Stapel von Akten und Ordnern mit gelben Registerkarten füllen einen Tisch in einem Büro. Im Hintergrund sind Deckenleuchten
Die Aufbereitung hier lässt, anders als bei Jmail, noch zu wünschen übrig (Wesley Tingey, Unsplash-Lizenz).

Ein Blick in Jeffrey Epsteins Mailbox

Ist es eine Art Videospiel oder ein gefundenes Fressen für Voyeure? Auf Jmail lässt sich der veröffentlichte Teil der Epstein-Files erkunden.

Dieser Online-Shit der Woche wäre es wert gewesen, noch im alten Jahr bebloggt zu werden. Gewisse Mängel bei der Themenplanung haben das verhindert. Aber besser zu spät als nie.

Jmail.world ist eine Website mit einer interaktiv erschliessbaren Datensammlung. Gleichzeitig fühlt sich das Projekt an wie ein voyeuristisches Online-Game aus dem «Lost Phone»-Genre: Bei dem gerät uns als Spielerin oder Spieler ein verlorenes Telefon in die Hände. Wir sind eingeladen, unserem Voyeurismus freien Lauf zu lassen und die dunklen Geheimnisse des Besitzers oder der Besitzerin zu erkunden.

In diesem Fall sorgt die politische Komponente für zusätzlichen Kitzel und Komplexität. Der Inhaber der fraglichen Daten ist eine real existierende Person des öffentlichen Interesses, nämlich Jeffrey Epstein: Ein verurteilter Sexualstraftäter, der wegen Menschenhandels angeklagt war und sich 2019 im Gefängnis das Leben nahm. Viele prominente Menschen zählten zu seinen Bekanntschaften und Freunden. Die Welt fragt sich bis heute, wie tief hochrangige Politiker wie Donald Trump in diesem Sumpf drinstecken. Diese Debatte wird unter dem Schlagwort Epstein files geführt. Epsteins digitale Hinterlassenschaft könnte für Klärung sorgen. Bloss wurde die bislang zögerlich, unvollständig und über weite Strecken geschwärzt veröffentlicht.

Sonderlich ordentlich war Epsteins digitales Leben nicht

Eine E-Mail-Oberfläche mit einer geöffneten Nachricht. Der E-Mail-Text behandelt Winterpläne, Orte wie Zürich, New York und
Wir können nur erahnen, was hinter dieser Nachricht steckt.

Der Teil, der zugänglich gemacht wurde, ist unter Jmail erforschbar. Als Webanwendung aufgebaut, steigen wir über Epsteins Mailbox ein – als ob wir Zugang zu seinem Gmail-Account hätten. Wir klicken uns durch die Nachrichten, verwenden am linken Rand die Liste mit seinen Kontakten, konzentrieren uns auf die mit Stern markierten Mails und lesen unter Sent nach, welche Nachrichten Epstein selbst versandte. Unter Attachments finden wir Anhänge, mehrheitlich Bilder und eine Handvoll PDFs und Worddocs. Oder wir bemühen die Suchfunktion mit einem passenden Stichwort. Zum Beispiel, willkürlicher Vorschlag: Trump.

Das ist nicht alles: Über die KI «Jemini» dürfen wir auch Fragen stellen. Zum Beispiel: «What’s my relation to Switzerland?» Antwort u. a.: «Epstein held three bank accounts at HSBC Private Bank in Geneva and had dealings with Edmond de Rothschild in Geneva.» Und: «Emails suggest that Epstein may have recruited young women from Zurich for sex trafficking, with ‹assistant› possibly used as a code word.»

Tausende Fotos, Flüge, PDFs und Überwachungsvideos

Über das Apps-Icon (das 3×3-Raster) gelangen wir zu weiteren Datensammlungen:

  • Unter Photos finden sich 7050 Aufnahmen, von Epstein selbst, Bill Clinton, Steve Bannon, natürlich Ghislaine Maxwell, Donald Trump, Bill Gates, Kevin Spacey, Woody Allen und – für mich – überraschenden Leuten wie Mick Jagger und Noam Chomsky.
  • Auf Files lagern geschlagene 47’033 Dateien, wiederum Aufnahmen, ebenso Tonnen von PDFs mit juristischen Inhalten, Plänen und ähnlichen Dingen.
  • Via JVR gelangen wir zu den Aufnahmen der Überwachungskameras aus Epsteins Anwesen.
  • Bei Jamazon klicken wir uns durch 1006 archivierte Online-Bestellungen.
  • Schliesslich sehen wir im Bereich JFlights die Flug-Historie des Mannes: 4292 Flüge von über 10’000 Stunden mit 3302 Passagieren. Ein paarmal ist er in der Schweiz gelandet oder gestartet.
Eine Personengalerie in einer Fotoverwaltungs-App mit verschiedenen Bildern von einer Frau in verschiedenen Umgebungen.
Die nach Personen sortierte Fotosammlung.

Banale Fotos und Bilder von Verbrechen

Zurückbleiben seltsame, zwiespältige Gefühle:

Beim wahllosen Klicken stossen wir auf banale Dinge wie den Lacing activity guide – wie sich auch in unserem Download-Ordner ein wildes Durcheinander ansammelt. Fastcompany schrieb treffend:

Es überrascht, wie viel von dem Zeug auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend wirkt.

Sucht man gezielter oder länger, dann ändert sich dieser Eindruck:

In derselben Bilderdatenbank mit Schnappschüssen von Konzerten, Pferden, Epstein beim Tischtennisspielen und beim Hundestreicheln befinden sich auch Fotos von schrecklichen Verbrechen, darunter zahlreiche (geschwärzte) Aufnahmen von Opfern.

Anrüchtig oder aufklärerisch?

Muss oder will ich das sehen? Keiner von uns ist ein Ermittler, der diese Daten mit einem konkreten Auftrag und im Dienst der Wahrheitsfindung auskundschaftet. Wenn wir uns in einem Onlinespiel wähnen oder unserem inneren Spanner nachgeben, dann bekommt Jmail einen anrüchigen Touch.

Den gleichen Vorwurf lässt sich ebenso gegenüber den True-Crime-Podcasts oder sensationslüsternen Dokus im Privatfernsehen erheben. Sie werden von manchen aus fragwürdigen Gründen konsumiert. Doch wichtiger ist ein anderer Aspekt: die Auseinandersetzung mit unserer Welt ist nicht nur legitim, sie ist unverzichtbar. Diese ungeheuerliche Epstein-Angelegenheit ist eine Tatsache. Jmail ermöglicht es jederman und jederfrau, sich ein Bild zu verschaffen. Die Umsetzung als Web-App garantiert einfache Zugänglichkeit. Und darum ist Jmail vorbildlich, was den modernen Umgang mit solchen Datensammlungen angeht.

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