Metaphorisch und farbtheoretisch geht die Sache nicht auf: Die Social-Media-Plattform heisst Bluesky. Doch der Himmel, in den wir blicken, ist nicht azurblau, sondern tiefschwarz. Er sieht aus wie das Weltall, in dem sich Sterne zu Galaxien zusammenballen.
Aber egal. Die Bluesky Map ist ein Beispiel für eine tolle Datenvisualisierung. Sie zeigt das Universum dieser Social-Media-Plattform, in dem sich 3,1 Millionen Bluesky-Nutzer tummeln. Diese sind nach ihren Sphären geordnet, woraus sich die Struktur ergibt, die bei näherem Hinsehen jedoch eher astronomische Nebel als an Sternensysteme erinnert.

Wir können in dieses Universum bis auf den Level eines einzelnen Users hineinzoomen, der erst als gelbgrünes Pünktchen und dann mit seinem Avatar dargestellt wird. Falls wir wissen wollen, wo ein bestimmter Account angesiedelt ist, erspart es uns die Blauhimmelskarte, mühsam das Universum abscrollen zu müssen. Es gibt eine Suchfunktion, mit der wir unsere Bekannten und Freundinnen und natürlich auch uns selbst aufspüren.
Zwei Dimensionen reichen nicht
Mein Account findet sich oben in der Mitte am Rand des German Antifascist Expanse. Dort findet sich eine kleine Blase, die sich bei näherem Heranzoomen als Swiss Progressive Ridge entpuppt. Diese Beobachtung führt augenblicklich zur Frage, nach welchen Kriterien diese Cluster gebildet werden. Es liegt auf der Hand, dass eine zweidimensionale Darstellung der Komplexität eines solchen Systems niemals gerecht werden kann. Es bräuchte ein echtes Multiversum, um der thematischen Vielfalt gerecht zu werden.
Da die derzeitige Bildschirmtechnologie eine solche Darstellung nicht zulässt, finde ich es in Ordnung, dass sich der Urheber der Karte, Theo Sanderson (@theo.io) für eine flache Anordnung entschieden hat. Die weltliche Geografie ist akkurat abgebildet und auch an der politischen Dimension würde ich nicht rütteln.

Über das Zahnrad-Symbol links unten schalten wir die Cluster Labels ein und aus. Die Beschriftung lässt sich vergrössern (High readability text). Und besonders toll: Die Option Show live posts sorgt dafür, dass neue Botschaften wie Funksignale von Ausserirdischen am Nachthimmel aufblitzen. In Kombination mit der Option Show post text when zoomed lesen wir sogar mit, was sich in einem bestimmten Quadranten des blauen Himmels tut.
Ferner gibt es die Option Show likes, die anzeigen sollte, wenn ein Daumen nach oben vergeben wird. Und mit einem Häkchen bei Read posts aloud sollte das Universum akustisch zum Leben erwachen. Das funktionierte bei meinem Test leider nicht.
Nicht das ganze bekannte Universum
Trotz dem Spass am Sternengucken erspare ich Theo Sanderson zwei Kritikpunkte nicht: Erstens sind in der Karte nicht alle Nutzerinnen und Nutzer repräsentiert. Bluesky hatte per Ende 2025 41,4 Millionen User. Auf der Karte ist demnach nicht einmal ein Zehntel verzeichnet. Es wäre wichtig zu wissen, welche Accounts aufzufinden sind und welche nicht. Meine Vermutung ist, dass das Alter des Accounts massgeblich ist und daher die neueren User fehlen. Dazu passten die thematischen «Galaxien», unter denen wir auch Namen wie die Polish Democratic Front, das Turkish Progressive Basin, die Argentine Leftist Plaza und die Anti-Maga Reaches vorfinden. Die bilden ein linkes Themenspektrum ab, das in der Anfangszeit von Bluesky dominant war. Im letzten Jahr erlebte die Plattform einen Zulauf von Leuten aus dem Maga-Spektrum. Das ist auf Bluesky Map kaum vertreten.
Das führt uns zum zweiten Punkt: Das Projekt bräuchte eine Dokumentation, in der diese Fragen geklärt werden.
Trotzdem fällt mein Fazit positiv aus: Es macht Spass, sich in diesem Universum umzusehen. Und es ist eine interessante, unorthodoxe Methode, sich gewissen Themenbereichen anzunähern. Lustig wäre es natürlich, wenn man ab einer gewissen Zoomstufe alle User des sichtbaren Bereichs einer Liste hinzufügen könnte.
Fazit: Wir erleben einmal mehr die inhärente Schönheit grosser Datenmengen, die sich in originellen Visualisierungsformen entfaltet. Und ich kann mich eines Quäntchens Nostalgie nicht erwehren. Ich erinnere mich an die Anfangszeit der sozialen Medien, wo Neuentdeckungen bei den Dritttools für soziale Medien wie Twitter an der Tagesordnung waren.