Microsoft überschritt im Oktober die Schwelle zum Vier-Billionen-Konzern. Knapp ein halbes Jahr vorher waren 7000 Stellen abgebaut worden, was einem Drittel der Belegschaft entspricht – und natürlich hängt es von der weltanschaulichen Perspektive ab, ob wir diese beiden Meldungen als widersprüchlich oder folgerichtig empfinden. Was mich angeht, verstärken sie meinen Eindruck, dass Microsoft nicht unbedingt ein Herz für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer hat – weder für die eigenen, noch für die anderer Firmen. Denn wie Ende Oktober herauskam, verpetzt Teams jene Leute, die nicht an ihrem Arbeitsplatz hocken.
Hier in der Schweiz gab und gibt Microsoft 2025 viel zu reden: Die Behörden bei Bund und Kantonen setzen auf die Software des Konzerns. Sie tun das teils schon länger, doch es gibt zunehmend Gründe für Kritik: Die Programme sind inzwischen kaum mehr ohne die Cloud nutzbar. Das wirft unangenehme Fragen zum Datenschutz auf.
Der lange Arm der US-Behörden
Wie sicher sind die Daten in den Rechenzentren noch? Diese Frage stellt sich, selbst wenn sich die Rechenzentren in Europa oder in der Schweiz befinden. (Microsoft investierte hierzulande dieses Jahr 400 Millionen Dollar in die Infrastruktur). Die gesetzliche Lage ist heikel: Der US Cloud Act erlaubt den amerikanischen Behörden den Zugriff auf die bei den US-Tech-Konzernen gespeicherten Daten, selbst wenn diese ausserhalb der Vereinigten Staaten gelagert werden.
Der Cloud Act wurde am 23. März 2018, d. h. während der ersten Amtszeit Donald Trumps, unterzeichnet. Meiner bescheidenen Meinung nach wäre das damals schon ein K.-o.-Kriterium gewesen. Aber nein, diverse Kantone trieben ihre Microsoft-365-Strategie voran. Meiner Journalistenkollegin Adrienne Fichter gebührt das Verdienst, diese Causa detailliert und hartnäckig aufzuarbeiten.

In Trumps zweiter Amtszeit lassen sich die Gefahren dieser Abhängigkeit nicht mehr ignorieren. Der Ruf einer Abnabelung von den US-Tech-Giganten war schon anfangs des Jahres deutlich vernehmbar. Aber während private Anwenderinnen und Anwender auf Microsoft Office verzichten können, ist diese Risikominimierung für Behörden und grosse Unternehmen kurzfristig annähernd unmöglich. Trotzdem: Wer den Kopf weiterhin in den Sand steckt, handelt verantwortungslos – und der Noch-Armeechef Thomas Süssli trifft mit seiner Forderung nach Open Source ins Schwarze.
Ein Weckruf für die digitale Souveränität
Denn Microsoft sperrte im Mai den Account von Karim Khan. Er ist Chefankläger beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Mit seinen Haftbefehlen für Benjamin Netanyahu und dessen ehemaligem Verteidigungsminister Joaw Galant zog er den Zorn Donald Trumps auf sich. «Heise» schrieb von einem Weckruf für digitale Souveränität.
Was noch? Nicht nur Satya Nadella, sondern auch Bill Gates machten im September Trump ihre Aufwartung im Weissen Haus. Ersterer ist CEO, sodass das politische Lobbying zu seinem Pflichtenheft gehört. Die Frage sei dennoch erlaubt, ob es nicht auch möglich wäre, diese Aufgabe weniger opportunistisch zu betreiben. Früher als Google betrachtete Nadella bereits im Juli 2024 das Team für Diversität und Inklusion als «nicht mehr geschäftsrelevant» und schaffte es ab.
Aber Gates? Er sitzt seit 2020 nicht mehr in Microsofts Verwaltungsrat und könnte sich auf seine Rolle als Mäzen konzentrieren. Stattdessen vollführt er eine Kehrtwende bei seiner Haltung zum Klimawandel und schreibt ein Essay, in dem er wie üblich seinen Techno-Optimismus propagiert. Diese neue Position kann man als flexibel werten. Mir erscheint sie als Annäherung an die Trumpsche Weltsicht und als Eingeständnis, dass Bill Gates – obwohl er sich eine eigene Meinung leisten könnte – seine Überzeugungen nach der politischen Grosswetterlage ausrichtet. In seinen Auskünften gegenüber der Zeitung «Welt» war Stolz herauszuhören, dass sich Trump Zeit für ihn nehme. Warum ihm das so wichtig ist, weiss ich leider nicht, weil ich an der Paywall hängen geblieben bin.
An diesem Unsympathen prallt alles ab
Fazit: Microsoft war nie sonderlich auf die sympathische Aussenwirkung bedacht. Das kommt dem Konzern in Zeiten wie diesen entgegen. Denn während viele von uns Apple und Google als rückgratlos empfinden, zucken wir bei Microsoft mit den Schultern: dieser Konzern war schon immer so.
2025 war das Jahr, in dem Skype von uns ging und Windows 10 seine Dernière hatte. Abschliessend bemerkenswert ist, wie wenig Fortschritt in den Kernbereichen zu beobachten war. Die beiden klassischen Sparten Windows und Office rückten in den Hintergrund. Sie sind endgültig zum Fundament geworden, auf dem immer waghalsigere KI-Konstrukte in die Höhe wachsen. Künstliche Intelligenz in Office, im Browser und neuerdings mit Sprachsteuerung: Das wirkt oft aufdringlich, doch bei Licht betrachtet steht die Ausrufung der «Ära des KI-PCs» in der Tradition des Konzerns, den technischen Fortschritt zu nutzen, um die Abhängigkeit der Kundschaft weiter zu verstärken.
Beitragsbild: Halbleer oder ganz leer? Die Frage stellt sich sowohl beim Surface-Tablet mit dem schwarzen Bildschirm als auch beim Microsoft-Becher nebendran (Christina @ wocintechchat.com, Unsplash-Lizenz).