Ein alter Videotex-Terminal, COMTEL 3210 von Siemens-Albis, steht auf einem Tisch vor einem Bücherregal. Auf dem Bildschirm sind Grafiken und Texte angezeigt. Papiere liegen daneben.

«Kollege Computer» macht die Gesellschaft kaputt

Die Dumpf­backen in den so­zia­len Me­dien kön­nen es sich zwar nicht vor­stel­len. Den­noch kam das On­li­ne-Banking schon vor vier­zig Jah­ren in Fahrt. In der Schweiz gab es un­ty­pisch viel Be­geis­te­rung – aber auch bru­ta­le Ab­leh­nung.

Beitragsbild: Dieses Gerät ersparte seinem Nutzer das Anstehen am Bankschalter (Videotex-Telefon Comtel 3210 von Siemens-Albis, Comet Photo AG, Bildarchiv der ETH-Bibliothek Zürich, CC BY-SA 4.0).

Neulich hat einer auf Threads erzählt, ein anderer habe in einem Podcast behauptet, bereits 1999 Online-Banking betrieben zu haben – und das müsse eine Lüge sein: E-Banking in der digitalen Steinzeit? Unmöglich!

Der Mann wurde umgehend auf seine Bildungslücke aufmerksam gemacht und des Ragebaitings beschuldigt. Das ist eine erfolgreiche Methode, die sozialen Medien mittels Empörung zu bewirtschaften: Wenn einer im Brustton der Überzeugung etwas Absurdes behauptet, hat das geharnischte Reaktionen und eine gute «Einschaltquote» für das Posting zur Folge. Dass der Ragebaiter dumm dasteht, ist Nebensache.

Der Vorwurf scheint im vorliegenden Fall begründet: Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass Bankgeschäfte eine der Ur-Anwendungsformen im elektronischen Datenverkehr sind. Sie waren schon möglich, als das World Wide Web längst nicht erfunden war. Ein Artikel bei «Heise» datiert den Start in Deutschland auf den 12. November 1980. Die Kommunikation mit der Bank erfolgte über Bildschirmtext (BTX), ein Datenübertragungssystem der Post, das in der Schweiz Videotex (VTX) hiess. Das Einkaufen und Bezahlen waren Kernfunktionen dieses Systems.

Lasst mich den Online-Shit-der-Woche-Aspekt dieses Themas mit einem kritischen Einschub beenden: Wenn eine einzige Google-Suche ausreicht, um einen Sachverhalt zu überprüfen, dann ist es ein klares Zeichen für den desolaten Zustand der sozialen Medien, dass das so oft unterlassen wird. Nicht aus Faulheit, sondern absichtlich: weil der Algorithmus derlei Troglodytentum befördert.

1996 war Online-Banking in der Schweiz schon fast normal

Kommen wir damit zum historischen Teil und zur Tech-Premiere: Wann wurden in der Schweiz Online-Bankgeschäfte möglich?

Der Begriff «Online-Banking» taucht zum ersten Mal am 2. Oktober 1996 in einem hiesigen Medium auf. Die Zeitschrift «Wir Brückenbauer» (heute: Migros-Magazin) empfahl damals, die Rechnungen am PC zu erfassen, statt am Bankschalter anzustehen:

Voraussetzung für Online-Bankgeschäfte ist die entsprechende Ausrüstung: Personalcomputer mit Modem, Videotex-Abonnement von der Swiss Online AG, Zugangssoftware und Telebanking-Vertrag mit der Bank. Das Online-Banking erlaubt dem Kunden, via Computer jederzeit über sein Bankkonto zu verfügen, den aktuellen Stand abzurufen, Zahlungen und weitere Bankgeschäfte zu tätigen.

Eine Person steht an einem Bankschalter und spricht mit einer Angestellten. Daneben befindet sich ein Bildschirm. Der Text thematisiert Telebanking als Alternative zum Anstehen in der Bank.
Die Segnungen der Technik!

Die Zeitschrift informierte in eigener Sache. Die Herausgeberin war die Migros, die schon damals eine Bank betrieb und die augenscheinlich grosses Interesse daran hatte, die Kundinnen und Kunden vom Gang in die Filiale abzuhalten:

Sie [die Software CC-WinPay] kostet 68 Franken und ist in allen grösseren Migros-Filialen mit Software-Angebot erhältlich. Zwanzig Franken werden zurückerstattet, wenn man ein Konto bei der Migros Bank eröffnet. Migros-Bank-Kunden zahlen fünfzig Franken. Die Migros Bank offeriert die Software auch als Paket mit einem Faxmodem¹ 14400 bps für 170 Franken oder einem Faxmodem 28800 bps für 300 Franken.

