Mit nichts als den klaren Gedanken im Kopf und dem Smartphone in der Tasche zum Vortrag? Das zeugt auf alle Fälle von Selbstbewusstsein, und vermutlich hilft es sogar, uns aufs Wesentliche zu konzentrieren. Auf alle Fälle kommen wir nicht auf die Idee, in letzter Sekunde in unserer Powerpoint-Präsentation noch Bilder auszutauschen oder bei Folie 27 einen zwölften Bullet-Point hinzuzufügen.
Das minimalistische¹ Szenario hat einen konkreten Anlass: Das ist die schöne Präsentations-App IA Presenter, die es seit Ende August auch fürs iPhone und iPad gibt.
Kurz zur Vorgeschichte: Vor zwei Jahren trat der Schweizer Designer Oliver Reichenstein an, um zu beweisen, dass Powerpoint nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Seine App stellt nicht die Gestaltung der Folien und den visuellen Schnickschnack ins Zentrum. Stattdessen bringt sie uns dazu, uns Gedanken darüber zu machen, was wir sagen wollen. Während wir an unserem Redemanuskript arbeiten, entstehen die Folien nebenbei.
Den Beamer anzusteuern, ist knifflig
Aber ernsthaft: Kann man eine Präsentation mit iPhone oder iPad halten und den Laptop zu Hause lassen?
Die Antwort hat mehrere Teile und der erste ist technischer Natur. Denn irgendwie müssen wir unsere Präsentation auf den Beamer oder den Fernseher bringen. Dazu gibt es zwei Methoden: Entweder schliessen wir unser Gerät direkt an. Oder wir verwenden eine Kommunikationssoftware wie Google Meet, in der wir unseren Bildschirm freigeben und über die wir die Folien zeigen.

Beide Methoden funktionieren mit dem Smartphone oder Tablet, allerdings mit zwei Einschränkungen:
- Für den direkten Anschluss kommen nur Tablets und Smartphones mit USB-C infrage: Sie sind in der Lage, externe Displays anzusteuern. Allerdings: Falls der Beamer bzw. Fernseher keinen entsprechenden Anschluss hat, braucht es ein Dock oder einen Adapter. Meiner Erfahrung nach kann das funktionieren. Aber garantiert ist es nicht.
- iPhone und iPad sind nicht imstande, auf dem externen Anzeigegerät ein separates Bild auszugeben. Während wir bei der Präsentation via Laptop die Referentenansicht (auch Vortragenden-Ansicht genannt) zur Verfügung haben, in der unsere Notizen, ein Timer und andere nützliche Informationen zu sehen sind, müssen wir uns bei der Minimalisten-Methode mit der gleichen Ansicht begnügen, die das Publikum sieht.
Ein «nackter» Vollbild-Modus wäre schön

Die zweite Einschränkung hat zur Folge, dass bei der Projektion via iPhone die für das kleine Display ausgelegte Darstellung in der grossformatigen Anzeige seltsam anmutet: Die Kopf- und Fusszeile erscheinen wuchtig und ablenkend. Mit dem iPad sind sie im Verhältnis deutlich kleiner. Dennoch wäre es in dieser Anwendung sinnvoll, wenn sich diese Elemente der Benutzerschnittstelle im Präsentationsmodus ausblenden liessen: mein Wunsch für ein kommendes Update.
Zwischenbemerkung: IA Presenter hält in der Desktop-Version das Web-Sharing bereit. Mit dieser Methode ist die Präsentation via Web zugänglich, sodass sie sich via Browser am Laptop vorführen oder den Zuschauerinnen und Zuschauern zur Verfügung stellen liesse, dass die sie sich an ihrem eigenen Gerät durchblättern. Leider steht diese Option in der iOS- und iPad-OS-Version derzeit nicht zur Verfügung, weil der Aufwand grösser ist als vorhergesehen.
Perfekt für die kreative Arbeit
Also, nach dem jetzigen Stand der Dinge ist es nicht verkehrt, Präsentationen wie gewohnt via Laptop abzuhalten. Das heisst nicht, dass die mobile Variante der Presenter-App überflüssig wäre. Im Gegenteil: Um die Präsentationen aufzusetzen und zu bearbeiten, finde ich sie hervorragend. Sie lädt dazu ein, unterwegs und ohne Ablenkung an seinen Ideen zu arbeiten.

Denn das auf Einfachheit getrimmte Konzept von Presenter funktioniert am Handy-Display perfekt. Wir arbeiten nicht in einer visuellen Umgebung, sondern in einer Textverarbeitung. In der erfassen wir unseren Vortrag als fortlaufendes Manuskript. Die Folien entstehen anhand einer simplen Gliederung, die wir mittels Markdown-Formatierungen bestimmen:
- Elemente, die auf der Folie als Überschriften erscheinen sollen, werden als Titel formatiert (für einen Titel der Hierarchiestufe 3 setzen wir
###an den Zeilenanfang). - Elemente, die mittels Tabulator eingerückt sind, erscheinen in kleinerer Schrift auf der Folie.
- Um eine neue Folie anzufangen, setzen wir nach dem Inhalt der letzten Folie eine horizontale Linie (
---).
Das funktioniert auch auf der Parkbank oder auf dem Liegestuhl. Und falls es euch so geht wie mir und ihr die besten Ideen nicht im Büro habt, sondern in Situationen, in denen ihr euren Gedanken freien Lauf lassen könnt, dann ist das in der Tat ein schlagendes Argument für diese neue App.
Ein Export für Powerpoint ist kein Problem
Übrigens: Im Teilen-Menü gibt es nebst den Varianten PDF, Bilder (Images), HTML und Markdown auch die Option Powerpoint. Das eröffnet den spannenden Weg, Oliver Reichensteins Methode für den kreativen Prozess anzuwenden, und am Ende einen Export in das Format vorzunehmen, das euer Unternehmen bevorzugt. Denn eine Powerpoint lässt bekanntlich problemlos in Google Slides importieren.

Abschliessend: Mir gefällt, dass auch die Version fürs iPhone und iPad ohne Abonnement auskommt. Sie kostet 19.90 Franken als Einmalkauf – und das wars.
Fussnoten
1) Da ich zufällig weiss, dass Oliver Reichenstein den Begriff «minimalistisch» in diesem Kontext nicht mag, könnten wir auch von einem fokussierten Szenario sprechen, ↩
Beitragsbild: Das bange Gefühl, bevor es losgeht – falls wir volles Haus haben, hätte ich mir mit meinen Folien nicht doch mehr Mühe geben sollen (Pixabay, Pexels-Lizenz).