Eine schlafende Katze liegt auf einer Tastatur eines Laptops, auf dessen Bildschirm Programmiercode zu sehen ist. Im Hintergrund ein unscharfes abstraktes Bild in Blautönen.
Gute Neuigkeiten – an diesem Laptop wird kein Feature entwickelt, das niemand benutzen wird (Tai Bui, Unsplash-Lizenz).

Diesen Aufwand hätten sich Microsoft und Apple sparen können

Gut ge­meint, aber im All­tag an­nähernd nutz­los: eine Liste von fünf selten be­nutz­ten Funk­tio­nen in Windows und Mac.

Es gibt einige Funktionen in den Betriebssystemen, die ich einleuchtend finde. Doch ich stelle fest, dass ich sie im Alltag selten oder nie verwende. Es stellt sich unweigerlich die Frage: Woran liegt es? Bin ich zu alt und zu unflexibel? Oder wurde eine gute Idee so schlecht umgesetzt, dass man sie nicht nutzen mag?

Hier drei Beispiele, die mir aufgefallen sind. Falls ihr ähnliche Beobachtungen aus eurem Alltag habt, freue ich mich über einen Kommentar. Mit Ergänzungen aus der Community gäbe dieses Thema einen Artikel für die Zeitung her.

1) Die virtuellen Desktops

Schon vor 14 Jahren hatte ich den Gedanken, dass die virtuellen Desktops eine Arbeitserleichterung sein könnten: Sie ermöglichen es, Arbeitsbereiche z.B. für Administratives wie den Terminkalender und die Slack-Nachrichten zu schaffen und die Textverarbeitung und das CMS davon getrennt zu arrangieren.

Damals mussten sie bei Windows über ein Utility nachgerüstet werden. Seit Windows 10 gibt es sie offiziell. Und trotzdem benutze ich sie nicht (ausser für Screenshots). Warum?

In diesem Fall habe ich eine einleuchtende Erklärung: Ich arbeite gern mit Tastaturkürzeln. Bei Windows lässt sich per Kurzbefehl zwar der Desktop wechseln (mit der Windows-Taste, Ctrl und Pfeil nach rechts bzw. nach links). Es existiert jedoch kein Tastaturkürzel, um ein Fenster «mitzunehmen». Um ein Fenster auf einen anderen Desktop zu verschieben, muss die Maus bemüht werden. Und dieses Prozedere ist zu umständlich: Das Icon der Aufgabenansicht (Task View) anklicken, das fragliche Fenster identifizieren und per Maus entsprechend umplatzieren.

Desktop mit mehreren offenen Anwendungen: Dateiexplorer, Browser, Texteditor, Medienordner, Google-Suchseite und Designprogramm. Anzeige in Kachelansicht auf grauem Hintergrund.
Um die virtuellen Desktops wirkungsvoll zu verwenden, müssten wir Lust verspüren, hier Apps hin und her zu schieben.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass sich das Tastaturkürzel nachrüsten lässt: entweder mit Autohotkey oder aber mit dem Gratisprogramm Move to desktop. Letzteres probiere ich derzeit aus. Standardmässig gab es mir die Fehlermeldung aus, der Hotkey für die Verschiebung nach links könne nicht registriert werden. Dieses Problem lässt sich lösen: Dazu die Konfigurationsdatei herunterladen, unter %AppData% platzieren und dort das Kürzel entsprechend anpassen. Wir müssen anschliessend noch dafür sorgen, dass dieses Hilfsprogramm beim Start des Betriebssystems automatisch geladen wird.

2) Die Widgets

Am Smartphone finde ich sie inzwischen brauchbar. Am grossen Desktop-Computer sind sie bloss lästig. Sie erfüllen kein echtes Bedürfnis, und sie sind konstant im Weg: die Widgets.

Man könnte sich fragen, ob es an der schlechten Umsetzung liegt: Microsoft missbraucht dieses Feature bei Windows vor allem, um das Microsoft Network (MSN) zu promoten. Doch die Widgets nerven auch beim Mac, weil sie langjährigen Gewohnheiten zuwiderlaufen.

Es ginge hervorragend ohne die Widgets in Windows.

Ich habe eine andere Erklärung: Dieses Feature ist überflüssig. Sowohl Apple als auch Microsoft sind mit ihm mehrfach gescheitert. Es gehört auf die Müllhalde der digitalen Geschichte.