Zurück zur Frage: Wann ging es in der Schweiz damit los?

Bankkarte, bargeldloses Zahlen und elektronisches Banking

Zu einer ähnlichen Zeit wie in Deutschland. Das «Electronic Banking», wie es in der Anfangsphase genannt wurde, war Thema einer tollen «Near Future»-Vision, die am 4. Oktober 1982 von der Zeitung Neue Zürcher Nachrichten ausgerollt wurde. Sie drehte sich im ersten Teil ausführlich um die elektronische Bankkarte². Dann hatte VTX seinen Auftritt:

Darüber hinaus sind aber auch Dialogsysteme (Zweiwegkommunikation) – in Deutschland unter der Bezeichnung Bildschirmtext, in der Schweiz als Videotex – in Erprobung beziehungsweise in Vorbereitung. Diese Systeme wiederum werden dem Bankkunden erlauben, via Telefonleitung einen Dialog, der auf dem Fernsehgerät sichtbar wird, mit seiner Bank zu führen, sei es für

  • Durchführung von Kontotransaktionen (inklusive Kontostandabfragen) und Zahlungsanweisungen,
  • bankspezifische Informationen, zum Beispiel aktuelle Zinssätze, Anlagevorschläge, Kreditangebote, oder für
  • generelle Wirtschaftsinformationen. Ähnlich wie in der BRD fängt man in der Schweiz 1983/84 mit einem Versuchsbetrieb an, das heisst mit einer begrenzten Anzahl von Privatpersonen und einem beschränkten Anbieterkreis, um dann allenfalls gegen das Jahr 1985/86 diese Dienstleistungsmöglichkeiten auf breiterer Basis einzuführen.

Die Schweizer Medien behandelten Tech-Themen damals stiefmütterlich. Doch diese Neuerung war im Land der Banken eine grosse Sache. In fünf Dutzend Artikeln beschäftigten sich die Zeitungen in den 1980er-Jahren mit den Banking-Möglichkeiten von VTX³.

Zeitungsartikel über neue Computer-Technologien und deren sozioökonomische Auswirkungen. Behandelt Videotex-Systeme und das Potenzial zur Veränderung von Arbeit und Freizeit. Diagramm zur Technik.
Eine düstere Prognose über den Schaden, den der Computer in der Gesellschaft anrichten wird.

Die Homeoffice-Horror-Vision aus dem Oktober 1984

Wie üblich in der Schweiz waren auch die Bedenkenträger nicht weit. Die Christlich-soziale Gewerkschaftszeitung «Aktiv» unkte am 10. Oktober 1984 im Artikel Kollege Computer klopft auf die Schulter:

Gegen die allzu rasche Einführung von Videotex – wie der neuen Technologien überhaupt – ist von Gewerkschaftsvertretern Kritik laut geworden. Diese stossen sich vor allem daran, dass die neue Technik die Arbeitslosenzahl durch vermehrte Rationalisierung noch wesentlich erhöhen könnte, sowie – vor allem wenn der Hauptteil der Arbeit in der eigenen Wohnung zu erledigen ist – an den noch ungeregelten Arbeits- und Lohnverhältnissen und einem möglichen Verlust an Solidarität unter den einzelnen Gewerkschaftsmitgliedern.

Lustigerweise diskutieren die Gewerkschaften heute darüber, ob es ein Recht aufs Homeoffice braucht. Doch der Autor, Max-Peter Stüssi, stilisierte die neue Technik nicht nur zu einer Gefahr für Arbeiterinnen und Arbeiter im Land, sondern zur Bedrohung für die ganze Gesellschaft:

Wenn man zu Hause fast die gesamte Geschäftskorrespondenz erledigen kann, so ist man in der Tat innerhalb der eigenen vier Wände völlig isoliert. (…) Vielmehr wird dadurch unsere gesamtgesellschaftliche Solidarität – die Kontaktfähigkeit zwischen den einzelnen Mitgliedern unserer gesamten Gesellschaft schlechthin – gefährdet.

