RSS ist grossartig. Ein Webfeed verwandelt eine Information im Web in eine Informationseinheit, die nicht mehr an ihrer ursprünglichen Quelle «klebt». Sie taucht dort auf, wo wir – die Webnutzerinnen und Webnutzer – sie haben möchten. Das heisst: Statt Nachrichten über einzelne Newssites zu konsumieren, lesen wir sie konzentriert und konsolidiert in einem Feedreader. Podcasts landen automatisch in der passenden App und müssen nicht über wackelige Webplayer angehört werden.
So toll das ist, gibt es einen Haken: Längst nicht alle Websites bieten Feeds an.
Das ist kein Zufall. Der offene Ansatz läuft den Absichten vieler Betreiber zuwider. Die betrachten ihre Angebote als Silos. Wer sie benutzen will, muss das vor Ort tun und sich der Gefahr aussetzen, im Silo eingesperrt zu werden. Die grossen Social-Media-Plattformen lassen Besucher höchst ungern wieder ziehen. Sie versuchen mit allen Tricks, die Verweildauer zu erhöhen. Da sie dabei erschreckend erfolgreich sind, orientieren sich viele Medienunternehmen an diesen Methoden.
Man könnte RSS deswegen für ein Auslaufmodell halten. Meines Erachtens ist die gegenteilige Interpretation richtig: Diese Webfeeds sind unsere beste Waffe im Kampf gegen diesen Isolationismus der Tech-Konzerne.
Feeds von feedlosen Websites erstellen
Und es stellt sich die Frage: Lässt sich diese Waffe etwas schärfen?
Die Antwort lautet ja: Neulich begegnete ich rss.app. Diese Webanwendung tut zweierlei:
- Input: Sie erlaubt es, Feeds abzugreifen, wo es von Haus aus gar keine Feeds gibt¹ – auch bei Social-Media-Plattformen wie Instagram, Twitter, Linkedin, Tiktok, Threads, Youtube, Webshops oder Online-Auktionshäusern wie Ebay.
- Output: Die gesammelten Informationen gibt sie als individuellen Webfeed weiter. Aber nicht nur. Nach Wunsch vermittelt sie sie an Dritt-Apps, namentlich Discord, Telegram, Slack und E-Mail.
Individuelle Feeds erstellen und über Bundles gruppieren
Das funktioniert folgendermassen:
- Wir tragen den Link zu einer Website ein.
- RSS.app erzeugt daraus einen Feed im XML-Format. Wahlweise schalten wir auf Json oder CSV um. Diesen Feed verwenden wir direkt, oder
- wir fügen ihn einem Bundle hinzu.
- Diese Feeds – gleichgültig, ob sie auf eine einzelne Website oder ein Bundle zeigen – abonnieren wir in einem Feedreader.
- Alternativ erzeugen wir ein Widget, das sich als Javascript, iFrame oder URL in eine Website einbetten lässt.
- Oder wie oben erwähnt binden wir via Bots & Alerts Dritt-Apps für den Output ein.

Zur Anpassung der Feeds und Inhalte gibt es folgende Möglichkeiten:
Via Edit Feed benennen wir unseren Feed, versehen ihn ggf. mit einer Beschreibung und wählen, ob das Favicon angezeigt werden soll oder nicht. Wir können den Autor auswählen (den Namen der Domain, Website, einer eigenen Angabe oder, falls vorhanden, des tatsächlichen Autors).
Für die Feeds gibt es via Knopf Customize einige Einstellungen: Wir geben an, wie viele Posts er beinhalten soll (zwischen 1 und 25), ob Bilder eingebettet werden sollen und ob ggf. ein Standardbild verwendet werden soll. Wir limitieren die Titellängen, konfigurieren die Beschreibung, passen das Datum an (bei Postings ohne Datum wird eines geschätzt) und schliessen einen Permanent-Link ein.
Die Widgets wiederum gibt es in diversen Layouts: als klassische Liste, magazinartige Kachel-Anordnung oder als Tickerband mit durchscrollenden Schlagzeilen.
Last but not least gibt es eine Übersetzungsfunktion für die Feeds. Diese wird wahlweise von Deepl oder Google Translator erstellt.
Wie praxistauglich RSS.app ist, zeigen zwei Tests:
1) Übers Netz verstreute Informationen einsammeln
Die erste Versuchsanordnung ist zugegebenermassen egozentrisch. Ich bündle meinen Output in einer Übersicht. Doch selbstverständlich lässt sich die Methode genauso gut für beliebige andere Fälle adaptieren, bei denen übers Netz verteilte Informationen an einer zentralen Stelle zusammengeführt werden müssen.
Ich hinterlege erstens meine Autorenseite beim Tagesanzeiger, die früher einen RSS-Feed ausspielte, das heute leider nicht mehr tut. Zweitens ergänze ich die URL zu meinem Instagram-Account. RSS.app fertigt mir jeweils passende Feeds. Die gruppiere ich zum Bundle «Egowatch», das über eine eigene Feed-Adresse zugänglich ist. Es lässt sich problemlos über das Firefox-Plug-in Feedbro abonnieren. Oder über einen anderen Feedreader wie Feedly oder Lire.

