Ist es ein echter Skandal? Oder ist es ein einziger Purist, der auf Mastodon überreagiert? Jedenfalls schrieb Thomas dort neulich, Firefox sei in Ungnade gefallen. Er bezeichnet den Browser als «KI-Schleuder» und kündigte an, ihn zu löschen.
Eine Google-Suche zeigt, dass Thomas mit dieser Meinung nicht alleine ist. Auslöser der Kontroverse ist der Beitrag Introducing AI, the Firefox way. Er legt dar, wie Mozilla mit der künstlichen Intelligenz umzugehen gedenkt:
In Firefox sind Sie niemals an ein bestimmtes Ökosystem gebunden und es wird Ihnen keine KI aufgezwungen. Sie entscheiden selbst, wann, wie und ob Sie diese nutzen möchten.
Im Blogpost schreibt Mozilla von einem AI Window als Bereich, in dem die KI genutzt wird. Er würde sich jederzeit deaktivieren lassen, und falls ich die Beschreibung richtig deute, werden Nutzerinnen und Nutzer wählen können, welches Sprachmodell sie verwenden.
Das ist ein wesentlicher Unterschied zu den KI-Browsern wie Comet von Perplexity oder Atlas von OpenAI. Bei Opera ist ebenfalls eine KI integriert. Microsoft hat Edge quasi mit Copilot verheiratet und Google tut mit Chrome und Gemini dasselbe. Warum bejubelt die Firefox-Anwenderschaft also nicht die Wahlfreiheit, die ihnen hier eingeräumt wird?

«KI im Browser ist widerlich»
Vielleicht, weil die Strategie bislang nicht fassbar ist. Mir ist der Blogpost im Ton zu marktschreierisch und bei den Details zu vage. Mozilla öffnet den Spekulationen Tür und Tor und bringt Leute dazu, voreilige Schlüsse zu ziehen. Als Beispiel soll der Blogpost von Gardiner Bryant dienen, der sich als Verfechter freier Software bezeichnet. Er schreibt, KI im Browser sei «widerlich». Dieses Urteil begründet er so:
Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie diese Funktion für irgendjemanden nützlich sein könnte. Sie zu entwickeln, ist eine Verschwendung von Zeit und Ressourcen. Das Schlimmste daran ist, dass Mozilla die grossen KI-Akteure unterstützt. Schliesslich stehen Anthropic, OpenAI, Microsoft, Google und Mistral zur Disposition.
Der Bryant-Rant gipfelt in der rhetorischen Frage, ob wirklich jemand ausserhalb von Mozillas Führungsriege um diese Funktion gebeten habe.
Nun, die Frage kann ich beantworten: Ja, ich. Im Juni testete ich die KI-gestützte Link-Vorschau und fand sie hochgradig praktisch. Zugegeben, ich habe beruflich mit KI zu tun, aber ich bin überzeugt, dass ich nicht der einzige in der Community bin, dem es so geht – ob aus privater Begeisterung heraus oder aufgrund von beruflichen Sachzwängen, macht keinen grossen Unterschied. Ich fände es beunruhigend, wenn Mozilla die Augen vor dieser Entwicklung verschliessen würde.
Eine Chance, die Mozilla nicht ignorieren darf
Ich bin überzeugt, dass dieses Engagement für Mozilla nicht nur eine Notwendigkeit, sondern vor allem eine Chance darstellt. Wer – wenn nicht die freie Software-Community – könnte beweisen, dass das Modell der Wahlfreiheit das überlegene ist? Statt den Browser wie bei Comet, Atlas, Edge und Chrome mit einer bestimmten KI zu verschmelzen, wählen Anwenderinnen und Anwender eigenständig ihr bevorzugtes Sprachmodell. Das kann via Schnittstelle eines der LLMs von OpenAI, Anthropic, Google, Mistral oder Deepseek sein. Bei einer offenen Integration stehen alternativ die Open-Source-Modelle zur Verfügung. Ich erinnere daran, dass die erwähnte Linkvorschau von einem kleinen, lokalen Modell erzeugt wird. Am Mac, iPhone und iPad hat Mozilla die Möglichkeit, die lokalen Modelle von Apple Intelligence einzubinden. Und wer mag, betreibt solche Modelle selbst – wie das gehen könnte, zeigt dieses Beispiel für Mozilla Thunderbird.

