber Matthias
Danke für deine offenen Worte und für die Diskussion, die dadurch angestossen wurde.
Gerne möchten wir kurz erläutern, wie der Name entstanden ist (dies kann auch auf unserer Website nachgelesen werden):
In den 1970er-Jahren importierte der Gründer unseres Stores erste Jeans aus Paris. Durch seine zahlreichen Reisen dorthin entstand auch der Name «Clochard». Zu jener Zeit wurde der Begriff weniger wörtlich verstanden, sondern stand sinnbildlich für Rebellion, Ausstieg und Nonkonformismus; für Menschen, die nicht ins etablierte System passen. Diese Bedeutung ging einher mit dem Aufstieg der Jeans als Modeartikel der Auflehnung gegen eine strukturierte, traditionelle Welt.
Uns ist bewusst, dass der Name heute auch anders interpretiert werden kann. Gerade deshalb ist es uns wichtig klarzustellen: Wir stehen in keiner Weise für Zynismus gegenüber obdachlosen Menschen und respektieren die Lebensrealitäten, die hinter diesem Begriff stehen.
Für uns steht der Name bis heute für Unabhängigkeit, Individualität und den Mut, eigene Wege zu gehen. Werte, die unseren Laden seit jeher prägen.
Wir hoffen, dass dir unsere Jeans mehr zusagen als unser Name und dass du unserem Konzept, dem wir über all die Jahre im Sinne des Gründers und unserer Kundschaft treu geblieben sind, offen begegnen kannst.
Ich wusste in der Tat nicht, dass der Laden etwa ähnlich alt ist wie ich. Ich bin ihm bei der neuen Filiale in Winterthur zum ersten Mal begegnet. Mit dem 70er-Jahre-Background finde ich den Namen verständlicher, auch wenn ich nicht sicher bin, ob das Toleranzlevel gegenüber den sogenannten Randständigen in den 1970er Jahren faktisch höher war. In Paris und bei den Hippies in Kalifornien vielleicht. Diese «Vibes» strahlten zwar bis zu meiner Familie ins biedere Zürcher Weinland aus, auch ist eine Geschichte für ein anderes Mal. Mit dem nostalgischen Touch kann ich mit den Namen eher leben. Vielleicht ist das Problem tatsächlich nicht dieses Wort, sondern die zunehmende soziale Kälte, die damit kontrastiert. ↩
Wenn das mal genug Leute lesen würden…
..und die einzige Konsequenz aus dieser grandiosen Erfahrung ist: abschalten! aussteigen! löschen!