2) Den eigenen Nachrichtenkanal auf Slack einrichten
Der zweite Test umfasst einige meiner bevorzugten Nachrichtenquellen aus dem digitalen Bereich. Wired, The Verge, Heise, Ars Technica und Co. besitzen allesamt einen RSS-Feed und müssen nicht gescrapt werden. Für diese Quellen bietet RSS.app an, das Originalformat auszuliefern oder eine individuelle Variante anzupassen.
Ich entscheide mich für die Originalversion. Bei diesem Test geht es mir hauptsächlich darum, die Integration in Dritt-Apps zu prüfen. Ich richte in der Slack-Umgebung meines Arbeitgebers den Kanal #digital-newsbot ein. Die Anbindung bleibt leider auf halbem Weg stecken: Die Integration muss vom Slack-Administrator genehmigt werden. Natürlich ergibt es Sinn, dass nicht jeder im Unternehmen beliebig Dritt-Apps anflanschen kann. Für meinen Test bedeutet das eine Verzögerung – das endgültige Ergebnis werde ich hier nachtragen.

Fazit: Auf Anhieb überzeugend – mit zwei Einschränkungen
In einer perfekten Welt wären alle Websites interoperabel und RSS.app überflüssig. Da wir indessen in einer imperfekten Welt leben, ist RSS.app willkommen, einige der real existierenden Fehler auszubügeln. Mein erster Eindruck ist hervorragend, die Lösung erfüllte alle meine Erwartungen. Ob sie auf Dauer überzeugt, ist eine andere Frage. Wie üblich gilt: Falls nachträglich Mängel auftreten, werden die hier als Nachtrag rapportiert.
Zwei Einschränkungen trüben das positive Fazit:
- Es gibt keine Gratisnutzung.
RSS.app kann nur für eine Testphase kostenlos benutzt werden, danach ist ein bezahltes Abo fällig. Die günstigste Variante (Basic) kostet 100 US-Dollar pro Jahr. Developer ist für 200 US-Dollar zu haben und Pro schlägt mit 1000 US-Dollar zu Buche. Für meine Bedürfnisse ist das leider zu teuer. Ich fände 50 US-Dollar pro Jahr okay. - Mir ist das Unternehmen zu heimlichtuerisch.
Vor allem für ein Produkt, das die Offenheit fördern soll.Ich erfahre erst aus der Datenschutzerklärung, dass die Anwendung von RSS America im US-Steuerparadies Delaware betrieben wird.Nicht einmal die Nutzungsbestimmungen liefern einen Hinweis auf das Domizil des Unternehmens. Alles, was man erfährt, ist, dass es aus den USA stammt.
Fussnoten
1) Eine Auswahl an Plattformen, die von RSS.app unterstützt werden. Es gibt noch viele weitere mehr, und es können auch beliebige Websites mit ihrer Homepage oder einer Unterkategorie bzw. Stichwort-Übersicht angegeben werden, die in einen Feed umgewandelt werden:
- Plattformen & Netzwerke: Instagram, Twitter (X), Linkedin, Tiktok, Threads, Reddit, Facebook, Youtube, Telegram, Bluesky, Pinterest, Ebay, Tumblr, Medium
- News & Medien: Google News, New York Times, BBC News, CNN, Reuters, NPR, USA Today, Al Jazeera, Yahoo News, The Guardian, Time, Newsweek, The Conversation
- Tech & Digital: IGN, Polygon, Eurogamer, GameSpot, The Next Web, Fast Company, 9to5Mac, Notebookcheck
- Wissen & Wissenschaft Smithsonian Magazine, IFLScience, Futurism, World Health Organization
- Lifestyle & Kultur Vogue, Vanity Fair, Esquire, Variety, VICE, People.com, Entertainment Weekly
Ferner existiert ein KI-getriebener RSS Builder, der bei Bedarf hilft, Informationen in der gewünschten Form abzugreifen (Scraping).
Der im Artikel genannte RSS reader feedbro kann übrigens selbst mit Bordmitteln RSS zu twitter, Instagram usw. erstellen. Und das umsonst!
Nur schade, dass hier keine Sync option zu anderen Geräten angeboten wird.