3) Die empfohlenen bzw. zuletzt verwendeten Dokumente

Die Aufzählung der kürzlich geöffneten Dateien existiert seit ewigen Zeiten. Sie ist mindestens seit Windows 95 vorhanden. Vor dreissig Jahren war sie über den Ordner Recent abrufbar. Was mich angeht, habe ich in den drei Jahrzehnten seit Einführung kein einziges Mal davon Gebrauch gemacht.

Natürlich kann das an mir liegen. Ich vermute, dass diese Liste der zuletzt verwendeten Dokumente praktisch für Leute ist, die intensiv mit einer überschaubaren Anzahl von Dateien hantieren. Meine Gewohnheiten sind anders:

  • Erstens speichere ich oft Dateien zu Archivzwecken. Die müssten nicht im Verlauf auftauchen. Da sie es trotzdem tun, sorgen sie dafür, dass die Liste unübersichtlicher wird.
  • Viele meiner Dokumente brauche ich sporadisch. Sie fliegen aus der Liste, bevor ich dazu käme, sie dort zu suchen.
  • Die chronologische Anordnung zwingt uns, ist wenig praktisch. Leute, die die Chronologie nicht auswendig kennen, müssen die Liste abscannen, bis sie fündig werden (oder wie angedeutet eben auch nicht).

Unter dem Strich ist es praktischer, zuerst das fragliche Anwendungsprogramm zu öffnen. Weil wir so die Auswahl auf einen Dateityp einschränken, erhöht das die Chancen beträchtlich, dass wir im Dateimenü, wo ebenfalls zuletzt verwendete Dateien aufgezählt sind, auch tatsächlich einen Treffer landen.

Zwei Bemerkungen:

  • Noch schlimmer sind die empfohlenen Dokumente – als ob Windows eine Ahnung hätte, womit ich mich beschäftigen will. Da hilft nur eines: abschalten. Bei Windows 11 ist das zum Glück möglich und führt dazu, dass das neue Windows-Startmenü nicht ganz so hässlich ist.
  • Es gab bei Windows 10 den Versuch, diese Errungenschaft von Windows 95 zu modernisieren: Der Aktivitätenverlauf war eine Zeitleiste, die die Auswahl der Dokumente anhand grosser Vorschaubildchen vereinfachen sollte. Mir erschien das seinerzeit als gute Idee. Doch schon mit Windows 11 verschwand dieses Feature wieder. Ich nehme an, dass es keinen Anklang fand.

4) und 5): Sprach- und Gestensteuerung

Die Idee, dem Computer gesprochene Anweisungen zu erteilen, ist älter als Windows selbst – ein Jahr vor der Erstveröffentlichung von Microsofts Betriebssystem sendete das Schweizer Fernsehen einen (sehenswerten) Beitrag, in dem Röbi Weiss, Computerexperte der ersten Stunde, diese Zukunftstechnologie vorstellte. Doch bis heute ist diese Methode zu umständlich und inkompatibel mit unseren Arbeitsbedingungen. Denn mit mehreren Leuten in einem Büro ist es nicht praktikabel, dass jeder mit seinem Arbeitsgerät spricht.

Der KI sei Dank unternimmt Microsoft mit Copilot Vision einen neuen Versuch und auch Windows soll sich demnächst so steuern lassen. Da es neu möglich sein wird, auch komplexe Abläufe summarisch in Auftrag zu geben und nicht bloss Einzelbefehle aufzurufen, sind die Erfolgsaussichten besser als auch schon. Trotzdem glaube ich nicht, dass das zum dominierenden Paradigma werden wird.

Im Vergleich dazu ist die Gestensteuerung niederschwellig zu benutzen: Mit Gesten auf dem Trackpad erhöhen oder verringern wir die Lautstärke oder wechseln den virtuellen Desktop – falls wir uns nicht bei Punkt 1 dazu entschlossen haben, einen Bogen um dieses Feature zu machen.

Warum brauche ich sie dennoch nicht? Klar, weil ich meistens nicht direkt am Laptop arbeite, sondern vor dem externen Bildschirm an der Drahtlos-Tastatur sitze. Und eben: Features, die man nicht regelmässig nutzt, gehen nicht in Fleisch und Blut über – sondern schnell vergessen.

Die Einstellungen fürs Scrollen und die Mehrfinger-Gesten.

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