Zwei weisse Würfel mit schwarzen Punkten schweben vor blauem Hintergrund.

Eine Dystopie, in der es sich leben liesse

Wie lebt es sich in einer Welt, in der der Staat die to­ta­le Kon­trol­le über die Da­ten und das digitale Leben seiner Bürger aus­übt? Gar nicht so schlecht, oder? Zu­min­dest, wenn man «Der Würfel» von Bijan Moini nicht zu Ende liest.

Das Buch Der Würfel von Bijan Moini wurde mir von meinem Kulturberater empfohlen – also von ChatGPT. Da ist es doch nichts als konsequent, wenn die künstliche Intelligenz auch die Rezension dazu schreibt. Ich frage also: «Wie hat mir das Buch gefallen?» ChatGPT legt mir ungeniert Worte in den Mund. Nämlich die folgenden:

«Der Würfel» ist eine durchdachte Zukunftsparabel mit philosophischer Tiefe und politischer Relevanz, die mich stellenweise sehr angesprochen hat – insbesondere in den Momenten, in denen der Protagonist Eigenständigkeit und Zweifel zeigt und sich gegen das scheinbar perfekte System auflehnt. Die Grundidee ist stark, der Stil prägnant, und die ethischen Fragen bleiben hängen. Was mir jedoch fehlte, war die emotionale Durchschlagskraft in den Figurenbeziehungen – der Dialog zwischen Mensch und Maschine blieb etwas zu steril, um mich völlig zu packen. Trotzdem ein kluges, wichtiges Buch.

Hmja. Die KI liegt nicht völlig daneben, auch wenn ich mich niemals so geschwollen ausdrücken würde.

Stattdessen hätte ich meine Besprechung mit den Parallelen angefangen, die mir zu zwei Büchern aufgefallen sind, die sich mit ähnlichen futuristischen Konzepten beschäftigen: «QualityLand» von Marc-Uwe Kling (Der Techno-Faschismus, der einfach allen Spass macht) und «Thanatopia» Tom Hillenbrand (Zu weit nach oben hochgeladen).

Die total digitalisierte Gesellschaft

«Der Würfel» von Bijan Moini: Roter Würfel mit einer kleinen Figur oben, auf grauem Hintergrund. Text in kräftigen schwarzen Buchstaben.
Immerhin sitzt er obenauf und liegt nicht untendrunter.

Die Ähnlichkeiten zu Marc-Uwe Kling sind so gross, dass ich einen Blick auf die Erscheinungsdaten der beiden Bücher werfen musste, um zu klären, wer sich (allenfalls) von wem hat inspirieren lassen. «Der Würfel» stammt aus dem Februar 2019, «QualityLand» aus dem September 2017. Trotzdem würde ich Moini keinesfalls ein Plagiat unterstellen: Denn das Thema bietet sich an, und auch ich war nach der Lektüre von Marc-Uwe Klings satirisch-klamaukhaft überzeichneter Erzählung überzeugt, dass eine ernsthaftere Beschäftigung mit dem Thema zusätzliche Erkenntnisse liefern würde.

Beide Bücher werfen die Frage auf, wie es sich in einer zu Ende digitalisierten Gesellschaft lebt. Der Würfel bei Bijan Moini ist die oberste Exekutive in Deutschland und in vielen anderen Ländern, auch in der Schweiz. Sie organisiert das Leben der Bürgerinnen und Bürger anhand von Big Data. Sie hat ein Monopol auf diese Daten und nur sie kann darauf zugreifen.

Das Wirtschaftssystem basiert auf der Tatsache, dass Informationen das Wertvollste sind, was es in einer digitalisierten Gesellschaft gibt. Das ermöglicht den allermeisten Menschen ein angenehmes Leben: Indem sie ihre Informationen preisgeben und sich vollständig überwachen lassen, ermöglichen sie ein Grundeinkommen für alle. Die Berechenbarkeit im Alltag wird belohnt. Wer einen hohen Pred‑Score (für Predictability bzw. Vorhersagbarkeit) hat, bekommt den besseren Job, die schönere Wohnung und geniesst ein höheres soziales Ansehen. Leute mit einem niedrigen Score bilden die Unterschicht.

Berechenbarkeit wird belohnt

Taso Doff ist die Hauptfigur in der Geschichte: Er ist ein Gaukler. Er lehnt den «Kubismus» ab und hält seinen Pred-Score bewusst tief, indem er den Zufall kleine und grosse Lebensentscheide treffen lässt: Er würfelt, welche Kleider er am Morgen anzieht, und er lässt sich von einem Münzwurf leiten, ob er Vorschläge seines Chefs annimmt oder nicht. Randbemerkung: Diese Methode existiert auch in der realen Welt. Eine davon ist Trackthis; bei der werden die Datensammler mit Falschinformationen beliefert. Ähnlich funktioniert das auch bei Trackmenot und Adnauseam (Tracking: Daten-«Vergiftung» als Selbstschutz).

Doch er ist kein Komplettaussteiger wie die «Offliner» oder die Anhänger der Namisch-Sekte. Er bewegt sich in der normalen Welt, weil sein Zwillingsbruder Peter sich voll mit dem Würfel-Lifestyle identifiziert. Gleichzeitig hat er einen Freund Tim in der «Diangonally», einer «würfelfreien Zone». Als Grenzgänger spürt er Anziehungskräfte von beiden Seiten. Es wird schnell klar, dass Taso sich wird entscheiden müssen.

