Drei Comicfiguren: Ein Druide mit Kessel, eine rundliche Figur mit Zöpfen und eine Figur mit Flügelhelm, die aus einem kleinen Gefäss trinkt. Alle stehen draussen auf einer Oberfläche.

Nur beim Schliessmuskel muss ChatGPT passen

Noch vor Jahren war die ma­schi­nel­le Über­setzung eine Lach­num­mer. Doch die Zeiten von bla­mab­len Com­pu­ter­über­tra­gungen sind vorbei: Trotz einer gerade­zu fiesen Auf­ga­ben­stel­lung liefern ChatGPT und Mistral Le Chat sich nur kleine Blös­sen.

Wer erinnert sich daran, wie schlecht früher oft Benutzerhandbücher und Software übersetzt waren? In meinem Archiv gibt es drei haarsträubende Beispiele von 1999, wo der Text in den Dialogboxen nur ansatzweise zu erahnen ist. Und hier findet sich eine flammende Verteidigungsrede von 1999: Nicht lächerlich, sondern hilfreich!

26 Jahre später ist das ein gelöstes Problem. Wenn der Ursprungstext nicht völlig unverständlich ist, lässt sich mit den grossen Sprachmodellen eine Übertragung erzielen, die vielleicht nicht so elegant ist, wie wenn ein Mensch mit Sprachgefühl sie erstellt hätte. Aber sie ist orthografisch und grammatikalisch in Ordnung. Und in aller Regel sogar einleuchtend.

Wie souverän sich die grossen Sprachmodelle bei dieser Disziplin schlagen, beweist dieser Versuch hier. Ich hatte die Idee, mir Texte aus dem Deutschen ins Lateinische und zurück ins Deutsche übersetzen zu lassen. Das würde eine besonders hohe Hürde bedeuten, vermutete ich. Und ja, bei lichter Betrachtung ist diese Ausgangslage sogar höchst unfair: Latein ist eine «tote Sprache». Es fehlt ihr am modernen Wortschatz, der für aktuelle Themen zwingend ist. Diesem Handicap zum Trotz hat sich die künstliche Intelligenz nicht lumpen lassen, wie folgende drei Beispiele zeigen:

1) Asterix

Erstens müssen sich die Sprachmodelle mit einem Text herumschlagen, bei dem sich Antike und Gegenwart ein Stelldichein liefern. Es handelt sich um einen Abschnitt aus einer Abhandlung über Asterix – einen Comic, der mehr für unser Lateinverständnis getan hat als die meisten Altphilologen an den Gymnasien:

Asterix, eine Geschichtsgroteske über den gleichnamigen gallischen Antihelden, wurde von Albert Uderzo und René Goscinny erschaffen. Im französischen Jugendmagazin «Pilote» erschien erstmals im Herbst 1959 ein Abenteuer der kampflustigen Gallier. Bereits zwei Jahre später war die Serie so populär, dass ein erstes Comicalbum «Astérix le Gaulois» produziert wurde. Es folgten weitere 33 Alben, die mehr als 310 Millionen Mal in über 100 Sprachen und Dialekten verkauft wurden, acht abendfüllende Zeichentrickfilme und drei Realverfilmungen. Asterix wurde zu einem westeuropäischen Comicphänomen.

Diesen Text habe ich von ChatGPT ins Latein übertragen¹ und von Mistral Le Chat zurück nach Deutsch übersetzen lassen. Das ist das Resultat:

Asterix, eine historische Komödie über einen gleichnamigen gallischen Anti-Helden, wurde von Albert Uderzo und René Goscinny geschaffen. In einem französischen Jugendmagazin namens Pilote erschien im frühen Herbst des Jahres 1959 die Geschichte über die kämpferischen Gallier. Schon nach zwei Jahren war die Serie so populär, dass der erste Comicband, Asterix der Gallier, produziert wurde. Seitdem folgten dreiunddreissig weitere Bände, mit mehr als 320 Millionen verkauften Exemplaren in über 100 Sprachen und Dialekten, acht animierte Langfilme und drei Realverfilmungen. Asterix entwickelte sich zu einem Comic-Phänomen Westeuropas.

Wir sehen: Die Geschichtsgroteske wurde zur historischen Komödie («comoedia historica»), was deutlich weniger prägnant ist. Ansonsten ist nichts auszusetzen – mit Ausnahme des Details, dass aus 310 Millionen verkauften Alben 320 Millionen Exemplare wurden. Den Fehler hat, falls ich es richtig sehe, Le Chat verbrochen («trecenties decies centena milia» sollte korrekt sein).