Mein Ratschlag an dieser Stelle: Ruhig Blut bewahren! Es besteht die Chance, dass Mozilla die KI-Integration nicht vermasselt, sondern beweist, dass die Idee der freien Software mit einer selbstbestimmten Nutzung der künstlichen Intelligenz vereinbar ist.
Ohne Zweifel liegen die Hürden für diesen Beweis hoch. Die kommerziellen Konkurrenten betrachten den Datenschutz als vernachlässigbar. Das gibt ihnen einen riesigen Startvorteil: Ein agentischer Browser, der sich sämtliche Nutzerdaten zu eigen macht, ist per se leistungsfähiger als einer, der unter strengen Datenschutzbedingungen operiert. Wenn umgekehrt das besagte AI Window das Sprachmodell komplett isoliert, dann bringt es im Alltag kaum einen Nutzen: wir – wir könnten genauso gut dabei bleiben, ChatGPT, Gemini, Claude und Konsorten in der Webversion aufzurufen. Die Kunst besteht darin, den Zugriff auf die persönlichen Informationen so zu dosieren, dass die integrierte KI damit eine bestimmte, anspruchsvolle Aufgabe lösen, aber keinen Schindluder treiben kann.
Open Source wird es richten
Wie liesse sich das bewerkstelligen? Ich bin froh, dass nicht ich es bin, der diesen halsbrecherischen Spagat hinlegen muss. Trotzdem habe ich mir Gedanken gemacht und bin bei Apple Intelligence gelandet. Dieses Konzept könnte Mozilla als Vorbild dienen.
Das heisst: Erst kommt ein lokales Modell zum Zug. Falls das der Aufgabe nicht gewachsen ist, bietet es an, ein Modell in der Cloud hinzuzuziehen. Diesem stellt es als Gatekeeper die zwingend notwendigen Informationen zur Verfügung. Und weil ich verstehe, dass manche Leute eine grundsätzliche Abneigung gegen die KI haben, würde ich einen Hauptschalter für KI ein oder KI aus einbauen. Und natürlich braucht es für jedes einzelne KI-Feature die Möglichkeit, es ein- oder auszuschalten.
Kleiner Service-Tipp zwischendurch: Der Beitrag How to disable all the AI features in Firefox web browser erklärt, welche Schalter nach dem aktuellen Stand der Dinge umgelegt werden müssen, um die KI fernzuhalten.
Thomas gebe ich den Tipp, erst einmal abzuwarten. Sollte Mozilla seine neue Strategie tatsächlich vermasseln, dann existiert in der Open-Source-Welt die Möglichkeit einer Fork: Die Diaspora pflegt künftig eine komplett KI-freie Firefox-Variante, die das Risiko einer unfreiwilligen Datenpreisgabe von Haus aus eliminiert. Das ist auf alle Fälle der bessere Weg, als in einer Überreaktion auf einen anderen Browser zu wechseln, der mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Chromium basiert. Damit würde er den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.
Nachtrag vom 20.12.2025: Bruno schreibt, die Macher des Zen-Browsers hätten angekündigt, bei ihrer Firefox-Fork die KI-Elemente zu entfernen. Voilà, es existiert bereits eine brauchbare Ausweichmöglichkeit. Der Zen-Browser hat viele weitere interessante Besonderheiten zu bieten.

Ich verstehe die ganze Aufregung nicht, erstmal abwarten. Wer weiß heute wohin sich das alles entwickelt.
„Einen Megatrend wie die künstliche Intelligenz kann und darf sie nicht ignorieren“
Das hast du auch über Crypto geschrieben, ne? War schon damals falsch. Aber bloß nicht nachdenken beim nächsten Hype! Die Klicks müssen fließen! Der Planet muss brennen!
Nein, ich hatte zu Cryptowährungen immer eine differenzierte Meinung, wie zu allem, über das ich schreibe. Auch zur KI. Abgesehen davon bin ich ein grosser Fan einer nichtbrennenden Erde. Auch das merkt man hier im Blog übrigens recht schnell.
Das ist nur peinliches Virtue Signalling, für das sich im Real Life (also außerhalb der Timelines der jeweiligen User) niemand wirklich interessiert.
Ich benutze schon seit einiger Zeit Zen und bin zufrieden. Und lasse beim Verlassen immer alles löschen, Cookies usw.
Für Sachen wie Fratzenbuch reicht dann auch noch der Linux-Browser Epiphany, so kann ich gewisse Welten voneinander trennen.