Neulich habe ich mir in den Kopf gesetzt, für diesen Artikel einen Screenshot der ersten Version von Photoshop anzufertigen. Natürlich hätte die Möglichkeit bestanden, mich im Netz zu bedienen. Doch den schmarotzenden Weg vermeide ich, wann immer möglich. Was bereits früher zu übertrieben aufwendigen Aktionen führte.
Die Aufgabe also: Photoshop in der Version 1 in Betrieb zu versetzen, eine Datei zu öffnen und ein Bildschirmfoto anzufertigen. Und siehe da: Es ist machbar, und der Aufwand hält sich dieses Mal einigermassen in Grenzen. Das ist hauptsächlich das Verdienst eines Emulators, der alte Mac-Versionen im Browser zum Leben erweckt.
1) Mac OS Classic ausführen
Die erste Aufgabe ist, das passende Betriebssystem zum Laufen zu bekommen. Da Photoshop ursprünglich für den Macintosh entwickelt wurde, ist das Mac OS Classic. Wenn wir keine passende Hardware zur Verfügung haben, verwenden wir einen Emulator. Von denen gibt es einige: Basilisk II kam in diesem Blogpost zum Zug. Zur Disposition stünden ebenso Sheepshaver und vMac.
Diese Varianten müssen wir alle lokal installieren und selbst mit einem Betriebssystem bestücken. Die Website infinitemac.org erspart uns diesen Aufwand. Dort betreiben wir Mac OS von Version 1 bis zur Version 9 im Browser. Nebenbei stehen uns Steve Jobs’ NeXT-Betriebssystem und die frühen Versionen von Mac OS X zur Verfügung.
Für mein Projekt entscheide ich mich für System 6.0.5. Es stammt aus dem Jahr 1990 und damit aus der Zeit, in der Photoshop effektiv herauskam (im Februar 1990).
2) Photoshop besorgen
Zweitens benötigen wir die Software selbst. Die ist per Google schnell aufzuspüren. Damit wir sie in den Emulator hineinbekommen, benötigen wir sie in einer speziellen Form: als Disketten-Image. In dieser Darreichungsform (Apple II Disk Image mit Endung dsk) finden wir Photoshop auf winworldpc.com.
Um exakt zu sein: Wir finden die Version 1.0.7 (die Beta von 1988 wäre ebenfalls verfügbar). Das scheint die Version zu sein, die heute noch übrig ist. Ob die Version 1.0 jemals veröffentlicht wurde, fand ich auf die Schnelle nicht heraus. Und wir wollen nicht päpstlicher als der Papst sein.
3) Photoshop in den Emulator hineinbekommen
Daten in alte, emulierte Betriebssysteme hineinzubekommen, entpuppt sich oft als knifflige Sache. Netzwerkfähigkeiten oder gar Internet fehlten. Für den Datenaustausch kamen Datenträger, meist Disketten, zum Zug. Aber da es im Webbrowser keinen Schlitz für eine Diskette gibt, benötigen wir einen anderen Weg. Bei Infinitemac lässt sich dieses Problem maximal einfach lösen: Wir müssen lediglich das Abbild eines Datenträgers auf das Fenster des Emulators ziehen, und voilà: Es erscheint ein Diskettensymbol mit Photoshop.
4a) Das Beispielbild für Photoshop aufbereiten
Um Photoshop unser Beispielbild schmackhaft zu machen, müssen wir zwei Probleme lösen:
- Wir brauchen das richtige Dateiformat.
- Und wir müssen Photoshop beibringen, es auch zu öffnen.
JPG, PNG und all die modernen Dateitypen für Pixelbilder existierten 1990 nicht. Eine kleine Recherche bringt uns zum Schluss, dass wir mit dem Tiff-Format zum Ziel kommen müssten. Das gibt es seit Mitte der 1985er-Jahre, und Photoshop kennt es. Ich nehme die moderne Version von Photoshop zur Hand, verkleinere das Bild von Digitalfotogrösse auf ein paar Hundert Pixel Seitenlänge – denn sonst würde es nicht auf eine virtuelle Diskette passen – und speichere es als Tiff. Sinnvollerweise verwende ich keine Kompression, weil die mit grosser Wahrscheinlichkeit zu einem Stolperstein werden würde. (Beim Speichern in Photoshop finden wir heraus, dass die LZW-Kompression unterstützt wird, alle anderen Methoden jedoch nicht.)
4b) Das Beispielbild für den Mac vorbereiten
Im nächsten Schritt muss diese Datei erst in den Emulator und dann in Photoshop hinein. Ersteres klappt nicht mit der nackten Datei, sondern nur mit einer virtuellen Diskette. Bei deren Herstellung hilft uns das Programm HFV Explorer (hier erwähnt und hier oder hier zu finden). Es macht Macintosh-Disketten unter Windows zugänglich.
Denn auch wenn das aus heutiger Sicht nurmehr schlecht vorstellbar ist, war der Austausch von Daten vor dem Internet eine knifflige bis annähernd unmögliche Angelegenheit: Der Mac unterschied sich von anderen Betriebssystemen wie Windows in vielerlei Hinsicht. Es gab andere Dateisysteme und -formate und selbst der Umgang mit den Dateitypen war eigen. Die Dateiendung (.tif) von Windows half beim Mac nicht weiter.