2) iPhone-Handbuch

Da es unverständliche Dialogboxen waren, die mich auf die Idee dieses Experiments brachten, darf ein Beispiel aus dem Digitalbereich nicht fehlen. Das Rohmaterial liefert das iPhone-Handbuch mit der Passage zur Installation der SIM-Karte:

Dein iPhone benötigt eine physische SIM oder eine eSIM, um eine Verbindung zu einem Mobilfunknetz aufzubauen. (Nicht alle Funktionen sind in allen Ländern und Regionen verfügbar. Auf iPhone 14- und neueren Modellen, die in den USA erworben wurden, kannst du nur eSIMs verwenden.) Kontaktiere deinen Mobilfunkanbieter, um eine SIM zu erhalten und einen Mobilfunktarif einzurichten.

eSIM konfigurieren: Unterstützte iPhone-Modelle können eine von deinem Mobilfunkanbieter bereitgestellte eSIM digital speichern. Wenn dein Mobilfunkanbieter entweder die Anbieteraktivierung oder Schnellübertragung für eSIM unterstützt, kannst du dein iPhone einschalten und die Anleitungen befolgen, um deine eSIM während der Konfiguration zu aktivieren.

Die Version in Latein stammt von ChatGPT², was von Le Chat Mistral wie folgt auf Deutsch übertragen wird:

Dein iPhone benötigt entweder eine physische SIM-Karte oder eine eSIM, um eine Verbindung zum Mobilfunknetz herzustellen. (Nicht alle Funktionen sind in allen Regionen oder Provinzen verfügbar. Bei iPhone 14-Modellen und neueren, die in den Vereinigten Staaten gekauft wurden, kann nur eine eSIM verwendet werden.) Wende dich an deinen Telekommunikationsanbieter, um eine SIM-Karte zu erhalten und einen Mobilfunkvertrag abzuschliessen.

Einrichtung der eSIM: Kompatible iPhone-Modelle können eine von deinem Anbieter bereitgestellte eSIM digital speichern. Wenn dein Anbieter die Aktivierung über den Anbieter oder die schnelle Übertragung der eSIM unterstützt, kannst du dein iPhone einschalten und den Anweisungen auf dem Bildschirm folgen, um die eSIM im Rahmen des Einrichtungssprozesses zu aktivieren.

Mir gefällt ausgezeichnet, dass die «Ländern und Regionen» zu «Regionen oder Provinzen» werden. Uns springen auch die Vereinigten Staaten ins Auge, die zu Zeiten Caesars bekanntlich nicht existierten. Aber die wörtliche Übersetzung («Civitatibus Foederatis») ist klar genug, dass sie unfallfrei hin- und zurückübersetzt werden kann. Das gilt offenbar auch für den Mobilfunkanbieter, der zwar zum Telekommunikationsanbieter mutiert, aber verständlich bleibt.

Natürlich hätte ein Römer von damals mit einem Schulterzucken auf den «operatori telecommunicationum» reagiert. Aber weil unsere Sprache bis heute vom Latein geprägt ist, ergeben sich die lateinischen Varianten dieser modernen Begriffe wie auch «rete mobili» fast von selbst. Die SIM bzw. eSIM hat ChatGPT im lateinischen Text beibehalten. Nicht originell, aber die richtige Entscheidung.

Schliesslich drängt sich ein Verdacht auf: Apples Anleitung könnte zu den Trainingsdaten von Le Chat gehören. Wir sollten davon ausgehen, dass das Sprachmodell über die Funktionen der SIM Bescheid weiss und die Interpretation des lateinischen Textes auch deswegen keine grosse Herausforderung darstellt.

Nahaufnahme einer alten, handgeschriebenen lateinischen Manuskriptseite. Die vergilbte Seite zeigt detaillierte und kunstvolle Schrift in dunkler Tinte, mit Notizen und Linien dazwischen.
Die Entmystifizierung durch die KI schreitet voran – auch das Latein ist daran, seinen Ruch als antike Geheimsprache zu verlieren (Magda Ehlers, Pexels-Lizenz).

3) «Snow Crash»

Buchcover von «Snow Crash» von Neal Stephenson. Im Vordergrund steht eine Gestalt vor einem futuristischen Motorrad. Hintergrund aus Lichtern und Strukturen. Text: «Neubearbeitung des Cyberpunk-Kultbuchs».
Eine Herausforderung auch für die Person, die die «Neuübersetzung» abgeliefert hat.

Wie steht es um einen literarischen Text, bei dem die technoiden Visionen des Autors die Hauptrolle spielen? Für den dritten Versuch verwende ich einen Ausschnitt aus Snow Crash (Amazon) von Neal Stephenson:

Seitdem lässt der Deliverator die Pistole im Handschuhfach, verlässt sich stattdessen auf ein zusammengehöriges Paar Samuraischwerter, die ohnehin schon immer die Waffen seiner Wahl gewesen sind. Die Punks in Gila Highlands hatten keine Angst vor der Pistole, also war der Deliverator gezwungen gewesen, sie zu benutzen. Schwerter jedoch bedürfen keiner Vorführung.

In den Batterien seines Autos steckt genügend Energiepotenzial, um ein Pfund Speck in den Asteroidengürtel zu schiessen. Doch im Gegensatz zu einer Mommybox oder einem Burbbeater entlädt das Auto des Deliverators seine Energie durch klaffende, funkelnde, glanzpolierte Schliessmuskeln.

