Der vorletzte Fall von 2022 spielte zu einem wesentlichen Teil im virtuellen Raum. 2024 ging Robin Ellacott in der Parallelwelt einer Sekte undercover. Die diesjährigen Ermittlungen führen Cormoran Strike und seine Detektivpartnerin ins Milieu der Freimaurer. Das hätte – natürlich! – den Weg in eine alternative Realität von schrägen Strippenziehern, Weltverschwörern und anachronistischen, befremdlichen Ritualen öffnen können. Doch in The Hallmarked Man (Der Tote mit dem Silberzeichen) entschied sich Robert Galbraith alias Joanne K. Rowling für eine klassischere Erzählung. Plakativ gesagt: Die Autorin weigert sich explizit, den Dan Brown zu geben.
Des anfänglichen Bedauerns zum Trotz zeigt sich, dass sich so eine stärkere Erzählung mit einer echten Relevanz entfaltet. J. K. Rowling erspart uns überzeichnete, an Karikaturen erinnernde Figuren, die bizarre, aber unrealistische Dinge tun.
Stattdessen gelingt es ihr, die Leserinnen und Leser davon zu überzeugen, dass diese düsteren Machtmenschen keine Erfindung von formelhaft und plakativ operierenden Bestsellerautoren sind. Sie könnten genauso, wie sie hier geschildert werden, in einem Villenviertel in unserer Nähe leben. Ohne zu viel zu verraten: Lord Oliver Branfoot ist eine solche Person, die sich in der Öffentlichkeit jovial gibt, jedoch Menschen ausbeutet, indem er sich hinter einem Einwegspiegel versteckt. Wie er von Cormoran Strike als zutiefst ausbeuterisches Wesen entlarvt wird, während er wie versteinert Kaviar in sich hineinschaufelt, ist ein Höhepunkt dieser Geschichte.
Wer ist der Tote ohne Hände, Augen und Geschlechtsteil?

Diese Geschichte beginnt mit Strikes Begegnung mit einer aufgelösten, potenziellen Klientin. Decima Mullins sagt, ihr Freund (Rupert Fleetwood) sei verschwunden. Sie vermutet, dass er die Person ist, die als William Wright identifiziert wurde. Die lag im Tresorraum von Ramsay Silver, einem traditionsreichen, den Freimaurern nahestehenden Schmuckgeschäft im Besitz von Kenneth Ramsay. Weil diverse Körperteile fehlen und die Überwachungsanlage alt und schlecht ist, kann Strike die Zweifel von Decima Mullins an dieser polizeilichen Vermutung nicht von der Hand weisen. Er neigt dennoch zur Ansicht, dass Fleetwood sich aus dem Staub machte, um gewissen Verantwortungen zu entgehen.
Der Fall scheint simpel: die Vermutung der Polizei bestätigen und widerlegen – und der Klientin die Rechnung schicken. Aber natürlich wäre J. K. Rowling nicht die geniale Erzählerin, die sie ist, wenn sie mit dieser Ausgangslage mehrere, unterschiedliche Szenarien in den Raum stellen würde. Mehrere Männer kommen infrage, die sprichwörtliche Leiche im Keller des Freimaurer-Schmuckhändlers zu sein: Niall Semple, ein vermisster Veteran des Special Air Service der britischen Armee. Danny De Leon, ein Pornodarsteller und Verbindungsglied zu Branfoot, passt ins Bild. Tyler Powell ist ein weiterer Verdächtiger. Dieser Mann ist in einen Autounfall verwickelt, bei dem viele Details nicht zusammenpassen.
Die Figuren-Übersicht von Wikipedia bereithalten!
Also, bevor es gleich mit einigen Spoilern in die vertiefte Analyse geht, hier mein Fazit: Ich mache an dieser Stelle kein Hehl daraus, dass mich die Komplexität dieses Falls – als Konsument des wie immer grossartig von Robert Glenister gelesenen Hörbuchs – oft überforderte. Als Gutenachtgeschichte oder Unterhaltung während der Hausarbeit ist «The Hallmarked Man» ungeeignet. Stattdessen müssten wir in unserem Lesezimmer rezipieren, in dem eine grosse Tafel aufgebaut ist, auf der wir mit Stecknadeln und Bindfäden die Verbindungen zwischen den Akteuren markieren. Wenn das (wie bei mir) nicht in eure aktuelle Lebenssituation passt, empfehle ich euch die Lektüre trotzdem – und zwar ohne Wenn und Aber: «The Hallmarked Man» ist ein grossartiges Buch; mit einem Figurenpanoptikum, das bei anderen Autoren für eine Dodekalogie gereicht hätte.