Das Classic-System kannte sie nicht, sondern benutzte stattdessen eine separate Datei, die Resource fork, in der der Datentyp und der Creator (das speichernde Programm) abgelegt sind. HFV Explorer ermöglicht es uns, diese Bedingungen herzustellen:
- Über File > Format new volume erzeugen wir eine virtuelle Diskette, die im Windows-Dateisystem als dsk-Datei in Erscheinung tritt. Per Drag-and-drop bestücken wir diese Diskette mit Dateien; per Maus legen wir unsere Tiff-Datei dort ab.
- Wir klicken auf der virtuellen Diskette die Tiff-Datei an und betätigen im Kontextmenü den Befehl Properties. Dann legen wir den Type als
TIFFund den Creator als8BIMfest.
5) Die Tiff-Datei öffnen
Jetzt ziehen wir die virtuelle Diskette wiederum per Maus auf den Emulator und zeigen deren Inhalt per Doppelklick. Ein weiterer Doppelklick auf die Tiff-Datei reicht, um sie in Photoshop zu öffnen.
Tipp: Eine Datei ohne die entsprechende Ressource öffnen wir in Photoshop über File > Open As mit der Einstellung TIFF unter File Format.
In viereinhalb Schritten gelangen wir zum Ziel.

Bonus 1: Die Datei mit den damaligen Mitteln bearbeiten

Also machen wir uns den Spass und bearbeiten die Datei in Photoshop 1.0.7: Wir haben dafür wenige Werkzeuge zur Auswahl (Auswählen, Beschneiden, Füllen, Verlauf, Linie, Radierer, Stift, Pinsel, Stempel, Wischfinger, Schärfen und Verwischen). Uns stehen keine Ebenen zur Verfügung, und das Texttool, das ich verwende, erlaubt nur eine ungenaue Platzierung des Textes – er erscheint ungefähr da, wo wir geklickt haben. Tipp: Um Umlaute zu verwenden, klicken wir aufs Apfel-Menü, dann auf Control Panels > Keyboard und wählen unter Keyboard Layout den Eintrag Swiss German aus.

Die Idee, die einzelnen Buchstaben des Outline-Texts mit dem Füllwerkzeug (Paint Bucket) farblich zu gestalten, lasse ich gleich nach dem ersten Versuch wieder bleiben, weil das nach heutigen Massstäben willkürliche Effekte produziert. Offensichtlich sind moderne Bildbearbeitungsprogramme viel besser in der Lage, Muster zu erkennen und nur die Buchstaben, nicht aber die nähere Umgebung einzufärben.
Eine offensichtliche Stärke ist das Angebot unter Image > Filter: Das Menü hält 22 Effekte bereit (Add Noise, Blur, Blur More, Custom, Despeckle, Diffuse, Facet, Find Edges, Fragment, Gaussian Blur, High Pass, Maximum, Median, Minimum, Mosaic, Motion Blur, Offset, Sharpen, Sharpen Edges, Sharpen More, Trace Countour und Unsharp Mask). Also verwende ich den Facet-Effekt, platziere den Text und lasse es gut sein. Denn diese erste Version von Photoshop stellt kein «unendliches» Undo zur Verfügung. Sie macht immer nur den letzten Schritt rückgängig. Das macht es umständlich, aufs Geratewohl Dinge auszuprobieren, weil wir bei Fehlern ständig die Originaldatei neu laden müssen.
Fazit: Das weckt Erinnerungen und zeigt eindrücklich die riesige Entwicklung in den letzten 35 Jahren. Der Photoshop von damals hat aus heutiger Sicht einen geradezu lächerlich kleinen Funktionsumfang. Allerdings zeigen sich einige der heutigen Stärken schon damals. Im Menü Image > Calculate finden sich Befehle, um zwei Bilder miteinander zu verrechnen, um etwa die Differenz zu erhalten, sie zu addieren und zu subtrahieren. Dazu können einzelne Farbkanäle herangezogen werden. Dieses Menü nehme ich als Vorboten der Ebenen-Funktion, wo z. B. die Mischmodi eine der leistungsfähigsten Methoden sind, um bestimmte Bildwirkungen und Bearbeitungsresultate zu erzielen.
Bonus 2: Das Meisterwerk zu Windows zurück verfrachten
Bleibt eine Frage: Können wir dieses Werk in Photoshop – oder auch in einer anderen Anwendung – Dateien erzeugen und die wieder aus dem Emulator herausziehen?
Die Antwort ist ein Jein. Mit System 6.0.5 klappt es nicht. Ich wage einen zweiten Versuch mit 7.5 von 1994: Das zeigt den Desktop in bunt an, und es gibt dort den Datenträger Saved HD: Dinge, die wir dort speichern, werden im Cache des Browsers abgelegt und sollten einen Neustart des virtuellen Computers überleben. Es gibt bei diesem System auch das Laufwerk The Outside World: Wenn wir unser bearbeitetes Werk dort im Unterordner Uploads (nicht Downloads) platzieren, wird es heruntergeladen und landet im Download-Ordner unseres Browsers.
Und siehe da: So schliesst sich die Rundreise und mein in Photoshop 1.0.7 bearbeitetes Werk findet den Weg zurück an den Ursprungsort und hier ins Blog …

Beitragsbild: Wenn wir Infinitemac im Vollbildmodus (auszuwählen über die Einstellungen des virtuellen Systems) betreiben und auch den Browser in den Vollbildmodus versetzen, ist die Illusion (fast) perfekt.