Aus dem ChatGPT-Latein³ entsteht dieses Mistral-Deutsch:

Seit dieser Zeit lässt der Deliverator die Waffe im Handschuhfach des Fahrzeugs und zieht stattdessen ein Paar miteinander verbundener Samurai-Schwerter vor, die von Anfang an seine bevorzugten Waffen waren. Die Bewohner der Region Gila Highlands fürchteten die Schwerter kaum; daher war der Deliverator gezwungen, die Waffe tatsächlich einzusetzen. Doch die Schwerter bedürfen keiner Zurschaustellung.

In den Energiespeichern seines Fahrzeugs steckt genug Leistung, um ein Pfund Speck in den Asteroidengürtel zu schicken. Doch im Gegensatz zu den Familienkutschen oder den sogenannten «Burbbeatern» entfaltet das Gefährt des Deliverators seine Kraft durch blendende, glänzende, kunstvoll polierte Öffnungen – um es so auszudrücken – die einem die Sinne rauben.

Bei den Punks muss die KI passen: Sie werden zu «incolae», zu Bewohnern. Pistolen waren zu Caesars Zeiten nicht gebräuchlich. ChatGPT kam nicht auf die Idee, das Wort «Feuerwaffe» wörtlich zu übersetzen, sondern verwendet stattdessen eine generische Waffe und ebnet den Weg zur Verwechslung mit den Schwertern.

Ansonsten: «Energiespeicher» statt «Batterie» ist ausgezeichnet; und «Familienkutsche» statt «Mommybox» ist definitiv leichter zu verstehen. Bei den «Burbbeatern» macht es sich ChatGPT zu einfach, produziert jedoch keinen Fehler. Unverzeihlich ist indes die Verwandlung des «Schliessmuskels» zur «Öffnung». ChatGPT ist sich dieses Ausrutschers bewusst, indem der Bot ihn durch die eigenmächtig eingestreute Floskel «ut dixeris» (könnte man sagen) zu relativieren versucht. Ich gehe davon aus, dass diese Verharmlosung durch die für die Sprachmodelle so typische Prüderie verursacht wird. Am Vokabular fehlt es keinesfalls, denn alles, was mit Medizin zu tun hat, wird durch die lateinische Sprache perfekt abgedeckt. Der Schliessmuskel ist, so kolportiert es Wikipedia, der sphincter.

Fazit: Was die künstliche Intelligenz bei diesem Test abliefert, übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Bei Apples Technokratensprech fällt das Endresultat sogar eleganter aus, und es ist leichter zu lesen als das Original. Die Zeiten, in denen wir uns über die Mängel der maschinellen Übersetzungen lustig machen konnten, sind definitiv vorbei.

Fussnoten

1) Das ist die Latein-Variante von ChatGPT:

Asterix, comoedia historica de anti-heroë Gallo eiusdem nominis, a Alberto Uderzo et Renato Goscinny creata est. In commentariolo Francogallico iuvenum, Pilote nomine, primo ineunte autumno anni millesimi nongentesimi quinquagesimi noni narratio de Gallis pugnacibus apparuit. Iam post duos annos series adeo popularis erat ut primum volumen pictum, Astérix le Gaulois, produceretur. Inde triginta tres alii libri secuti sunt, plus quam trecenties decies centena milia exemplarium in plus quam centum linguas atque dialectos divenditi, octo pelliculae animatae longae, tres pelliculae cinematographicae cum actoribus vivis. Asterix in phaenomenon comicum Europae occidentalis evasit.

2) Die lateinische Variante der iPhone-Anleitung, angefertigt von ChatGPT:

Tuum iPhone aut SIM physicam aut eSIM requirit, ut nexum cum rete mobili constituat. (Non omnes functiones in omnibus regionibus vel provinciis praesto sunt. In exemplaribus iPhone 14 et recentioribus, quae in Civitatibus Foederatis empta sunt, tantum eSIM adhiberi potest.) Ad SIM obtinendam et consilium mobile constituendum, operam da tuo operatori telecommunicationum.

Configuratio eSIM: Exemplaria iPhone compatibilia eSIM a tuo operatore provisam digitaliter recondere possunt. Si operator tuus activationem per operatorem vel transmissionem celerem eSIM sustinet, iPhone tuum accendere potes et mandatis in schermo propositis obsequi, ut eSIM in ipso processu configurationis activetur.

3) Der Ausschnitt aus «Snow Crash» in der Latein-Übersetzung von Le Chat:

Ex eo tempore, Deliverator telum in loculo vehiculi reconditum relinquit atque potius par gladiōrum samuraiōrum sibi coniunctum sequitur, quae ab initio arma sibi praeoptata fuisse constat. Incolae regionis Gila Highlands gladiōs parum verebantur; quare Deliverator coactus est telum vere adhibēre. At gladii ostentatione non egent.

In repositōriis vehiculī eius tantum inest potentiae electricae ut libra lardi in zonam asteroidum emit- tenda sit. Sed, dissimile est illud vehiculum a machinis matronalibus vel «Burbbeater» appellatis: Deliveratoris currus vim suam emittit per hiatus coruscantes, nitidissimos, arte politos — ut dixeris — claudendi nervos.

Beitragsbild: Diese drei haben den Römern auch ohne künstliche Intelligenz auf die Sprünge geholfen (Ralphs_Fotos, Pexels-Lizenz).

Kommentar verfassen