Oft enden meine Ausflüge ins Archiv antiklimaktisch. Meine Hoffnung wäre, dass ein Journalist oder eine Journalistin sich in einem Essay über eine herannahende technologische Revolution auslässt und sich ausmalt, was die Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und den Lauf der Geschichte sein werden. Dann könnte ich diese Zukunftsvision genüsslich zerpflücken und analysieren, warum alles ganz anders gekommen ist.
Die Realität sieht anders aus: Die erste Erwähnung einer technischen Errungenschaft ist häufig banal. Sie erfolgt in einem Nebensatz oder auf eine Weise, die es mir nicht erlaubt, mich aufs hohe Ross zu schwingen. Stattdessen konstatiere ich Desinteresse: Die Zeitungsleute damals nahmen diese Erfindungen rund um Computer und Telekommunikation nicht sonderlich ernst. Auch das Personal rief keine Ehrfurcht hervor: exemplarisch dafür die erste Erwähnung Bill Gates’ 1987 in einer Schweizer Zeitung.
Das heutige Thema ist eine erfreuliche Ausnahme: Es steht im Zentrum eines ausführlichen Artikels, der geeignet ist, ein leichtes, retrofuturistisches Gruseln auszulösen.
Der Aufstieg des Laptops dauert von 1981 bis 2007
Es geht um den Laptop. Das ist der tragbare Computer, der 2007 die klassische, stationäre Rechenmaschine überholte. Wie Wikipedia weiss, beginnt dessen Geschichte in den 1970er-Jahren. Bis er in der breiten Öffentlichkeit ankommt, dauert es bis in die 1980er-Jahre. Der Ngram Viewer widerspiegelt die Entwicklung eindrücklich: Ab 1981 geht die Kurve der Nennungen in den in Google Books gespeicherten Werken steil nach oben¹. 1989 flacht sie ab, hat ihren Peak 2007 und stabilisiert sich auf einem etwas tieferen Plafond: Der Laptop ist etabliert. Ich vermute, dass ab diesem Zeitpunkt häufig ein tragbares Modell gemeint ist, wenn von «Computer» gesprochen wird.

In der Schweiz kommt der Laptop am 28. Januar 1987 an. Die NZZ beschreibt die Revolution der «Portables» und beginnt bei Adam Osborne². Das ist der Erfinder des Osborne 1, der als erster Vertreter seiner Art gilt und mit elf Kilogramm noch ein echter Schlepptop war. Die NZZ liefert die passende Einordnung:
Er [Osborne] ahnte wohl nicht, dass er mit dem nähmaschinengrossen (…) Gerät eine Revolution auslösen würde. Die Idee, die Leistung eines vollwertigen PC in einen Koffer zu verpacken, war zweifellos genial. Das «Richtige» wurde aber anfänglich mit den falschen Mitteln realisiert. Zu sehr war Osborne noch vom Image des konventionellen PC mit Tastatur, Prozessor mit Diskettenlaufwerken und Kathodenstrahl-Bildschirm geprägt.
«Erregt kein Aufsehen mehr»
Eine Revolution also. Die NZZ erweckt ausserdem den Eindruck, dass vor 39 Jahren der Anblick solch tragbarer Computer alltäglich war:
Es findet auf jedem Arbeitstisch Platz, und auch auf dem Kaffeetisch zu Hause erregt er kein Aufsehen mehr. Und mit einem Griff verstaut man seinen «Laptop-Computer» in der Aktentasche, um überall damit arbeiten (oder spielen) zu können, sei es im Taxi, in der Bahn, im Flugzeug oder im Hotel. Mit dem neuen und doch vertraut aussehenden Gerät verschwindet die «Schwellenangst» vor dem Computer. Man lernt innert Minuten, damit zu schreiben, Tabellen und Graphiken zu gestalten sowie weltweit zu kommunizieren.
Bemerkenswert, dass noch vor der Erfindung des World Wide Web die Kommunikation dieser mobilen Geräte als zentrale Funktion beschrieben wird. Die damaligen Laptops hatten keine entsprechenden Verbindungsmittel eingebaut. Für die «weltweite Kommunikation» benötigte man ein externes Modem oder einen Akustikkoppler und einen Zugang zu VTX, Minitel, Compuserve oder einem Firmennetzwerk.
