Laptop zeigt eine Vektorgrafik von einer Frau mit wehendem Haar in einer Design-Software. Bildschirm- und Software-Tools sind sichtbar. Im Hintergrund eine Pflanze.

Affinity, die kostenlose gestalterische Allzweckwaffe

Bild­be­ar­bei­tung, Vek­tor­gra­fik­pro­gramm und Layout­soft­ware für Windows und Mac in einem: Funk­tio­niert dieser Uni­ver­sal-Ansatz? Darf man dem Ver­spre­chen «Free forever» glauben? Und kriegen Adobe-Kin­der den Um­stieg über­haupt hin?

Seit gut zehn Jahren ist Affinity eine interessante Adobe-Alternative. Ende Oktober gewann sie nochmals deutlich an Attraktivität: Der Entwickler teilte mit, die Software sei per sofort gratis für alle zu haben – nämlich unter affinity.studio (936 MB für Mac, 622 MB für Windows).

Ist das eine tolle Nachricht? Oder eine, die uns misstrauisch stimmen sollte? Die Erfahrung zeigt, dass die Tech-Konzerne nicht aus reiner Herzensgüte agieren. Meistens steht hinter dem Geschenk die strategische Überlegung, uns auf den Geschmack zu bringen – um dann, wenn die Software unverzichtbar geworden ist, den Preis kräftig anzuziehen.

Nun, das Versprechen auf der Website lautet «free forever». Es wäre zwar nicht das erste Mal, dass nach der Zeitrechnung eines Tech-Konzerns die Ewigkeit verfrüht und abrupt endet. In dem Fall bin ich allerdings geneigt, dem Versprechen zu glauben. Wie in diesem Artikel analysiert, ist es der neue Eigentümer, der die Software verschenkt. Am 26. März 2024 übernahm Canva den britischen Entwickler Serif.

Ein hehres Versprechen von Affinity

Das australische Unternehmen dürfte die Software dazu verwenden, die Mac- und Windows-User an die Gestaltungsplattform heranzuführen. Das ist eine vernünftige Strategie, da die Bedeutung der klassischen Desktop-Programme ohnehin abnimmt. Auch Adobe sucht das Heil in einer Verzahnung von klassischen Apps der Wolke, die dort Creative Cloud heisst. Canva gibt überdies das Versprechen ab, Affinity für Schulen und gemeinnützige Organisationen kostenlos zu halten und die fairen und erschwinglichen Preise für unbefristete Lizenzen (also keine Abos) beizubehalten.

Bildbearbeitungssoftware zeigt ein Foto einer Altstadt mit Türmen und roten Dächern bei blauem Himmel. Links ein Fenster mit Bearbeitungsoptionen und Ebenen.
Eine unbestreitbare Stärke des «Pixel»-Moduls: die non-destruktive Bearbeitung mit Anpassungsebenen.

Natürlich hängt es von der persönlichen Vertrauensbereitschaft ab, wie sehr wir gewillt sind, solchen Beteuerungen zu glauben. Nach bald 35 Jahren Tech-Journalismus gebe ich mich keinen Illusionen hin. Eine komplette Kehrtwende halte ich für unwahrscheinlich. Darum habe ich den Plan gefasst, die wirklich nicht mehr zumutbare Creative Suite 6, die ich als Protest gegen Adobes Abomodell noch immer verwende, abzulösen.

Ist es eine gute Idee, drei Programme zu einem zu verschmelzen?

Aber wie gut klappt der Umstieg?

Eine bemerkenswerte Neuerung an der neuen Affinity-Anwendung ist die Tatsache, dass hier drei Apps zu einer verschmolzen wurden. Bisher verwendete (und bezahlte) man Affinity Designer, Affinity Photo und Affinity Publisher separat – nun stecken sie alle unter einer Oberfläche. In der Menüleiste erscheinen die drei Rubriken Vektor (entspricht Designer), Pixel (Photo) und Layout (Publisher) plus als Ergänzung Canva AI. Dort generieren wir, wenig überraschend, Bilder per KI. Und das dürfte auch das Tor sein, über das die Desktop-Anwender an die Online-Plattform herangeführt werden sollen.

Screenshot der Affinity Publisher Benutzeroberfläche mit einem geöffneten Dokument. Ein Textumbruch-Dialog ist sichtbar, umgeben von Bearbeitungswerkzeugen und Farbpaletten.
Doch noch gefunden: Der Dialog für die Textverdrängung im «Layout»-Modul.

Ich gebe zu, dass ich sehr skeptisch war (und bin), ob diese Integration funktioniert. Illustration, Bildbearbeitung und Layout sind zwar alles kreative Tätigkeiten.  Doch im Detail unterscheiden sie sich stark. Kommt hinzu, dass jede Anwendung für sich komplex genug ist, dass es gute Gründe gäbe, sie weiterhin separat zu halten. Das Gegenargument lautet, dass die Trennung nicht mehr der modernen Arbeitsweise entspricht: Es hat Vorteile, wenn ein im Layout platziertes Foto optimiert und nachbearbeitet werden kann, ohne die Anwendung zu wechseln. Umgekehrt kann ein Foto mit dem vollen Funktionsumfang des Layoutprogramms mit Textelementen verziehrt oder mit Vektorobjekten geschmückt werden. Das erlaubt flexibles Arbeiten.

Eine af-Datei ist eine Wundertüte

Nach einigen Gehversuchen ist mein Eindruck, dass man sich an diesen universellen Ansatz gewöhnen kann.

