Autofahrt durch beleuchteten Tunnel in Bewegung, gelbe und rote Lichter an den Wänden, unscharfe Linien durch Langzeitbelichtung erzeugt.

Das VPN nicht nur für NordVPN-Abtrünnige

AirVPN im Test: Die Web­site ist nicht so po­liert und die Nutzung we­ni­ger kom­for­ta­bel wie bei den kom­mer­ziel­len An­bie­tern. Dafür ist das Preis­mo­dell fair, die tech­ni­sche Leistung ein­wand­frei und das Bauch­ge­fühl top.

Im Februar entschied ich mich aus Gründen, mein NordVPN-Abo nicht zu verlängern. Auf ein VPN will und kann ich nicht verzichten, was unweigerlich zur Frage führt, welches Produkt als Ersatz dienen könnte. Zwei Kronfavoriten haben sich herausgeschält: Mullvad.net und airvpn.org.

Ausschlaggebend ist in beiden Fällen das Preismodell. Es ist transparent und nicht (wie bei den meisten anderen Anbietern) auf eine möglichst lange Vertragslaufzeit ausgelegt. Bei Mullvad gibt es einen Monat für den Preis von fünf Euro. Bei AirVPN zahlen wir zwei Euro für drei Tage oder sieben Euro für einen Monat.

Mal schnell auf einen US-Server ausweichen

Für mich ist diese Zwei-Euro-Variante ideal. Ich benötige das Virtual Private Network meistens, um meine Geolokalisierung «abzuändern», sprich, zu manipulieren. Ich will und muss oft Neuerungen testen, die hierzulande nicht offiziell lanciert sind. Via Tunnel besorge ich mir die IP-Adresse aus einem Land, in dem es das fragliche Produkt bereits gibt. Mit dieser Methode klappt das oft (ausser in Fällen, in denen die Verortung auf andere Weise stattfindet, namentlich anhand des App-Store-Accounts oder der Kreditkarte). AirVPN ermöglichte den ersten Augenschein des KI-Modus von Google problemlos. Mit der ironischen Wendung, dass ich schon einen Tag später normalen, direkten Zugang erhielt.

Der andere Ansatz bei der Preisgestaltung kommt nicht von ungefähr. Die Entstehungsgeschichte macht das deutlich:

AirVPN begann 2010 als Projekt einer kleinen Gruppe von Aktivisten, Hacktivisten und Hackern, mit der unschätzbaren (und völlig kostenlosen) Hilfe zweier fantastischer Anwälte und einer Finanzierung durch ein Unternehmen, das an dem Projekt interessiert war und von denselben Leuten betrieben wurde.

Auch heute ist der Kampf für Netzneutralität und Datenschutz und gegen Zensur ein Anliegen der Betreiber. Diese ideellen Beweggründe und die Nähe zur Community sind spürbar. Anders als bei kommerziellen Angeboten wie NordVPN sind weder die Website noch die Programme auf Hochglanz poliert.

Benutzeroberfläche einer VPN-Anwendung. Liste von Ländern mit Serveranzahl, Netzwerkbelastung und Benutzeranzahl. Rotes Banner oben rechts zeigt «Nicht verbunden. Netzwerk exponiert.»
Die Farbverläufe waren 2003 hip.

Wichtiger sind Transparenz und Offenheit: Wir können die freie Software OpenVPN verwenden und sehen transparent, wie viele Server mit welcher Last und Benutzeranzahl in den entsprechenden Regionen zur Verfügung stehen.

Mit Eddie geht es in den Daten-Tunnell

Folgerichtig ist auch die «User Experience» holperiger. Es gibt aber grosse Unterschiede, je nachdem, mit welchem Betriebssystem wir das VPN benutzen wollen:

  • Bei Windows kommt ein Client namens Eddie zum Zug. Er ist optisch in den Nullerjahren stecken geblieben, erfüllt den Zweck aber einwandfrei: Er erlaubt es, ein Land oder einen bestimmten Server auszuwählen, liefert Statistiken zur Verbindung und ein Diagramm zum Datendurchsatz.
  • Mit Mac OS verwenden wir ebenfalls Eddie oder das Befehlszeilentool Hummingbird. Die Mac-Variante von Eddie funktionierte bei meinem Test nicht; die Verbindung wurde jeweils sogleich wieder getrennt. Eine weitere Möglichkeit ergibt sich mit Wireguard, erhältlich im Mac App Store. Ob es damit klappt, muss ich ausprobieren.
  • Bei iPhone und iPad gibt es keinen nativen Client. Das macht die Sache etwas umständlicher, aber nur beim ersten Mal: Wir steuern (am einfachsten am Desktop-PC) den Config Generator an und wählen dort einen Kontinent, ein Land oder einen Server, das passende Protokoll (UDP oder TCP) und lassen uns eine Konfiguration erzeugen. Als QR-Code lässt sie sich am Mobilgerät mittels Wireguard-App einlesen. Alternativ lässt sie sich auch als Datei übertragen und zum Aktivieren können wir auch die OpenVPN-App benutzen. Ist das Profil vorhanden, aktivieren wir den Tunnel über die Einstellungen von iOS bzw. iPad OS.

Fazit: Bei meinem Test klappte das hervorragend. Ich habe keine datenintensive Nutzung betrieben und kann nur bedingt beurteilen, wie gut sich AirVPN fürs Streaming von Video und/oder Audio eignet. Doch für normales Surfen und meine Tests eignet sich dieser «Indie»-Anbieter ausgezeichnet. Und sympathischer als NordVPN ist er allemal!

Beitragsbild: So sieht es im VPN aus, wenn ein einsames Bit zum Schutz der Privatsphäre einen Umweg nimmt (Ricardo Gomez Angel, Unsplash-Lizenz).

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