Es gab ihn doch, den Schweizer Computerfreak
Die Schilderung dieser schönen, neuen Möglichkeiten erscheint reichlich salopp. Ich werte sie als Ausdruck der persönlichen Hoffnung des Autors, der sich offensichtlich auf diese neue Ära freut und dem Fortschritt positiv gegenübersteht. Das freut mich ungemein. Bisher waren die Schilderungen immer distanziert, betont nüchtern oder von einer unterschwelligen Skepsis geprägt. Wie eingangs erwähnt: Man nahm diese Entwicklung nicht ernst oder traute ihr nicht.
Der Autor, der den Artikel nur mit dem Kürzel tr. zeichnete, hat einen anderen Zugang. Ich gehe davon aus, dass der Laptop auf dem Kaffeetisch bei ihm selbst zuhause kein Aufsehen mehr erregte. Für die «normalen» Leute war ein solches Gerät zweifellos eine exotische Sache.
Der Artikel endet mit einer Prognose. Das heisst: Ich kann unter der Prämisse, dass man es hinterher immer besser weiss, die seherischen Fähigkeiten der NZZ auf den Prüfstand stellen:
Die ersten Farbbildschirme für Portables werden nicht lange auf sich warten lassen, 10-MByte-Festplatten dürften auch bei den billigeren Modellen bald zur Routine werden. Der heutige, zehn Prozent betragende Anteil der Portables am gesamten PC-Markt dürfte konservativ extrapoliert bis 1991 die 25-Prozent-Hürde spielend nehmen. Wenn der zu erwartende technische Fortschritt einkalkuliert wird, könnten es auch fünfzig Prozent werden.
Der Faktencheck:
Farbbildschirme: ✔️
Wikipedia bestätigt die Aussage: «Um 1991 herum eroberten zwei neue Farb-LCD-Technologien den Mainstream-Markt im Sturm: Dual STN und TFT.» Apple lancierte 1993 den ersten Laptop mit Farbdisplay, das PowerBook 180c.
10-MB-Festplatten: ✔️
Das war eine konservative Voraussage. Ich erinnere mich, dass das Laptop meines Onkels – an die Marke erinnere ich mich nicht mehr – am Anfang der 1990er-Jahre vierzig Megabyte Speicher hatte.
Ein Viertel Marktanteil bis 1991: ❌
Wikipedia schreibt, dass der Laptop bis 1994 einen Sechstel der Verkäufe ausmachte. Der Preisunterschied gegenüber einem stationären Computer war für viele zu hoch. Das galt für mich. Ich zog einen mobilen Computer nicht einmal in Erwägung. Nebst dem Geld lag das ferner daran, dass die Arbeit am kleinen Röhrenmonitor komfortabler war als an dem noch kleineren LCD-Display.
Fünfzig Prozent Marktanteil: ❌
Nein. Wie anfangs angemerkt, mussten sich die Laptop-Fans bis zum Jahr 2007 gedulden, bis diese Marke überschritten wurde. Ab dann waren die tragbaren Computer tonangebend.
Vermutlich war nicht allein die Euphorie des Journalisten schuld an der zu positiven Einschätzung. Auch «Der Bund» prognostizierte am 29. September 1987 «ein Drittel Tragbare» bis 1990. Es liegt auf der Hand, dass diese Prognose von der Branche selbst stammte, die die Laptop-Begeisterung anfeuern wollte. Nicht uneigennützig. Denn wie erwähnt war und ist bei dieser Bauart die Marge deutlich höher.
Trotzdem ist das eine erfreuliche Recherche: Endlich eine Berichterstattung, die nicht so tut, als ginge uns das alles nichts an, sondern aus der Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer – so, wie ich sie seit ungefähr 1996 betreibe. Ich verstehe zwar, dass man sich in den 1980er-Jahren auf den Standpunkt stellen konnte, diese Computersache sei ignorierbar. Spätestens im nächsten Jahrzehnt hätte man verstehen sollen, dass diese Entwicklung indirekt jeden einzelnen betrifft – so wenig er auch mit Mikrochips und Floppydisks zu tun haben wollte. Forschung der ETH zeigt, dass die Computerisierung in den frühen 1990ern zu einem unausweichlichen Trend wurde. Der PC war nicht mehr optional. Fähigkeiten als Anwenderin und Anwender wurden unverzichtbar und die gesellschaftlichen Auswirkungen unverkennbar.