Das Buch fordert uns intellektuell wie gefühlsmässig, und nicht nur die Szene mit Lord Oliver Branfoot im Luxusfresstempel ist erzählerisch auf höchstem Niveau. Allein die Sache mit dem schwarzen, hässlichen Fisch aus dem Büroaquarium, für den Strike ein paar Minuten opfert. Man muss kein Literaturwissenschaftler sein, um seine Funktion zu verstehen – aber rührend ist der Moment eben trotzdem. Solche Szenen gibt es viele. Zum Beispiel am Schluss, wenn Robin Rupert Fleetwood habhaft wird. Wie er langsam auspackt, was wir schon ahnten, ist packend und rührend zugleich.
Manchen mag die Geschichte zu weit ausufern, und es wundert mich auch nicht, wenn Leserinnen und Leser die Geduld verlieren, weil Strike und Robin in Band acht weiterhin umeinander herumtänzeln, statt endlich einmal ein offenes Wort zu sprechen. Das ist verständlich, aber wie die Rezension von «The Guardian» andeutet, sollten wir uns in Band acht an die Grösse dieser Fälle gewöhnt haben – trotz der Kritik, der Erkenntnisgewinn aus der Auflistung jeder einzelnen Getränkebestellung in jedem Pub bleibe gering. Die Zeitung bilanziert:
Mit einer scheinbaren Leichtigkeit, die von grosser Disziplin und Können zeugt, hält Galbraith alle vier möglichen Mordermittlungen am Laufen, wobei jede einzelne mit ihren eigenen überraschenden Wendungen und Verwicklungen aufwartet.
Um das Gefühl der Überforderung zu verringern, empfehle ich, die Figurenübersicht von Wikipedia offenzuhalten. Und falls ihr mal den Faden verliert, fragt ChatGPT nach einer Übersicht der Handlung bis zu dem Kapitel, zu dem ihr schon vorgestossen seid.
Auch privat kommt es ganz dick
Also, noch ein paar Details: Für Kennerinnen und Kenner der Strike-Ellacott-Reihe ist es keine Überraschung, dass Joanne K. Rowling eine weitere Erzählebene für uns bereithält. Auch die hat es in sich. Robin Ellacott ist von den Ermittlungen gegen den Sektenboss Jonathan Wace noch psychisch angeschlagen. Dennoch wird sie während der Ermittlungen wiederum mehrfach angegriffen, und die Autorin erspart ihr auch eine Eileiterschwangerschaft nicht. Die ist doppelt traumatisch. Sie hat als Ursache die Vergewaltigung während ihrer Studentenzeit. Sie zwingt Robin dazu, sich im denkbar schlechtesten Moment mit der Frage der Mutterschaft auseinandersetzen zu müssen – während sie von Babys umzingelt ist. Ryan Murphy, ihr Freund, möchte mit Robin zusammenziehen, hat aber sein eigenes Leben nicht im Griff. Strike will Robin seine Liebe gestehen, wird seinerseits von seinen amourösen Verfehlungen eingeholt: Vaterschaftstest und giftige Schlagzeilen in der Boulevardpresse inklusive. Immerhin, was den Bogen über alle Bücher hinweg angeht, erleben wir endlich eine Begegnung von Strike mit Jonny Rokeby, seinem leiblichen Vater. Und auch die verläuft, genau wie es im richtigen Leben, nicht so wie ausgemalt.
Ich komme zu meiner Erkenntnis zurück, dass sich tolle Bücher dadurch auszeichnen, dass die Autorin oder der Autor seine Figuren von Herzen mag – so hart er auch mit ihnen umspringt. Galbraith alias Rowling quält die Hauptfiguren, die ihrerseits mal zärtlich und wieder verletzend miteinander umspringen, als ob sie seit zehn Jahren verheiratet wären. Das kommt uns allen bekannt vor, auch wenn wir keine Detektive sind, nicht komplexe Fälle aufklären müssen und vom Schöpfer (im literarischen oder religiösen Sinn) nicht so hart gebeutelt werden. Trotzdem liegt uns die Frage auf der Zunge: Warum ist das Menschsein bloss so hart?
Beitragsbild: Die beiden Hauptdarsteller Tom Burke und Holliday Grainger aus der Verfilmung der BBC – die nicht so ganz zu meiner Vorstellung der Figuren passen wollen (Brontë Film and TV/BBC/Rob Youngson).
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