Eine Person hält eine grosse rote Fahne mit dem Wort «FREEDOM» in weisser Schrift vor einem wolkigen Himmel.
Er sollte seine Fahne mal in Redmond vor Satya Nadellas Büro schwenken (Nate Steele, Unsplash-Lizenz).

Microsoft hat die Freigabe in Windows komplett vermurkst

Das ist be­denk­lich: Micro­soft im­ple­men­tiert eine Funk­tion neu, die es seit Win­dows 95 gibt. Doch die Neu­auf­lage ist kom­plett un­brauch­bar. Sie ist ein Indiz, wie unsere Mög­lich­kei­ten als User ein­ge­schränkt wer­den sollen.

Folgende Ausgangslage: Als Windows-Nutzerin oder -Nutzer sind wir im Windows-Explorer zugange. Wir packen eine Datei per Maus, um sie z. B. in einen anderen Ordner zu verschieben. Nun erscheint mittig am oberen Rand des Bildschirms eine schwarze Fläche, auf der steht: «Hier ablegen, um zu teilen, zu verschieben oder weitere Aktionen auszuführen.»

Ziehen wir die Datei auf diesen Bereich, erscheinen die Icons diverser Anwendungen. In meinem Fall sind das Outlook, Microsoft Teams, iCloud-Fotos, Paint, HP Quickdrop und der Windows-Explorer.

Symbolleiste mit Icons: Outlook, Microsoft Teams, iCloud-Fotos, Paint, HP QuickDrop. Optionen: «In Ordner verschieben», «Weitere Optionen». Hinweis zum Teilen oder Verschieben von Dateien.
Die Freigabeleiste erscheint seit Kurzem beim Drag-and-drop von Dateien in Windows 11.

Es handelt sich um die neue Freigabeleiste (Drag Tray), die Microsoft im letzten Jahr einführte. Sie soll die Weitergabe und Verwendung von Dokumenten in Apps vereinfachen, indem mögliche Ziele auf dem Silbertablett präsentiert werden. Das Konzept ist bewährt: Am Mac stellt die Shareware-App Dropzone diese Funktion bereit. Für Windows existiert zum gleichen Zweck seit Langem das Open-Source-Programm Dropit.

Microsoft schlägt Apps vor, die niemand braucht

Leider wird die Freude über die Neuerung augenblicklich getrübt. Keine einzige der aufgeführten Anwendungen habe ich regelmässig im Einsatz. Als Adressaten für derlei Aktionen wären stattdessen Thunderbird, Slack, Affinity und Local Send gefragt. Die Frage liegt auf der Hand: Lässt sich die Auswahl der Programme so verändern, dass sie zu den eigenen Bedürfnissen passt?

Die Freigabeleiste gehört zu der Funktion Freigeben (Nearby sharing oder auch Near Share), die es in Windows 10 seit 2017 gibt. Sie wurde als Äquivalent zu Apples Airdrop konzipiert. Sie beinhaltet nicht nur die Übertragung an Geräte in der Umgebung, sondern ebenfalls das Versenden mittels «normaler» Kommunikations-Apps. Die Funktion steht im Explorer beim Rechtsklick auf eine Datei über das Kontextmenü bereit (Teilen mit).

Freigabedialog mit Datei «260114 Freigabeleiste.png», 66 KB. Optionen zum Teilen mit verschiedenen Apps wie Outlook, WhatsApp und iCloud Drive. Bearbeiten- und Personenoptionen sichtbar.
Siehe da, in diesem Dialog gibt es noch mehr irrelevante Apps: Copilot, Whatsapp und Freshpaint.

Im Untermenü gibt es den Befehl Weitere Optionen. Er bringt einen Dialog zum Vorschein, in dem die Geräte in der Umgebung angezeigt werden, gefolgt von lokal installierten Anwendungen. Hier finden sich wiederum die aufgezählten Anwendungen wie Outlook, Paint und Teams. Dieser Dialog erscheint ebenso, wenn wir in der Freigabeleiste das Symbol Weitere Optionen als Drag-and-drop-Ziel benutzen.

Die Freigabeleiste abschalten

Anwendungen lassen sich in der Liste anheften, jedoch nicht entfernen oder austauschen. Es existiert keine Möglichkeit, diese Liste anzupassen. Die einzige Möglichkeit, eine App aus der Liste zu entfernen, wäre die Deinstallation.

Fazit: Die Freigabeleiste bringt nur denjenigen Leuten einen Nutzen, die Microsofts Standard-Apps verwenden. Ansonsten ist sie bloss ein Störfaktor, der unter Umständen Elemente verdeckt, die tatsächlich nützlich wären. Die einzig vernünftige Aktion ist, die Leiste abzuschalten.

Das ist möglich: In den Einstellungen wählen wir System > In der Nähe freigeben und schalten die Option Ablage ziehen ab.

Ich bin verblüfft, wie es Microsoft geschafft hat, eine hervorragende Idee in der Umsetzung komplett zu verhunzen.

Bei näherer Betrachtung passt das leider ins Bild: Der Windows-Konzern verwendet Windows seit längerer Zeit nur noch dazu, die eigenen Interessen zu befördern. Die Freigabeleiste ist nichts weiter als ein Werbefeature für Teams, Outlook und Paint. Das ist umso peinlicher, weil diese Apps mit ihren Funktionen nicht überzeugen: Outlook ist ein Autounfall und Paint fällt weiter hinter die Konkurrenz zurück. Teams nutzte ich selbst nie, aber man liest viel Schlechtes darüber.

Ein Bildschirmfoto eines Kontextmenüs in Windows. Es zeigt verschiedene Optionen für das Öffnen und Bearbeiten von Dateien sowie eine Liste von Anwendungen zur Auswahl.
Dieser Befehl, den es seit 1995 gibt, macht das Gleiche – mit dem Unterschied, dass er sich anpassen lässt.

Wie «Sendto» aus Windows 95 – bloss völlig unbrauchbar

Zum Glück lässt sich Microsofts Versagen ausbügeln: Dropit erwähnte ich bereits.

Oder wir reaktivieren den guten alten Sendto-Befehl. Der steht nicht als schicke Symbolleiste zur Verfügung, sondern wird über das Kontextmenü herbeigezogen. Er ist in Windows 11 nicht mehr so leicht zugänglich wie bei früheren Versionen: Wir klicken eine Datei mit der rechten Maustaste an, wählen im Kontextmenü Weitere Optionen anzeigen und danach Senden an.

Aber er erfüllt seinen Zweck, und er lässt sich exakt auf die persönlichen Bedürfnisse massschneidern. Es gibt ihn seit Windows 95. Das bringt uns zum Schluss, dass Microsoft es geschafft hat, nach fast dreissig Jahren das Rad neu zu erfinden – bloss viel holpriger und weniger elegant. Ein Versehen ist das nicht. Es ist ein Ausdruck dafür, dass sich der Konzern traut, uns Nutzerinnen und Nutzer heftiger zu gängeln als früher.

Ein Kommentar zu «Microsoft hat die Freigabe in Windows komplett vermurkst»:

  1. Ich kann allen empfehlen auf Linux zu wechseln, z.B. Linux Mint eignet sich perfekt für den Einstieg. Wer dann ab und zu Microsoft Office braucht (es gibt aber sehr gute Alternativen auf open source Basis), kann dann dort einfach eine Virtual Machine installieren. Ich habe den Schritt vor einigen Monaten gewagt, und bereue es jetzt, dass ich es nicht schon früher gemacht hat. Ich bin nicht mehr von Microsoft abhängig, und das ist sehr gut!

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