Strassenszene bei Sonnenuntergang. Hohe Gebäude säumen die Strasse, in der Ferne ein markantes Hochhaus. Die untergehende Sonne taucht die Szene in ein warmes Licht.

Wo journalistische Kardinalstugenden täglich zur Schau getragen werden

«The Daily» der «New York Times» ist nicht nur Vor­bild für viele täg­li­che Nach­rich­ten-Pod­casts in aller Welt, son­dern auch ein leben­di­ger Be­weis, dass die Schrei­häl­se auch in den USA nicht alle nie­der­brül­len.

Als Blogger nehme ich meinen Informationsauftrag ernst. Dennoch frage ich mich, ob der auch die offensichtlichen Fälle umfasst. Sprich: Muss ich einen Podcast vorstellen, der schon jeder kennt?

Blauer und gelber Farbverlauf mit dem weissen Schriftzug «The Daily» oben links und dem Logo der New York Times darunter.
Nicht das originellste Coverbild aller Zeiten.

Der Anlass für diese Introspektion liefert mir The Daily von der New York Times (RSS, iTunes, Spotify). Es gibt den Podcast seit acht Jahren, und er darf als Goldstandard im News-Bereich gelten.

Das Konzept, täglich die wichtigste Nachricht mit Journalisten aus dem eigenen Haus zu behandeln, gibt es inzwischen von diversen Medienhäusern: Auf dieser Übersicht finden sich u. a. Today, Explained von Vox, Today in Focus von «The Guardian» und The Intelligence von «The Economist». Es existieren einheimische Beispiele, namentlich Apropos von meinem Arbeitgeber. Ich tue niemandem Unrecht, wenn ich gewisse Ähnlichkeiten bei der Machart konstatiere: charismatische Hosts, geschickt eingesetzte O-Töne und Atmo, Kompetenz aus dem eigenen Haus und ein aktuelles Thema, das zum Kerngebiet der auftretenden Journalistin oder des Reporters zählt.

Die Antithese zu den sozialen Medien

Also, wer sich für US-amerikanische Politik interessiert, des Englischen mächtig ist und der journalistischen Perspektive der «New York Times» etwas abgewinnen kann, der kennt «The Daily» längst. Darum nehme ich diese Besprechung zum Anlass, darauf hinzuweisen, dass dieser Podcast der lebendige Beweis für eine wichtige Tatsache ist:

Der traditionelle Journalismus ist nicht tot und nicht brutal altmodisch. In diesem Podcast gibt es gestandene Reporterinnen und Rechercheure zu hören, die Fakten vermitteln und selbst bei unglaublichen Sachverhalten distanziert bleiben. Eine akustische Antithese zu den sozialen Medien: Man braucht nicht ständig in Superlative, Zuspitzungen und eine überbordende Rhetorik zu verfallen. Im Gegenteil: Eine differenzierte Darstellung wirkt beruhigend. Sie ruft in Erinnerung, dass die meisten Dinge des Lebens aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden können und sollen. Nicht jeder ist ein Idiot oder ein Bösewicht, wenn er eine bestimmte Meinung nicht teilt. Es ist Balsam auf die Seele, wenn wir feststellen dürfen, dass die Schreihälse selbst in den USA nicht alle niederbrüllen.

Der Einwand liegt auf der Hand: Dieser Tage berichtet «The Daily» oft über Themen, bei denen es keine zwei Meinungen geben sollte. Der menschenfeindliche Einschlag der Politik des Herrn Trump wirft die Frage auf, ob nicht die Zeit für einen anwaltschaftlichen oder gar anklagenden Journalismus gekommen ist. Diese Ansicht ist legitim. Doch in den letzten Wochen, in denen ich viel «The Daily» gehört habe, empfand ich es stets als wohltuend, dass hier die eigenen Tugenden auf demonstrative Weise hochgehalten werden¹.

Der (nicht so) heimliche Star: die Musik

So weit, so klar. Lasst mich mit einer interessanten formalen Betrachtung schliessen: Bemerkenswert ist, wie dieser Podcast die Musik als Erzählmittel einsetzt (neudeutsch: Storytelling). Für «moderne» Podcasts in der Tradition von «Serial» ist das nicht ungewöhnlich, auch in vielen deutschsprachigen Produktionen kommt sie zum Zug. Allerdings greifen die typischerweise auf ein Archiv mit einigen wenigen Stücken mit einem gewissen Wiedererkennungswert zurück. Bei «The Daily» wird die Musik bei gewissen Themen angepasst oder speziell komponiert. Hier gibt es eine Erklärung dazu:

Von Anfang an haben wir unsere Titelmusik gelegentlich umarrangiert, um zu signalisieren, dass eine Folge aus dem Rahmen fällt. Als wir 2017 eine Sonderfolge für Kinder produzierten, in der es um zwei Schwestern ging, die sich nicht entscheiden konnten, ob sie bei den Pfadfinderinnen bleiben oder zu den Pfadfindern wechseln sollten, schuf unser technischer Leiter Brad Fisher eine neue Version unserer Titelmusik mit einem Spielzeugklavier. (…)

Woran erinnert uns das bloss?

Die Titelmelodie sei meistens unverändert, aber nicht immer. Mir ist nicht klar, wie sehr die musikalische Untermalung während der Folge auf das Thema adaptiert wird. Sie passt auf alle Fälle oft so gut, dass der Fundus an Musik beträchtlich sein muss und mit viel Fingerspitzengefühl eingesetzt wird. Ein Aufwand, den sich nicht jeder Podcast leisten kann – schon gar kein täglicher.

Wie erwähnt, ist die Musik typisch für die Erzählweise in Podcasts. In «The Daily» erinnert sie mich daran, dass sie gleichzeitig auch ein uraltes Stilmittel ist. Die Filmwochenschauen in Deutschland und in der Schweiz setzten oft dramatische Orchestermusik ein. Im Beitrag Ursprung und Entwicklung der Musik in der Wochenschau wird erklärt:

Es gab z. B. «Katastrophenmusik», «Sportmusik», «Maschinenmusik» sowie Tanzmusik und ernste klassische Musik. Es waren offenbar eingängige Musikmuster, die Generationen von Kinogängern geprägt haben. Und es ist ausserdem davon auszugehen, dass diese auf Zuschauerakzeptanz stiessen, sodass sie zu einer kontinuierlichen Praxis avancierten.

Und siehe da: Plötzlich wirkt ein uraltes Stilmittel so, als sei es eben erst erfunden worden.

Fussnoten

1) Die Regeln der «New York Times», als ethical journalism bezeichnet, sind zwar strikt, unterscheiden sich in ihrer Stossrichtung aber nicht radikal von ähnlichen Regelwerken in anderen Ländern, z. B. den Regeln und Pflichten der Journalisten in der Schweiz. Das im Detail zu diskutieren, wäre ein Thema fürs Publizistikseminar. Jedenfalls braucht es nicht nur die Regeln, sondern auch den redaktionellen und wirtschaftlichen Freiraum, sie umzusetzen. 

Beitragsbild: So geht in New York die Sonne auf (Tomasz Brengos, Unsplash-Lizenz).

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