In Burgdorf traute man der Sache nicht
Abschliessend komme ich nicht um die Bemerkung herum, dass selbst in diesem Fall die Skeptiker nicht weit waren. Auch zum Laptop findet sich ein technologiekritischer Beitrag. Dieser erschien am 4. August 1989 im «Burgdorfer Tagblatt». Reporter Kay Bieri sprach mit Bernhard Steiner, dem Experten eines lokalen Computerhändlers namens Alisys.
Titel: Computer: Zukunft oder nur Zeiterscheinung?

Bieri fragte solche Dinge wie: «Was ist das, ein Computer?» (Antwort: «Der Computer ist eine Maschine, die sehr schnell verschiedenste Abläufe durchführen kann, aber selber keine Intelligenz besitzt.») Erklärt wurden auch Dinge wie Prozessor, Schnittstellen, Speichermedien, Nadeldrucker, Modem und eben – Laptop:
Wo überall trifft man Computer an?
Seitdem es das Laptop (tragbarer PC) gibt, fast überall auf der Welt.
Die Frage im Titel bleibt – und das ist echt schlechtes Handwerk – unbeantwortet. Das Foto verrät immerhin, dass Interviewer Kay Bieri bei seiner Recherche höchstens 13, 14 Jahre alt gewesen sein kann. So sei ihm dieser Ausrutscher verziehen. Und wir können an dieser Stelle die Antwort geben:
Nein, Computer sind nicht nur eine Zeiterscheinung, und diese Laptops sind es auch nicht.
Fussnoten
1) Das gilt für den englischsprachigen Corpus. In den deutschsprachigen Werken dauerte es bis 2004, bis der Graph nicht bloss sanft ansteigen wollte. ↩
2) Zum Stichwort Osborne haben die Schweizer Medien auch anfangs der 1980er-Jahre einiges zu bieten: Der «Courrier de Genève» vermeldet am 8. September 1982, das Unternehmen habe seinen europäischen Hauptsitz in Genf eingerichtet:
Die Muttergesellschaft dieses amerikanischen Unternehmens, die sich für einen Standort in Genf entschieden hat, plant für ihr erstes Geschäftsjahr einen Umsatz von 100 Millionen Dollar. Adam Osborne, Autor von Büchern über Mikrocomputer, gründete im Januar 1981 die Osborne Computer Corporation. Der erste tragbare Personalcomputer Osborne 1 wurde im Juli 1981 verkauft
Die Zeitung verwendet die Bezeichnung «ordinateur individuel portable», d. h. «tragbarer Personalcomputer». Das zeigt, dass das Konzept dieser Computerbauform älter ist als die Bezeichnung «Laptop».
Die Erfolgsgeschichte von Osborne war schon zwei Jahre später zu Ende. Am 15. September 1983 berichtete die NZZ vom Konkurs des Unternehmens:
Die einst höchst erfolgreiche Firma, die vor zweieinhalb Jahren den Markt mit einem tragbaren Mikrocomputer revolutionierte, ist tief verschuldet und musste letzte Woche sämtliche Arbeiter entlassen und die Produktion einstellen. Der Gerichtsschutz vor Gläubigerklagen soll es Osborne ermöglichen, entweder neue Geldgeber zu finden, die Firma zu verkaufen oder auf ordentlichem Wege zu liquidieren.
Das war ein Vorbote der Krise von Amerikas Computerindustrie. Die NZZ berichtete am 1. November 1983:
Der von Branchenbeobachtern seit einiger Zeit vorausgesagte «Shakeout» in der übervölkerten amerikanischen Computerindustrie hat mit dem Rückzug der Texas Instruments aus dem Markt für Heimcomputer konkretere Formen angenommen. Erst kürzlich hatte ein anderer prominenter Vertreter, die Osborne Computer Corp. – ein Pionier der tragbaren Mikrocomputer –, ein Konkursbegehren gestellt, und zahlreiche andere Branchenvertreter kämpfen mit Schwierigkeiten und hohen Verlusten. ↩