Neulich stellte einer auf Threads die Frage, welche App uns «am gemeinsten verraten» habe. Natürlich riecht die Formulierung streng nach Ragebaiting. Aber das Anliegen selbst hat seine Berechtigung. Es kommt regelmässig vor, dass die Updates ein Programm nicht besser, sondern schlechter machen.
Einige Beispiele gefällig? Hier meine persönliche Liste der Schande mit den Apps mit Ermüdungserscheinungen. Übrigens: Falls euch weitere Programme einfallen, teilt mir das über einen Kommentar mit – wenn es nicht nur um meine Sichtweise geht, würde sich das Thema nämlich hervorragend für die Zeitung eignen.
Evernote
Die Notiz-App aus Kalifornen ist ein Paradebeispiel für eine App, mit der es über Jahre bergab ging. 2008 lanciert, legte sie einen veritablen Siegeszug hin: Sie war einfach zu benutzen, rank und schlank und nutzte die Möglichkeiten der Cloud souverän aus. Per Synchronisierung standen die Notizen am Smartphone genauso zur Verfügung wie am Desktop-PC. Das war damals ein grosses Ding. Wir waren dabei, das iPhone in unseren Alltag zu integrieren; es gab Evernote aber auch für den Palm Pre, Android, Blackberrys und für Windows Mobile.
Da kam eine App, die auch mobil unkompliziert zu benutzen war, gerade recht: Im Januar 2010 war mir Evernote darum einen Aufmacherartikel im Tagesanzeiger wert. Besonders zu loben waren die Texterkennung in Bildern und die Sprachnotizen.
Doch wie es häufig mit Erfolgs-Apps geschieht, so ging es auch Evernote: Diese Anwendung wurde über die Jahre immer dicker und umfangreicher. Die Entwickler verloren ihren Fokus aus den Augen. Sie wollten sich nicht mehr damit zufriedengeben, bloss eine Notiz-App zu sein. Stattdessen wurde daraus eine Wissensdatenbank und dann eine Art Ökosystem mit Produkten wie Skitch, Penultimate und Evernote Food. Manche dieser Abkömmlinge fand ich seinerzeit in Ordnung, aber mit dem Hauptprodukt hatte ich meine liebe Mühe. 2015 stieg ich (ausgerechnet) auf Onenote um. Seit 2021 verwende ich Simple Note.
Natürlich lässt sich der Niedergang von Evernote nicht ohne das Stichwort Bending Spoons erklären: Das in Mailand domizilierte Unternehmen kauft Tech-Startups auf, erhöht die Preise bzw. die Abogebühr und entlässt einen Grossteil der Belegschaft. Eigentlich könnten fast alle Apps, die diesem Schicksal anheimfielen, in dieser Liste hier aufgezählt werden. Mich schmerzt besonders, dass es Filmic, Wetransfer und Komoot betraf – alles Apps, die ich selbst gern nutzte.
Dropbox

Auch das ein Senkrechtstarter: 2007 gegründet, revolutionierte diese Anwendung das Dokumentenmanagement. Sie war die perfekte Verbindung zwischen klassischer, lokaler Datenhaltung und der Cloud. Ab 2009 nutzte ich sie noch so gern, um wichtige Dateien zwischen meinem privaten Computer und dem Büro-PC abzugleichen. Auch der Austausch zwischen Windows und Mac funktionierte hervorragend.
Zehn Jahre später war diese Romanze vorbei. Schuld war die Preisgestaltung, die nicht mit meiner Nutzungsweise kompatibel war.
Auch bei Dropbox waren die Ambitionen zu gross: Man wollte zu einem umfassenden Ausstatter des digitalen Office werden. 2017 wurde Dropbox Paper lanciert. Ich besprach diese Neuerung damals wohlwollend. Aber ein gutes Produkt allein reicht nicht, wenn die Konkurrenz aus gleich zwei Branchen-Titanen besteht, nämlich Google mit Docs und Microsoft mit Word. Die Gefahr, dass man seine Energie in ein fruchtloses Projekt steckt und die Kernkundschaft aus den Augen verliert, ist riesig.
Fantastical

2013 versetzte mich die Kalender-App in Begeisterung. 2020 war die endgültig verflogen. Die Ursache lässt sich, wie bei vielen anderen App-Abstürzen, in einem Wort benennen: Abo.
Womit wir einen Hauptschuldigen benennen können: Apple. Beim App Store gab es ab 2011 die Möglichkeit, Abonnemente zu lösen. Die war anfänglich nur für Inhalte gedacht, z.B. für digitale Magazine. Doch 2016 erlaubte Phil Schiller sie für normale Apps. Viele Entwickler nutzten das neue Preismodell damals, um massive Aufschläge zu kassieren: Fantastical kostete 2013 zwei Franken als Einmalkauf. 2020 hätte man 43 Franken pro Jahr dafür berappen müssen.
Ifttt
Dieser Niedergang ist besonders tragisch: «If this then that» zeichnete sich 2010 dadurch aus, das Kernprinzip des Internets mit den Stärken der Cloud zu kombinieren: Webanwendungen liessen sich untereinander verknüpfen und zu produktübergreifenden Lösungen zusammenpuzzeln. Das war eine Innovation, die mich sofort vereinnahmte: So muss das Internet funktionieren: offen, sodass Daten frei fliessen können.
Wie wir inzwischen wissen, betrieben die Tech-Konzerne das Gegenteil: Sie sperrten Daten in Silos, weil das die Abhängigkeit von uns Nutzerinnen und Nutzern vergrösserte.