Speziell bedroht waren die Jugend und die Schulen:

Nicht zuletzt könnten solche Systeme unsere Schulen verändern. So dürfte die leibliche Präsenz des Lehrers – wie es beispielsweise in den USA und in Holland beim Gebrauch des Fernsehens oder des Videos für manche Klassenzimmer bereits zutrifft – erst recht überflüssig gemacht werden: Per Video erschiene das Gesicht des Lehrers, der per Telefon Antwort gäbe auf die ihm ebenfalls telefonisch übermittelten Fragen eines Schülers. Es scheint undenkbar, dass das Fehlen der physischen Präsenz des Lehrers im Klassenzimmer ohne gravierende Auswirkungen bliebe auf die Fähigkeit dieses Schülers, direkte persönliche Kontakte – sowohl auf geistiger wie auf gefühlsmässiger Ebene – anzuknüpfen.

Und nicht zuletzt sah Max-Peter Stüssi diese neue Technologie als Herrschaftsinstrument:

Gerade hierin scheint eine sehr grosse Gefahr zu liegen: dass nämlich die «Technologen» – jene, welche das Funktionieren, die Programmierung des Systems wirklich beherrschen – durch eine geschickte Auswahl der Software (der ins System einzufütternden Daten) eine herrschaftliche, «technokratische» Kontrolle über die ganz grosse Masse der Technologie-Unkundigen – der Tastendrücker – und deren Wünsche ausüben könnten.

Uff! Die harmlose Recherche nach den Anfängen des Online-Bankings mit einem nostalgischen Exkurs zum Videotex führt uns unvermittelt zu einer bitteren Frage, die schon beantwortet schien: Warum wirkt die Schweiz oft derart technologie- und fortschrittsfeindlich?

Links wie rechts hatte man Schiss vor der Maschine

Nach Max-Peter Stüssis Ausführungen kommen wir zum Schluss, dass sich bei den Bedenken alle verblüffend einig waren: die konservativen Kreise wie die Linken. Die NZZ sah «intelligente Maschinen» als Gefahr für die Freiheit und den menschlichen Geist. Die Befürchtungen im Gewerkschaftsblatt klangen ähnlich. Ein Unterschied liegt darin, dass wir uns bei Stüssis Auslassungen lebhaft vorstellen können, dass ein «böser Kapitalist» diese «technokratische Kontrolle» ausübt, während bei der NZZ die Bedrohung eher als Entwicklung dargestellt wird, die generell in die falsche Richtung läuft.

Was den Grad der ideologischen Verbohrtheit angeht, schmerzt es mich, feststellen zu müssen, dass er in «Aktiv» deutlich grösser war als in der NZZ. Zugegeben, die Grusel-Prognosen Stüssis wurden teilweise wahr: Der Distanzunterricht an den Schulen während der Corona-Pandemie hatte einen Wust von negativen Folgen. Wir müssen es als erwiesen betrachten, dass Leute wie Elon Musk und Mark Zuckerberg eine Art «herrschaftliche technokratische Kontrolle» über die Gesellschaft anstreben.

Doch es wäre übertrieben zu behaupten, dass die Einführung von Videotex und Online-Banking uns in direkter Linie an diesen Punkt geführt hätte. Nein, in dieser Entwicklung gab es viele, viele Zwischenstufen. Und, wer weiss, vielleicht wäre es anders gekommen, wenn sich die Zukunftserwartungen nicht in Fortschrittsverweigerung, sondern in kritischem Optimismus manifestiert hätten.

Fussnoten

1) Wahrscheinlich war ein DFÜ-Modem gemeint, das auch faxen kann – wäre meine Vermutung. Und wo wir bei den Ungereimtheiten sind: Wir könnten uns darüber wundern, wieso ein Videotex-Abonnement notwendig war, wo doch ein PC fürs Online-Banking zum Einsatz kam – denn Videotex wurde typischerweise über ein separates Terminal benutzt. Ab Ende der 1980er-Jahre war es auch möglich, Videotex an einem normalen PC zu verwenden.

2) Diese elektronische Bankkarte wurde wie folgt beschrieben:

Die Schalterhalle der Bank verliert rasch ihren Nimbus. In nicht allzu ferner Zukunft verkehrt der Kunde mit seiner Bank, ohne einen Schritt ausser Hauses zu tun.

In den Entwicklungsabteilungen der Elektronikindustrie und der Banken, wird emsig darauf hingearbeitet, dass verschiedene Funktionen in ein und derselben Plastikkarte vereinigt werden können, ohne gleichzeitig die Sicherheitsprobleme, wie Verlust oder Fälschung der Karten und Identifizierung des rechtmässigen Karteninhabers, zu vernachlässigen. So gibt es bereits heute Zukunftsvarianten, im Rahmen deren der Bankkunde eine einzige Plastikkarte besitzt, die als Legitimationsausweis quasi als Schlüssel zum eigenen Konto und den bankeigenen Automaten zu benutzen ist, zusätzlich aber auch den Zugang zu den gesamtschweizerischen Automatenketten und zur Bezahlung von Einkäufen im Detailhandel an sogenannten Point-of-sale-Terminals, erlaubt.