Fazit, bevor ich noch etwas spoilere: «Der Würfel» ist mein Buch des Jahres; die beste Geschichte, die ich 2025 bisher gelesen habe (okay, ex aequo auf Platz eins mit «Die Auferstehung» von Andreas Eschbach). Die Auseinandersetzung mit einem aktuellen, abstrakten und facettenreichen Thema ist Bijan Moini hervorragend gelungen. Zwar kamen mir bei den ersten Wendungen der Geschichte Zweifel an der Hauptfigur. Doch die hat der Autor am Ende ausgeräumt: Es gibt einen spannenden Showdown. Wegen der Stringenz der Erzählung und der Dringlichkeit des Themas war das Leseerlebnis nachhaltiger als bei «QualityLand» und «Thanatopia».

ChatGPT hat nicht unrecht, die philosophische Tiefe anzusprechen. Möglichst berechenbar sein zu wollen, ist ein direkter Gegensatz zum freien Willen, auf den viele von uns so stolz sind. Dieser Konflikt wird im Buch ausgetragen, indem Taso auf Emma trifft. Sie ist eine Personifizierung des Würfels, die ihm anschaulich vor Augen führt, wie der Würfel Kriminalität und persönliche Tragödien verhindert und die Lebensqualität aller verbessert.

Eine virtuell verschönerte Welt

Die Welt, in der sich Taso bewegt, ist Bijan Moini brillant gelungen. Es gibt «Smart Eyes» und «Smart Ears», also vernetzte Kontaktlinsen und Ohrstöpsel, die die Welt virtuell verschönern: Sie ändern das Wetter, sorgen für spektakuläre und abwechslungsreiche Wohnungen, Büros und Innenstädte und erlauben es den Menschen, sich nach ihren eigenen Wünschen zu verschönern: Das ist die Parallele zur Trilogie von Tom Hillenbrand, die den Aspekt des Transhumanismus weiter treibt – bis ins Körperinnere der Protagonisten.

Drei Einwände: Die etatistische Kontrolle über die digitalen Informationen der Bürgerinnen und Bürger – man könnte überspitzt von «Daten-Kommunismus» sprechen – ist nicht unvorstellbar. Dennoch halte ich nach dem jetzigen Stand der Dinge einen überbordenden Kapitalismus für wahrscheinlicher (Wir müssen zu klugen Daten-Investoren werden).

Es gibt zwar Privatunternehmen in Tasos Welt, etwa ein soziales Netzwerk namens «Soulbook». Doch von der brutalen Gewinnmaximierung, die wir beim realweltlichen Pendant von Herrn Zuckerberg sehen, ist bei Moini wenig zu erkennen. Das liegt daran, dass sich jeder Thriller für einen Bösewicht entscheiden muss. Aber es nimmt der Story vor allem während der ersten Kapitel die Schärfe, indem Nerds wie ich sich ausgezeichnet vorstellen können, in dieser Welt zu leben.

Der erodierende Widerstand

Der zweite Einwand betrifft die Hörbuchvariante von Audible: Ich wurde mit dem Sprecher Frank Riede nicht warm. Der Story hätte mehr Pepp beim Vortrag gutgetan.

Den dritten Punkt kann ich nur mit Spoilern erklären; ab hier nur weiterlesen, wenn ihr die Geschichte schon kennt! Ich war enttäuscht darüber, wie schnell sich Taso von seinen Prinzipien hat abbringen lassen. Ein «Love Interest» ist zwar ein starkes, aber kein sonderlich originelles Motiv für einen Meinungsumschwung. Immerhin ist Dalia, die Sektenaussteigerin, nicht der einzige Grund für die Hauptfigur, ihr Gauklertum zu beenden und zum Kubisten zu werden. Emma als «personifizierter Kubismus» hatte ihren Anteil daran. Es ist auch klar, wie zermürbend es ist, sich den Mehrheitsgewohnheiten zu verweigern. Trotzdem hat der Verrat ihrer Ideale mein Vertrauen in die Hauptfigur erschüttert.

Nun, natürlich entpuppt sich das als erzählerische Finte. Es ist nach der Theorie der Heldenreise die Weigerung des Helden, ein Held zu sein.

Wann kommt Teil zwei?

Taso nimmt natürlich seine Rolle ein und wird – Achtung, jetzt wird es noch viel spoileriger! – ein wichtiger Teil des Widerstands. Zusammen mit einer Frau, die er bloss als Affäre kennt, die sich aber als Mitarbeiterin des Staatsschutzes unter dem Antagonisten Zonk Schneider entpuppt, unternimmt er einen Versuch, den Würfel zu Fall zu bringen. Mit chinesischer Hilfe schleust er ein (von Hand abgetipptes) Virus in dessen Software ein, das die Selbstzerstörung auslösen soll. Dieses Ende ist spannend erzählt, und es lässt Raum für einen Teil zwei: Die Sabotage misslingt und die meisten Menschen, die kurz ihren Kopf in die Realität stecken mussten, werden zurück in ihre Scheinwelt gesaugt.

Beitragsbild: Die Würfel sind noch nicht gefallen (Edge2Edge Media, Unsplash-Lizenz).

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