Die grösste Hürde scheint mir das Dateimanagement zu sein. Beim klassischen Ansatz verwenden wir eine Reihe von separaten Typen, die sich wesentlich in den Funktionen unterscheiden, aber an der Endung eindeutig zu erkennen sind:

  • Es gibt die Bausteine wie die Vektorgrafik (etwa svg bzw. ai in der Adobe-Welt) oder Bilddateien wie jpg und png: Sie enthalten ein einzelnes Motiv.
  • Die Layoutdatei (indd) hat eine Containerfunktion und fasst viele dieser Elemente in einem längeren Dokument zusammen.

Bei Affinity gibt es nur ein Format mit der Endung af. Sie lässt keinen Rückschluss auf die Art des Inhalts zu. Das könnte zu akuter Verwirrung führen. Was passiert, wenn wir eine Bilddatei in einem Standardformat öffnen, bearbeiten und speichern? Erhalten wir wiederum eine JPG-Datei? Oder wird als af gesichert, das als proprietäres Format nicht tauglich fürs Web oder für den Datenaustausch ist?

Dialogfenster von Affinity: Hinweis, dass das Dokument nicht-pixelbasierte Elemente enthält. Optionen: «Reduziert speichern», «Speichern unter…», «Abbrechen».
Entscheidend ist, was hinten rauskommt – hier entweder ein JPG oder eine af-Datei.

Ein Versuch ergibt Folgendes: Falls wir Änderungen vornehmen, die sich im Ursprungsformat nicht abbilden lassen – zum Beispiel bei einer JPG-Datei eine Korrekturebene hinzufügen –, müssen wir uns entscheiden, ob wir eine reduzierte Version oder ein neues Dokument speichern wollen. Im ersten Fall wird die ursprüngliche JPG-Datei überschrieben, im zweiten erhalten wir eine af-Datei.

Das Matroschka-Prinzip von Affinity

Da man einer Datei nicht ansieht, was sie enthält, kann es natürlich passieren, dass eine af-Datei mit einer komplexen Gestaltung innerhalb einer separaten Satzdatei platziert wird. Das hat zur Folge, dass das erste Layout innerhalb des zweiten als Bild erscheint. Beim Doppelklick wird es als eingebettetes Element geöffnet und lässt sich bearbeiten – die Älteren unter uns werden sich an Microsofts fabulöse Object Linking and Embedding-Technologie erinnert fühlen.

Fazit: Ich erlaube mir kein abschliessendes Urteil, ob ich mit dieser kostenlosen, universellen Gestaltungswaffe zurechtkomme. Meine grösste Schwierigkeit bei der Angewöhnung ist nicht die Schuld von Affinity, sondern meine starke Prägung auf die Adobe-Produkte. Ich arbeite seit bald dreissig Jahren mit Photoshop und Indesign. Dort finde ich mich zurecht, und zwar annähernd blind. Demgegenüber habe ich den Eindruck, bei Affinity blind im Nebel zu stochern. Meistens finde ich innert nützlicher Frist, was ich suche – doch manchmal dauert es über Gebühr lang.

Benutzeroberfläche eines Grafikprogramms zum Speichern eines Bildes. Links Bildvorschau, rechts Einstellungen für Dateiformat, Farben und Bildgrösse. Oberhalb Menüleiste.
Beim Bilder-Optimieren fürs Web hat der Uralt-Photoshop die Nase vorn.
Screenshot eines Bildbearbeitungsprogramms im Exportmenü. Links Exportformate, rechts Bildeinstellungen. In der Mitte ein unscharfes Strassenbild mit Strassenbahn und einer Person auf Rollschuhen.
Der Exportdialog von Affinity: Mehr Formate, aber weniger Optionen für PNGs mit Palette.

Adobe-Umsteiger kommen nicht umhin, einige Kröten zu schlucken

Zum Beispiel dieses Ding, das bei Indesign Konturenführung heisst: Es ist dazu da, dass der Text im Layout von einem Objekt wie einem Bild oder einer Grafik verdrängt wird und das umfliesst. Ich habe ewig und drei Tage gesucht, um es im Modul Layout unter Text > Textumbruch > Einstellungen für den Textumbruch zu finden – und mich dann zu ärgern, dass ich eine normale Dialogbox zu sehen bekomme und kein Panel, das ich mit den anderen Panels am rechten Rand anordnen kann.

Ich vermisse auch den ausgeklügelten Für Web speichern-Dialog von Photoshop, die Aktionen und Scripts. Und natürlich die Kompatibilität zu meinen alten Indesign-Dateien – der Import ist nur via IDML möglich.

Beitragsbild: Affinity im Modus «Vektor» – auch der Superwoman gewachsen.

Ein Kommentar zu «Affinity, die kostenlose gestalterische Allzweckwaffe»:

  1. Als langjähriger Anwender von Affinity habe ich einen Newsletter mit der Ankündigung der neuen Version erhalten. Die Nachricht über das neue Preismodell hat mich nicht erfreut. Ich habe Affinity geschätzt als zuverlässige Software für einen fairen Kaufpreis (nicht Mietpreis). Meine Ansprüche sind nicht so hoch wie die von Leuten, die den ganzen Tag mit Grafiken arbeiten, aber ich war immer zufrieden und habe Adobe nie vermisst.

    Jetzt befürchte ich, dass die Enshittification ihren Lauf nimmt. Bald werden gewisse Funktionen nur noch für Basic-, Premium- oder Gold-Member verfügbar sein.

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