Dementsprechend ist der Abstieg von Ifttt symptomatisch: Die Tech-Konzerne schränkten die Nutzung ihrer Schnittstellen ein oder schalteten ihre APIs gänzlich ab. Das brachte Ifttt dazu, sich auf die Geschäftskunden zu konzentrieren. Und das Produkt wurde so umgebaut, dass es kaum mehr zu benutzen war. 2020 war mein Vertrauen endgültig dahin.
Soundcloud und Spotify
Fassen wir zusammen: Zu grosse Ambitionen, Umstellungen beim Preismodell, der Verkauf an einen gierigen Akquisiteur und ein verschlechterndes Umfeld führen zu App-Abstürzen.
Ein weiterer Mechanismus kommt hinzu: die Enshittification. Sie setzt in dem Moment ein, in dem ein Unternehmen in ihrem Bereich so erfolgreich ist, dass es die Spielregeln diktieren und die Abhängigkeit der Kundinnen und Kunden ausnutzen kann. Das zeigte sich bei Soundcloud, wo ich die Probleme in zwei Blogbeiträgen (hier und hier) aufdröselte. Viel mehr Betroffene gibt es im Fall Spotify: Dieser Streamingdienst lässt Künstlerinnen und Künstler auf Kosten der User bluten.

Adobe
Im Threads-Thread, der der Anlass für diesen Blogpost war, nannten viele Adobe als Beispiel für ein Unternehmen, das seine Nutzerinnen und Nutzer «verraten» habe. In Bezug auf die Creative Cloud stimmt das mit Sicherheit. 2013 die Kaufversion der Produkte Knall auf Fall einzustellen und durch ein Abo zu ersetzen, war eine brutale Ausnutzung der Tatsache, dass viele kreative Nutzerinnen und Nutzer aufgrund von Sachzwängen nicht auf Alternativen wie Affinity umschwenken können.

Und dass Adobe diese Abhängigkeit ausnutzt, zeigt sich in häufigen Preisaufschlägen ebenso wie bei den problematischen Nutzungsbestimmungen (Stichwort: eingeschränktes Kündigungsrecht). Trotzdem: Dass die Software über die Jahre generell schlechter geworden sei, lässt sich nicht behaupten. Im Gegenteil – wenn man sich Photoshop 1.0 anschaut, ist der Fortschritt unbestreitbar.
Darum das Fazit: Adobe passt derzeit nicht in diese Liste. Aber was nicht ist, kann noch werden.
Passwort Manager LastPass – Abofalle und immer schlechtere Kompatibilität / Integration. Mit Erleichterung durch Bitwarden abgelöst und nie bereut.
Mailbox – immer noch mein alternativlose Lieblings-Mailprogramm (kommerzielles Thunderbird-Derivat). Erst eine Lizenz mit lebenslangen Updates verkauft, wurde danach von EMClient aufgekauft und eingestellt. Ich bin immer wieder erstaunt wieviele unbefriedigende, lückenhaft ausgestattete Mail-Anwendungen es gibt.
pixelr-o-matic Es war eine einfache App mit welcher man eine kleine Anzahl fest vorgegebener Rahmen, Effekte oder Filter auswählen konnte.
Ich habe die Rahmen und Vignettierung für Instagram benutzt. Von einem Tag auf den anderen brauchte man ein Abo und konnte nur noch KI Filme etc. machen.
(Ist keine so wichtige App wie die von Dir genannten und Instagram ja auch nicht mehr so toll, aber ich war trotzdem enttäuscht)
Habe ich alle nie verwendet. Dropbox war bei uns an der Hochschule fast von Anfang an verboten, da viel zu unsicher für Forschungsdaten. Privat gehe ich nur dort rein, wenn ich unbedingt muss, als „Gast“ im Account von jemand anderem. Alleanderen hier beschriebene Dingerchen gingen an mir spurlos vorbei 😉
Ich nenne es „gemolken werden“. Vllt ist das auch ein verbreiteter Begriff. Leider betrifft es jede zweite von mir benutzte App oder Service. Das junge, ambitionierte Unternehmen wird verkauft und die neuen Besitzer versuchen, alles Geld rauszudrücken, und das möglichst lange. Metanet.ch ist das erste, was mir einfiel. Headspace, die schöne Meditations App gleich darauf. Qualität geht rasant runter und die Preise kontinuierlich hoch. Kundendienst war mal grandios, präzise und persönlich, jetzt geben sie einen Dreck und die KI versucht dich bestenfalls nett zu gaslighten, das da gar kein Problem sei. Trello hat auch schon die Tendenz, geht aber grad noch. Datingapps hab ich Besitzstruktur nie recherchiert aber scheinen ebenfalls stark in diese Dynamik zu fallen. Die e-Bike verleih App „Smide“ dann „Bond“ war ebenfalls gutes Beispiel. Ich nehme an, andere eScooter etc Apps ebenfalls.
Danke fürs Teilen