Blick ins Cockpit eines Flugzeugs mit diversen Instrumenten und Anzeigen. Durch die Frontscheibe ist der bewölkte Himmel zu sehen.

Ein Blindflug mit Kimi führte zum Absturz dieses Blogposts

Eigent­lich wollte ich kurz vor Silvester bloss eine Pen­denz des alten Jah­res ab­ar­beiten und noch kurz den Chatbot von Kimi.com testen. Das Re­sultat war auf eine un­vor­her­seh­ba­re Weise über­ra­schend.

Als zweitletzter Gruss von diesem Blog im alten Jahr eine Beobachtung in eigener Sache. Es geht um das Thema, das mich 2025 mehr als alles andere in Atem gehalten hat. Das ist, natürlich, die künstliche Intelligenz. Über den Daumen gepeilt sechs Dutzend Beiträge habe ich ihr gewidmet. Und eine Frage, die über allem schwebte, war: Wie gross sind die Veränderungen, die auf uns zurollen?

Karte zeigt Website-Zugriffe nach Ländern. China mit 2'402 Aufrufen, starkes Wachstum von 47'940 %. Weitere Länder: Deutschland 68, USA 54, Schweiz 52. China's Zahl hervorgehoben.
Womit wir diese Frage mit einem eindeutigen Ja beantworten können.

Mein Eindruck ist: Wir befinden uns noch immer in einem Blindflug. Das Licht aus dem Cockpit beleuchtet die Wolken, die sich ein paar Meter vor uns befinden. Wir aber haben ein so affenartiges Tempo drauf, dass keine Chance auf eine vernünftige Reaktion bestünde, falls plötzlich King Kongs Kopf vor uns aus dem Nebel bricht.

Verkompliziert wird diese Sache durch diese seltsamen Rückkopplungen, die sich aus unseren Bemühungen ergeben, diese Entwicklung hier zu verstehen. Um beim Bild zu bleiben: Dieses Flugzeug düst nicht nur bei Nullsicht über einen unentdeckten Kontinent. Irgendetwas ist mit dem Ablauf der Zeit nicht in Ordnung. Handlungen aus unserer Vergangenheit beeinflussen die Gegenwart auf eine Weise, die wir nicht gewohnt sind – wie in der Anomalie, die sich Hervé Le Tellier 2020 ausdachte.

Was kann die KI aus Peking?

Und so entstand dieser Eindruck: Um einen Schlussstrich zu ziehen, wollte ich ein liegen gebliebenes Thema abarbeiten und endlich Kimi besprechen. Das ist ein Sprachmodell wie ChatGPT, das nicht für so viel Furore sorgte wie Deepseek anfangs des Jahres. Doch die KI von Moonshot AI aus Peking weist einige spezifische Stärken auf: Sie hat ein riesiges Kontextfenster und kann bei einer Antwort mehr Details berücksichtigen als die Konkurrenz.

Für einen ersten Eindruck stellte ich Kimi einige Fragen aus meinem Fundus. So ergibt sich eine Vergleichsmöglichkeit mit anderen Konkurrenten wie ChatGPT, Claude, Perplexity, Mistral und Gemini. Die erste Frage knüpfte an meine Besprechung von «Asterix in Lusi­ta­nien» an. Bei der hatte ich abschliessend gefragt, was denn eine originelle Idee für einen neuen Asterix-Band sein könnte. Kimi antwortete kurz, bündig und in sehr holperigem Deutsch:

Asterix erfindet Buchdruck – römische Propaganda kollabiert lachend.

Dieser Plot ist, mit Verlaub, origineller als alles andere, was man mir damals vorgesetzt hat. Er würde Johannes Gutenberg vom Sockel stossen, das deutsche Selbstverständnis als Erfindernation untergraben und eine Steilvorlage für eine kontrafaktische Geschichtsschreibung liefern. Denn wenn der Buchdruck 1500 Jahre früher stattgefunden hätte, wären wir heute auch in vielen anderen Bereichen weiter. Also: ein Paukenschlag.

Meine Rede? Meine Rede!

Den zweiten Anlauf nahm ich mit meiner These vom September, Karlsson vom Dach sei ein Cyborg gewesen. Kimi ist voll auf meiner Seite, und zwar so dezidiert, wie keines der anderen Sprachmodelle:

Der Propeller von Karlsson vom Dach ist kein ablegbares Gadget, sondern ein fester Teil seines Körpers – genauer gesagt: ein am Rücken befestigtes Gerät, das nicht abgenommen werden kann, sondern wie ein Körperteil funktioniert. Er wird über einen Knopf am Bauch aktiviert, was darauf hindeutet, dass er integriert ist, ähnlich wie ein implantiertes technisches Organ.

Meine Rede! Diese KI versteht mich, als ob wir Seelenverwandte wären. Wie kann das sein?

Die Antwort ist ebenso einleuchtend wie verstörend: Es ist meine Rede. Als Quelle für die Antwort gibt Kimi meinen Blogpost an.

Damit sind wir bei der Anomalie: Mein drei Monate alter Blogpost reiste tatsächlich in die Gegenwart, um heute meinen Kimi-Test zu sabotieren. Dieser leicht surreale Sachverhalt appelliert an mein Flair für Zeitreise-Geschichten. Und er gibt mir das gute Gefühl, mit meiner Arbeit als Blogger und Journalist einen Einfluss auszuüben, wie er mir bisher nicht vergönnt war. Die Ideen, wie ich sie hier formuliere, prägen also die Antworten, die die Leute von der Zukunft von ihren Chatbots erhalten werden.

«Browserfenster zeigt eine Diskussion über den Propeller von Karlsson vom Dach. Themen sind Gadget oder Körperteil, mit weiteren Infos und Suchergebnissen auf der Seite.»

Da blickt keiner mehr durch

Natürlich; für eine echte Zeitreise müsste die Anomalie in die entgegengesetzte Richtung wirken. Darum ist meine andere Metapher, die der Rückkopplungen, passender. In der steckt die ganze Unberechenbarkeit, die in diesem unglaublichen System steckt, das sich auf eine Weise beeinflusst, die niemand mehr durchschauen, geschweige denn verstehen kann. Ich lernte 2025 den Begriff der autophagischen Schleife: Sie entsteht, wenn die KIs nicht mehr mit menschlichen Inhalten trainieren, sondern mit Output ihresgleichen. Manche sprechen simpel von Brainrot, Gehirnfäulnis.

Und damit dürfen wir gespannt sein auf 2026! Morgen gibt es hier noch einen Beitrag noch etwas mehr in eigener Sache, nämlich die Top-50 der Beiträge von 2025.

Beitragsbild: Ende 2023, als die Sicht noch gut war (Trent Erwin, Unsplash-Lizenz).

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