Bei letzteren handelt es sich um elektronische Kassenmaschinen, die nach Hineinstecken der Plastikkarten durch den Kunden automatisch den Rechnungsbetrag vom Bankkonto des Kunden (sogenannte Online-Version) oder von einem im Mikroprozessor der Karte gespeicherten Geldbetrag (sogenannte Speicherkarte) abziehen.

Siehe da – genauso ist es gekommen.

3) Ein weiteres Beispiel von mehreren: Die Zeitung «Der Bund» beschrieb am 5. August 1983 das Geschäften vom Lehrstuhl aus:

Bereits laufen aber auch Vorbereitungen für das «Home Shopping» und «Home Banking». Dabei kann der Kunde von seiner Wohnung aus über Videotex einkaufen und Bankgeschäfte erledigen. Technisch durchaus denkbar wäre der Einsatz ein und derselben Karte als allgemeine Identitätskarte und als Notfallausweis.

Nein, E-ID haben wir noch immer nicht. Aber bald!

4) Im Rahmen dieses nostalgischen Exkurses fragte ich mich auch, was aus der Swiss Online AG wurde – jenem Unternehmen, das Ende 1994 gegründet worden war, um das Videotex-Geschäft der Schweizer PTT zu betreiben. Es nahm am 18. Januar 1996 auch Aktivitäten im Internet auf. Die NZZ berichtete:

Mit der Kombination der Angebote im Videotex und im Internet werde Swiss Online in Zukunft zu einem der grössten elektronischen Marktplätze der Schweiz, wie die Gesellschaft weiter bekanntgab. Das Unternehmen tritt damit in Konkurrenz zu bestehenden Internet-Zugangsfirmen wie Eunet oder CompuServe.

Die Swiss Online AG wurde zum Internetprovider, der die Videotex-Angebote auch via Internet zugänglich machte. Und auch interessant zu wissen, ist, wie breit die Swiss Online AG abgestützt war:

Die Swiss Online war im Dezember 1994 gegründet worden und hatte von den Telecom PTT den Dienst Videotex übernommen. Aktionäre der Gesellschaft sind der Verband Schweizer Telematik-Anbieter, die drei Grossbanken SBG, SKA und SBV, die Zürcher Kantonalbank, der Schweizer Verband der Raiffeisenbanken, Grand Magasins Jelmoli, Publicitas, Swissair, Teledata sowie die Post und die Telecom PTT.

Mit Videotex war am Anfang der Nullerjahre Schluss. Die NZZ vermeldete am 6. Oktober 2000 das Ende:

Letzten Samstag ging in der Geschichte der Informationsgesellschaft Schweiz eine Epoche zu Ende: Swiss Online hat den Videotex-Dienst, den sie 1996 von den PTT übernommen hatte, abgeschaltet. Dieser Dienst verzeichnete zu seinen besten Zeiten über 120 000 Teilnehmer. Gegen das Netz der Netze konnte sich das geschlossene, zentralistisch organisierte, von einem Staatsbetrieb kontrollierte Videotex nicht behaupten.

Damit war auch das Ende der Swiss Online AG besiegelt. Sie war per Ende Juni 1998 von einem Konkurrenten übernommen worden, der mir hier im Blog anfänglich oft Stoff für bittere Tiraden bot: der Cablecom. Nach dem Ende von VTX gab es für den Kabelnetzbetreiber, der später UPC hiess und seinerseits 2019 von Sunrise übernommen wurde, keinen Grund mehr, an dieser geschichtsträchtigen Schweizer Marke festzuhalten. Sie verschwand sang- und klanglos aus der Berichterstattung und aus dem Schweizer Wirtschaftsbetrieb.

Ein Kommentar zu ««Kollege Computer» macht die Gesellschaft kaputt»:

  1. „Wir könnten uns darüber wundern, wieso ein Videotex-Abonnement notwendig war, wo doch ein PC fürs Online-Banking zum Einsatz kam“. Ich meine mich zu erinnern, dass dieses Abo den Dialup zum Videotex-Dienst ermöglicht hat, ähnlich wie später ein ISP den Zugang zum Internet erlaubt hat. Die Bank selber hat lediglich eine Seite innerhalb des Dienstes betrieben, und nicht Modems für die Enduser bereit gestellt.

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