Ja, es juckt mich manchmal in den Fingern – und in der letzten Zeit immer häufiger. Es ist toll, Software nicht nur zu benutzen, sondern selbst anzufertigen. Eine handwerkliche Arbeit wie Schreinern oder Töpfern, ohne dass wir Holz oder Lehm benötigen würden. Die einzige wichtige Ressource ist mein Kopf, der die Idee enthält, die es möglichst klug und klar in einen Programmcode zu übersetzen gilt.
Eine Arbeit im Tandem. Mein Computer und ich bilden ein stilles Gespann, das keinen Bedarf nach ständigen Sitzungen hat, sondern sich via Tastatur und Bildschirm austauscht. Und egal, ob traumwandlerisches Verständnis herrscht oder der menschliche Input auf maschinelle Ablehnung stösst, bleibt die Interaktion stumm und intim. Auch das gefällt mir in einer Zeit, in der fast alle das Hohelied der Teamarbeit singen.
Macht die KI meine Defizite wett?
Nun, natürlich weiss ich selbst, wie verklärt diese Wahrnehmung ist. Die erste Version meines Spiels «Clickomania» hat bald dreissig Jahre auf dem Buckel. Meine Programmierkenntnisse waren schon vor sechs Jahren nicht mehr taufrisch. Und wir müssen nicht darüber reden, dass mit Job und Familie keine Zeit für eine Tätigkeit bleibt, bei der man nur kurz blinzelt und feststellt, dass drei Uhr morgens ist.
Andererseits haben wir heute die künstliche Intelligenz. Die Leute praktizieren ein Ding namens Vibe Coding – eine Art flotter Dreier, bei dem zum Duo aus Computer und Entwickler die künstliche Intelligenz dazustösst und die Hauptarbeit übernimmt. Das ist zwar etwas anrüchig und nimmt der Sache viel von ihrem Reiz. Aber vielleicht ermöglicht sie einem eingerosteten Veteranen Höhenflüge, zu denen er allein nicht fähig wäre?

Der Zufall will es, dass der Programmcode meines Spiels seit sechs Jahren (weitgehend unbeachtet) auf Github liegt. Als ich neulich mit ChatGPT Codex herumspielte, stellte ich fest, dass es nur einen minimalen Aufwand erfordert, um eine sogenannte Umgebung zu erstellen und mein Projekt dort zur Verfügung zu stellen. Das ist eine Einladung, unverbindlich meine Möglichkeiten auszuloten.
Codex ist, nebenbei bemerkt, der KI-Agent von OpenAI, der uns bei der Softwareentwicklung unterstützt, und der seit Mai verfügbar ist. Ich frage: «Analysiere dieses Projekt: Wie aufwendig wäre es, daraus eine iPhone-App zu entwickeln?»
Für die Auskunft nimmt sich die KI die Komponenten vor und stellt u. a. fest:
- Das Projekt ist ein klassisches Windows-Delphi-Spiel (VCL) mit zahlreichen plattformspezifischen Abhängigkeiten und erzeugt ein .exe, das nur auf Windows lauffähig ist.
- Spiellogik, Rendering und Benutzerinteraktion sind eng in Form- und Steuerelementklassen (z. B. TSpielfeld, TStein) verschmolzen, was eine Trennung für mobile Plattformen erschwert.
- TSpielfeld rendert direkt auf eine Windows-Canvas und verwaltet Animationen über TTimer; TStein übernimmt Mausklicks und ruft unmittelbar das Spielfeld an. Für iOS müssten Zeichenlogik, Eingabe und Animationen entkoppelt und neu implementiert werden (z. B. via SpriteKit/Core Animation).
Das Fazit lautet:
Die Summe der genannten Punkte macht eine echte Portierung zu einer faktischen Neuentwicklung: UI, Ressourcen-Handling, Persistenz, Lokalisierung, Audio/Netzwerk und Teile der Spiellogik müssen in eine moderne, iOS-kompatible Architektur übertragen werden.
Nichts anderes habe ich erwartet. Dennoch ist es sinnvoll, das so deutlich gesagt zu bekommen. Ich wäre sonst nicht gefeit, wider besseres Wissen Zeit in ein unendlich ausuferndes Experiment zu versenken, die selbst mit Nichtstun besser investiert wäre.
Bleibt nur eine Frage: Enthalte ich der Welt etwas vor, wenn ich die Programmiererei auf die lange Bank schiebe?
Um das herauszufinden, bitte ich Codex um eine qualitative Beurteilung meines Programmcodes. Ich erhalte eine diplomatische Auskunft. Die KI lobt den Umgang mit den Events und kritisiert ein Detail am Undo-Knopf.

Ich bohre nach: «Ist das solide Programmierkunst, die du hier siehst, oder eher das Werk eines Amateurs?»
Wir wissen: Wer solche Fragen stellt, darf die Antwort nicht scheuen. ChatGPT liefert eine Einschätzung, die ich erst einmal verdauen muss. Denn im tiefsten Inneren weiss ich, dass die KI den Nagel auf den Kopf trifft:
Der Code wirkt eher wie das Werk eines engagierten Amateurs als wie ein professionell gepflegtes Produkt. Es gibt zwar eine nachvollziehbare Grundstruktur, aber mehrere grundlegende Design- und Robustheitsprobleme deuten darauf hin, dass hier ohne tiefere Architektur- und Wartbarkeits-Erfahrung gearbeitet wurde.
Autsch. Vielleicht doch Töpfern oder Schreinern¹?
Fussnoten
1) Zur Schlusspointe noch eine Klarstellung:
Töpfern und Schreinern ist genauso Handwerk wie Programmieren.
Ein guter Töpfer würde dir vielleicht sagen: Geh lieber programmieren.
Dass man als Amateur nicht alles perfekt macht, ist nicht schlimm.
Ein Handwerk lernt man letztlich nur durch viel Arbeit und Erfahrung.
— Ustinoff auf Eis (@ustinoff.bsky.social) 11. November 2025 um 08:59
Stimmt, du hast komplett recht. Ich will den Hinweis aufs Handwerk nicht abschätzig verstanden wissen und die Tätigkeiten überhaupt nicht gegeneinander ausspielen. Der Vergleich ist selbstironisch gemeint, aber zugegebenermassen wird das nur klar, wenn man meine feinmotorischen Fähigkeiten kennt.
— Matthias Schüssler (@matthiasschuessler.ch) 11. November 2025 um 09:03
Beitragsbild: Der rechts bin ich (Johann Walter Bantz, Unsplash-Lizenz).