Ich bin kein Fan von Meta und die KI-Strategie des Konzerns finde ich verheerend. Umso erschreckender, dass ich Meta AI selbst etwas abgewinnen kann: Mark Zuckerbergs künstliche Intelligenz ist manchmal schlagfertig. Und mir hat es die neue Animations-Funktion angetan, die Fotos oder Skizzen in kurze Videoclips verwandelt.
Sie heisst Vibes und wurde letzte Woche lanciert. Auf die grundsätzlichen Probleme komme ich gleich zu sprechen. Zuerst muss ich begründen, warum ich Spass beim Experimentieren habe. Für meinen ersten Versuch verwendete ich mein (schon öfter benutztes) Mordor-Selfie.
Aus dem Badezimmer nach Mordor
Auch dieses Mal war meine Idee, mich in einen Bewohner Mittelerdes zu verwandeln¹.
Und ja, am Ergebnis gibt es diverse Dinge auszusetzen:
- Die Verwandlung in den Elf findet abrupt statt; Haare und Hörner sind plötzlich da, statt langsam aus dem Kopf zu wachsen.
- Elfen haben keine Hörner.
- Der Jeansrock, den mir Meta verpasst, ist mehr als seltsam.
- Und die Begleiter sind seltsame, deformierte Doppelgänger meiner selbst.
Trotz der Fehler ist das unbestreitbar charmant: Wie sich die Badezimmertür öffnet und den Blick auf den Schicksalsberg freigibt, ist überraschend und sehenswert – Aufmerksamkeit erzeugt es auf alle Fälle.
Die Ameise
Für das zweite Beispiel muss ein weiterer meiner Testkandidaten herhalten: nämlich die velofahrende Ameise, mit der ich schon in Sora und in Google Veo experimentierte. Da bei Vibes eine Grafikdatei als Ausgangspunkt für die Animation benötigt wird, fertige ich per Maus eine simple Skizze an, wie ich mir dieses Motiv vorstelle.
Vibes nimmt diesen Entwurf und versetzt ihn in Bewegung. Die nicht ganz runden Räder werden eiernd animiert und die Beinchen zucken auf den Pedalen, auch wenn diese Spasmen nicht als Strampeln durchgehen können. Aber wie im Hintergrund eine Wiese auftaucht und die Ameise sich in die Landschaft hineinbewegt, ist hübsch.
Keine Frage: Mit Vibes ist es ein Klacks, eine dröge Grafik in einer Präsentation mit multimedialem Feuerwerk aufzupeppen. Und wie grossartig ist es für Kinder, wenn wir mittels Meta AI ihre Zeichnungen in einen Kurz-Trickfilm verwandeln?
Es steckt ohne Zweifel eine Menge kreatives Potenzial in dieser generativen KI. Was mich angeht, macht mir Vibes mehr Spass als Sora und Veo zusammen. Da die KI ein eigenes Motiv als Ausgangspunkt nimmt, ist das Resultat verbindlicher, als wenn wir nur einen Prompt übermitteln können.
Der Begeisterung zum Trotz: Viele Leute hassen Vibes
Diesem persönlichen Eindruck zum Trotz waren die Reaktionen auf Vibes ungnädig. Die Newsplattform «Techcrunch» malte das Horrorszenario einer KI-verseuchten Tiktok-Variante an die Wand:
Der beliebteste Kommentar zum Beitrag [von Metas KI-Chef Alexandr Wang] lautet: «Niemand will das», während eine andere Meinungsäusserung lautet: «Diggi postet KI-Schrott in seiner eigenen App». Ein weiterer Kommentar lautet: «Ich glaube, ich spreche für alle, wenn ich sage: Was …?»
Womit wir beim Anfang wären: Das Problem ist nicht das neue KI-Werkzeug an sich, sondern Metas Bestreben, die eigenen Plattformen auf Teufel komm raus mit Unmengen an KI-Inhalten zu fluten. Das muss man als Affront empfinden, wenn man auf Instagram schöne, selbstgemachte Fotos präsentieren und auf Facebook mit echten Menschen über reale Themen diskutieren möchte. In diesem Umfeld sind Animationen, so niedlich sie auch sein mögen, sinnlos.
So toll die Software, so sinnlos der Einsatzzweck
Mir ist ein Rätsel, was sich Meta davon verspricht, die eigenen Plattformen in ein KI-dominiertes Paralleluniversum zu verwandeln. Natürlich geht es irgendwie um Macht und darum, die User stärker an die eigenen Produkte zu binden. Vielleicht kann der AI Slop dazu beitragen. Doch genauso ist es möglich, dass Mark Zuckerberg selbst diese Strategie bislang nicht zu Ende gedacht hat.
Fazit: Ich empfehle Vibes gern – aber nicht, um mit belanglosem digitalem Müll sämtliche Kommunikationskanäle zu verstopfen. Stattdessen sollten wir ausloten, wie sich diese Animationen auf kreative und durchdachte Weise in bedeutsame und relevante Botschaften verwandeln lassen.
Fussnoten
1) Prompt:
Bitte verwandle diesen Mann in einen Elf in einer Umgebung, die an Mittelerde erinnert. Im Hintergrund gibt es einen ausbrechenden Vulkan, die Umgebung ist karg und öde. Der Mann hat keine Brille, keine Uhr und kein Smartphone in der Hand, stattdessen trägt er elbische Kleidung und einen langen Bart. In der linken Hand hält er einen Ring. Er dreht sich zum Berg um und marschiert dann mit anderen Elben los. ↩